Verhalten Das Geheimrezept der Liebe

Von Kerstin Viering 

Buntbarsche mit unterschiedlicher Persönlichkeit werden sich im Laufe einer Beziehung ähnlicher. Ob das auch für Menschen gilt, ist noch unklar.

Gleich und gleich gesellt sich gern – doch woran liegt das eigentlich? Foto: Mauritius
Gleich und gleich gesellt sich gern – doch woran liegt das eigentlich? Foto: Mauritius

Stuttgart - Man muss ja nicht gleich im Partnerlook herumlaufen. Oder sämtliche Hobbys und Ansichten teilen. Doch ein gewisses Maß an Übereinstimmung scheinen Menschen in einer Beziehung durchaus zu schätzen. Etliche Studien zeigen, dass sich langjährige Paare in bestimmten Facetten ihrer Persönlichkeit ähnlicher sind als zwei x-beliebige Personen. Wer etwa einen Hang zum Chaos hat, chronisch unpünktlich ist und selten aufräumt, lebt selten auf Dauer mit einem pflichtbewussten Ordnungsfanatiker zusammen. Und wer gerne Neues erlebt, hat meist keinen Gefährten, der am liebsten auf eingefahrenen Bahnen unterwegs ist. Einigkeit in solchen Fragen scheint sowohl für die Dauer der Partnerschaft als auch für die Zufriedenheit des Paares günstig zu sein.

Wie aber entsteht eine harmonische Beziehung? Lassen sich die meisten erst gar nicht auf allzu abweichende Charaktere ein? Oder passen die Partner ihr Verhalten mit der Zeit aneinander an und werden sich immer ähnlicher? „Darauf liefern die Studien am Menschen bisher keine eindeutigen Antworten“, sagt Chloé Laubu von der Université de Bourgogne in Dijon. Sie und ihr Team haben daher nach Parallelen im Tierreich gesucht. Denn warum sollten die Prinzipien erfolgreicher Paarbeziehungen nicht auch für andere Arten gelten?

Noch vor ein paar Jahrzehnten hätte sich kaum ein Biologe diese Frage gestellt. Schließlich gab es damals massive Zweifel, dass Tiere überhaupt eine Persönlichkeit besitzen. Jeder Gorilla oder Elefant verhalte sich einfach entsprechend seiner Art, seines Alters und seines Geschlechts, so hieß es. Für mehr Individualismus sei da kein Platz. Inzwischen aber haben viele Untersuchungen gezeigt, dass Mitglieder derselben Art ihren Alltag oft auf ganz verschiedene Weise meistern. Auch unter Säugetieren, Vögeln und Fischen gibt es demnach Draufgänger und Angsthasen, Entdecker und Stubenhocker, Schlägertypen und Pazifisten.

Bei der Brutpflege ist Teamwork gefragt

Wie ihre menschlichen Pendants scheinen auch tierische Partner ganz ähnlich zu ticken. „Das gilt vor allem für Paare, die eine langfristige Bindung eingehen und sich gemeinsam um den Nachwuchs kümmern“, erklärt Chloé Laubu. In solchen Fällen ist schließlich Teamwork gefragt. Mal gilt es, mit vereinten Kräften Rivalen in die Flucht zu schlagen. Dann wieder müssen Vogelpaare die Besuche am Nest so koordinieren, dass kein Feind auf die Brut aufmerksam wird. Das alles aber scheint umso besser zu klappen, je ähnlicher sich die Partner sind.

Zwei eher aggressiv gepolte Tiere konzentrieren sich zum Beispiel auf die Revierverteidigung, zwei defensivere eher auf die Nahrungssuche und die Versorgung des Nachwuchses. Solange die Gefährten an einem Strang ziehen, können beide Strategien zum Ziel führen. Doch wenn der eine auf Angriff und der andere auf Rückzug setzt, wird es schwierig. „Ähnliche Partner haben deshalb oft einen besseren Fortpflanzungserfolg“, sagt Chloé Laubu. Nachgewiesen haben Wissenschaftler das zum Beispiel bei Zebrafinken, Kohlmeisen und etlichen anderen Vogelarten.

