Verkehr in Baden-Württemberg Radfahrer kämpfen um mehr Platz auf den Straßen

Von Simon Sachseder, dpa 

Immer mehr Menschen in Baden-Württemberg fahren Fahrrad. Obwohl eine bessere Infrastruktur für die Radler gewollt ist, stockt es in vielen Städten wie Stuttgart. Ein Vorkämpfer ist ausgerechnet ein Auto-Ingenieur.

Während es für Autos viele Spuren gibt, mangelt es an Radwegen in Städten wie Stuttgart. Foto: dpa
Während es für Autos viele Spuren gibt, mangelt es an Radwegen in Städten wie Stuttgart. Foto: dpa

Stuttgart - Sechs Spuren haben Autos und Lastwagen auf der Heilbronner Straße in der Nähe des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Thijs Lucas steht auf dem Gehweg und ärgert sich. „Für Radfahrer bleibt hier nichts“, sagt er. „Wir müssen uns mit den Fußgängern einen Gehweg teilen.“ Der 32-Jährige fährt mit seinem Zweirad weiter, die Heilbronner Straße führt über eine Brücke. „Hier ist der Weg einen Meter breit - es ist aber ein Zweirichtungsradweg. Das geht nicht.“

Thijs Lucas will die Stadt Stuttgart zwingen, solche Dinge zu ändern. Er ist Ingenieur bei einem Autobauer - und gleichzeitig einer der Initiatoren des Stuttgarter „Radentscheids“. Die Gemeinschaft fordert im Kern den Ausbau eines Fahrradnetzes in der Landeshauptstadt. Ein Ziel ist beispielsweise der innerstädtische Bau von mindestens 33 Kilometern Hauptradrouten pro Jahr. Auch in Tübingen gibt es einen Radentscheid, die Ziele dafür werden gerade festgelegt.

Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will, dass nicht nur in den beiden Städten, sondern im ganzen Südwesten viel mehr Menschen im Sattel sitzen. „Wir haben ein klares Ziel: Wir wollen Baden-Württemberg bis 2030 zum fahrradfreundlichen Spitzenland machen und den Radverkehrsanteil auf 20 Prozent bringen“, sagt er. Davon ist das Land momentan allerdings noch weit entfernt. Hermann wollte auch einst den Radanteil am Verkehr bis 2020 auf 16 Prozent verdoppeln. Nun räumt er ein, dass es damit wohl nichts mehr wird. „2020 werden wir nicht schaffen“, sagt er.

Städte sind für viele Radwege zuständig

Als überzeugter Radler will der Minister die Verdopplung des Anteils bis 2030 trotzdem schaffen. „Wenn die Kommunen mitziehen, sind 20 Prozent gut realisierbar“, meint er im Gespräch mit der dpa. Für viele Radwege sind aber die Gemeinden oder Städte zuständig. Deshalb sei das Verkehrsministerium auf eine Partnerschaft mit den Kommunen angewiesen, sagt Hermann. Diese haben zwar prinzipiell nichts dagegen, aber: „Wenn das Land will, dass die Ausbauziele klappen, dann muss das Land das bezahlen“, sagt etwa die Verkehrsdezernentin des Südwest-Städtetages, Susanne Nusser.

Neben der Finanzierung stellt sich noch ein ganz anderes Problem. Will die Stadt einen neuen Radweg bauen, muss Fläche geschaffen werden. „Das geht in den meisten Städten mit wenig Platz letztendlich nur zu Lasten des ruhenden PKW-Verkehrs, also der Parkspuren - oder einer Fahrspur weniger, sofern vorhanden“, sagt Hermann.

FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke hält wenig von Einschränkungen für den Auto- und Lastwagenverkehr und fordert: „Ein klares Ja für den Radverkehr aber Nein zu ideologischen Verblendungen und der Bekämpfung einzelner Verkehrsträger.“

Die Landesvorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) Gudrun Zühlke sieht da kein Problem: Eine Umverteilung sei gewünscht. Baue man Radwege, gebe es mehr Menschen die vom Auto auf das Fahrrad umsteigen würden. Folglich würden weniger Parkplätze gebraucht. Zühlke lobt die Ziele der Landesregierung. Allerdings habe sich die Lage für Radfahrer in den letzten fünf Jahren kaum verbessert. Das liege daran, dass die Radwege zu 80 Prozent von den Kommunen gebaut werden - die hätten zu wenig Mittel und vor allem zu wenig geschulte Mitarbeiter. Bei den Radverkehrsplanern sei der Markt derzeit komplett leer gefegt.

Fahrverboten soll mehr Radverkehr folgen

Von Personalproblemen will der Städtetag nicht sprechen. Verkehrsdezernentin Nusser verweist auf die konjunkturelle Lage. Es sei schwer ein Unternehmen zu finden, dass Radinfrastruktur zu einem vernünftigen Preis baue. Die Baufirmen seien momentan oft zu teuer.

Als unbestritten gilt, dass in Baden-Württemberg immer mehr Menschen radfahren, laut dem MID stieg der Verkehrsanteil von acht Prozent im Jahr 2008 auf zehn Prozent im Jahr 2017. Die Stadt Stuttgart verzeichnet nach eigenen Angaben seit 2014 einen jährlichen Zuwachs von acht Prozent.

Für Thijs Lucas vom Stuttgarter „Radentscheid“ ist das nicht genug. „In Stuttgart fahren nur Leute Fahrrad, die es schon können“, sagt er. Die anderen trauten sich gar nicht. Auch deshalb kämpft er für eine bessere Radinfrastruktur in der Landeshauptstadt. Für das Bürgerbegehren des Radentscheids haben im letzten Jahr 35.000 Stuttgarter unterschrieben, genug für einen Bürgerentscheid. Unklar ist derzeit, ob die Forderungen der Initiative rechtlich richtig formuliert sind. Der Gemeinderat denkt darüber nach, viele Ziele trotzdem umzusetzen.

Als Autohasser sieht sich Thijs Lucas nicht, ganz im Gegenteil. Die Tatkraft des 32-Jährigen fürs Fahrrad geht nach seinen Worten zurück auf die Diesel-Fahrverbote. „Als sich 2016 abgezeichnet hat, dass die Fahrverbote kommen, war ich wütend“, sagt er. Seine Lösung als Ingenieur: Mehr Radverkehr. Dann müssten nicht mehr so viele Autos fahren, die Luft wäre besser - und die Verbote gar nicht notwendig.