Bisher galt ein strenges Auswahlverfahren als Erfolgsrezept für die tierische Paarbeziehung. Warum sich einen Gefährten ans Bein binden, mit dem man nicht harmoniert und daher kaum Nachwuchs durchbringt? Aus biologischer Sicht wäre das keine sinnvolle Strategie. Tatsächlich lassen sich etliche Vogelarten in Laborversuchen am liebsten mit Artgenossen ein, mit denen sie viel gemeinsam haben. Und auch monogame Säugetiere wie die Ährenmaus kommen mit ähnlich gestrickten Nager-Persönlichkeiten häufiger und rascher zur Sache.

Kompromisse bei der Partnerwahl

„In der Natur ist es allerdings oft schwierig und zeitaufwendig, einen perfekt passenden Partner zu finden“, gibt Chloé Laubu zu Bedenken. Wer allzu wählerisch ist, sitzt am Ende womöglich alleine da. Auch Tiere müssen bei der Partnerwahl Kompromisse machen. Da wäre es äußerst praktisch, wenn zwei frischgebackene Gefährten ihr Verhalten aneinander anpassen und so trotz unterschiedlicher Persönlichkeiten zu einem harmonischen Miteinander finden könnten. Allerdings wusste bis vor kurzem niemand, ob das tatsächlich klappt – bis Chloé Laubu und ihre Kollegen einen Blick ins Familienleben des Buntbarsches Amatitlania siquia warfen.

Die bis zu acht Zentimeter langen Fische schwimmen in mittelamerikanischen Flüssen. Männchen und Weibchen leben in festen Paaren, die den Nachwuchs gemeinsam versorgen und gegen Feinde verteidigen. Welche Rolle spielt dabei die Ähnlichkeit der Partner? Um das herauszufinden, haben die Forscher mehr als hundert Fische einem Persönlichkeitstest unterzogen: Wie aggressiv reagiert das einzelne Tier auf fremde Artgenossen? Erkundet es neugierig eine fremde Umgebung? Frisst es unbekanntes Futter? Wie rasch räumt es das Nest wieder auf, wenn man Kies hinein streut? Anhand solcher Verhaltensweisen ließen sich aggressive und entdeckungsfreudige von eher zurückhaltenden Fischen unterscheiden. Auf Basis der Ergebnisse wurden die Tiere so verkuppelt, dass die Partner mal gut harmonierten und mal nicht.

Harmonische Fischpaare sind fruchtbarer

Ungleiche Gefährten wurden sich dabei mit der Zeit tatsächlich ähnlicher. Und das zahlte sich auch aus: Je besser sich die Persönlichkeiten aneinander anglichen, umso früher begann das Weibchen mit der Eiablage und umso mehr Laich fand sich im Nest. Manche der zunächst sehr unterschiedlichen Gespanne setzten am Ende genauso viel Nachwuchs in die Welt wie solche, die von Anfang an zueinander gepasst hatten.

„Wir vermuten, dass sich auch andere monogame Tiere an die Persönlichkeit ihres Partners anpassen können“, sagt Cloé Laubu. Ob auch der Mensch für eine harmonische Beziehung sein Verhalten ändert, sei allerdings schwer zu untersuchen. Wer will sich schon für ein wissenschaftliches Experiment mit einem Partner verkuppeln lassen, der nicht zu ihm passt? Psychologen analysieren stattdessen meist die Persönlichkeiten bestehender Paare und schauen dann, ob sich im Laufe der Jahre größere Ähnlichkeiten entwickeln. Etliche solcher Studien haben keine Hinweise auf deutliche Verhaltensänderungen gefunden. Das könnte auch daran liegen, dass sie den entscheidenden Zeitpunkt verpasst haben, meint Chloé Laubu. Falls sich die wichtigsten Anpassungen innerhalb von ein paar Wochen vollziehen, könne man nach mehreren Jahren natürlich keine Veränderung mehr finden. Die Forscherin warnt aber vor voreiligen Schlüssen. Es sei durchaus möglich, dass sich auch Menschen-Paare mit der Zeit ähnlicher werden. „Bis jetzt wissen wir es aber einfach nicht“.

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