Vertretungslehrer in Baden-Württemberg Für die Sommerferien gibt’s keinen Cent

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Referendare und befristet eingesetzte Lehrer beklagen, dass ihre Bezahlung jedes Jahr mit dem letzten Schultag endet. Im Bundesvergleich hat Baden-Württemberg die höchste Ferienarbeitslosigkeit bei Lehrern

Rund 3800 Lehrer in Baden-Württemberg haben nur befristete Verträge Foto: dpa/Patrick Pleul
Rund 3800 Lehrer in Baden-Württemberg haben nur befristete Verträge Foto: dpa/Patrick Pleul

Stuttgart - Die Gymnasiallehrerin Julia M. (31) unterrichtet gern, der Beruf macht ihr Spaß, und seit März arbeitet sie vertretungsweise an einer Berufsschule in der Region Stuttgart. Der Start ins Beamtentum ist für sie nicht einfach, ihr Referendariat hatte sie im Februar 2019 beendet. Mit der Leistungsziffer 2,4 wusste sie, dass es in ihren Fächern nicht leicht werden würde. „Wenn man keine Note von 1,9 hat, ist man so gut wie verloren. Es kommen ja jedes Jahr neue Absolventen hinzu mit besseren Noten“, sagt sie. Mit Vertretungen als befristet angestellte Lehrerin hangelt sich Julia M. derzeit durchs Berufsleben, dabei hat sie bei gleicher Arbeit einen geringeren Verdienst als verbeamtete Kollegen.

Das sei eine „unverschämte“ Behandlung, sagte eine junge Lehrerin

Das sei okay, sagt sie: „Aber dass ich jedes Mal kurz vor den Sommerferien entlassen werde und meinen Lohn nur bis zum letzten Schultag erhalte, das empfinde ich als unverschämt.“ Der Lebenspartner von Julia M. ist so erbost über die Situation, dass er den Kontakt zur Presse gesucht hat: Er empfinde die Situation als „Leiharbeit durch den Staat“, die das Paar sogar in finanzielle Schwierigkeiten stürze. Man habe eine Miete von 1350 Euro, seine Partnerin erhalte wegen fehlender Anwartschaftszeit kein Arbeitslosengeld, und einen Anspruch auf Hartz 4 habe sie auch nicht, da er mit einem Einkommen von 2500 Euro netto zu Unterhalt verpflichtet sei.

Für Martina Scherer, Vorsitzende der Jungen Philologen im Philologenverband Baden-Württemberg, ist das Problem ein Dauerbrenner: „Jedes Jahr leiden Tausende Referendare und befristet beschäftigte junge Lehrkräfte pünktlich mit dem letzten Schultag unter einer unsäglichen Praxis der Landesregierung. Sie werden in die Arbeitslosigkeit entlassen.“ Sie hätten dann weder Geld für ihren Lebensunterhalt noch für Urlaub, um die „Akkus“ aufzuladen. Es seit entwürdigend, wenn junge motivierte Lehrkräfte „wie Tagelöhner und Lückenbüßer“ behandelt werden.

Für Engpässe werden die „Befristeten“ dringend gebraucht

Gerade in der Corona-Krise fällt ein neues Schlaglicht auf das Problem. Denn Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) geht davon aus, dass das Land zum Ersatz für Lehrpersonal, das zur Hochrisikogruppe gehört, „die Anzahl der Vertretungslehrer hochsetzen muss“. Bisher sieht das Ministerium keinen Anlass, seinen Zahlungsmodus zu ändern. Auf Anfrage teilt es mit, dass seit 2019 „länger andauernde Elternzeitvertretungen gleich über den gesamten Vertretungszeitraum“ geschlossen werden können, unabhängig vom Schuljahresturnus. Das bedeute, dass sich die Verträge auch über die Sommerferien erstreckten. Der Philologenverband hält dem entgegen, dass die Regierungspräsidien solche Verträge nur selten anböten.

Laut Ministerium sind 97 Prozent der rund 120 000 Lehrer im Land verbeamtet oder unbefristet angestellt. „Um flexibel auf Engpässe reagieren zu können, sind auch befristete Verträge notwendig“, heißt es. Derzeit seien das 3800, darunter seien 600 pensionierte Lehrer. „Zur Wahrheit gehört auch, dass nicht wenige Lehrkräfte eine befristete Krankheitsvertretung wollen, statt sich auf eine unbefristete Stelle zu bewerben, die nicht ihrem Ortswunsch entspricht“, teilt das Ministerium mit.

Andere Bundesländer zahlen in den Ferien

Doro Moritz, Landeschefin der Gewerkschaft GEW stimmt der Ansicht zu, schätzt aber dennoch, das zumindest die Hälfte der Vertretungslehrer – also 1900 – eine dauerhafte Festanstellung wünschen. Zur Gruppe der Betroffenen gehörten Quereinsteiger und sogenannte Nichterfüller, die nicht alle Qualifikationen fürs Lehramt haben (beispielsweise nur das erste Staatsexamen). „Jenen, die sich bewährt haben und beispielsweise seit vier Jahren einen guten Job machen, sollte das Ministerium einen Weg zur Entfristung der Verträge bieten“, sagt Moritz: „Man sollte ihnen auch Angebote zur Weiterbildung machen.“ Im Übrigen hätten bereits mehrere Länder die Bezahlung in den Sommerferien für Vertretungslehrer eingeführt. Laut Recherche unserer Zeitung gehören dazu das Saarland, Sachsen und Rheinland-Pfalz, insoweit der Vertretungsvertrag vor dem 1. März geschlossen worden ist. Auch in Hessen wird – wenn es sich nicht um sehr kurzfristige Verträge handelt – in den Ferien „durchgezahlt“. In Bayern ist das der Fall, wenn die Vertretung in den ersten vier Wochen des Schuljahres begonnen wurde.

Gewerkschaft hat das Problem auf dem Schirm

Auch der VBE in Stuttgart hat das Problem auf dem Schirm. Manche der Vertretungslehrer arbeiteten seit Jahren befristet. Das seien „Kettenverträge“, die juristisch umso bedenklicher werden, je länger der Zustand anhalte, sagt Bernhard Rimmele, Referatsleiter für Arbeitnehmerfragen beim VBE. Darunter seien Lehrkräfte mit nur einem Staatsexamen, ausländische Lehrkräfte ohne Anerkennung, Hochschulabsolventen aus „affinen Bereichen“ wie Sport, Musik, Kunst oder Religion. Auch treffe dies auf den Sonderschulbereich zu, wo Lehrkräfte aus therapeutischen oder erzieherischen Berufen arbeiten. Auch der VBE sei der Ansicht, dass „voll ausgebildete Lehrkräfte“ an den Schulen tätig sein sollten, aber um den Lehrermangel gerade im ländlichen Raum zu decken, müssten auch „pädagogisch geeignete Ersatzlehrkräfte die Lücken füllen“ können. „Das Land hat als Arbeitgeber eine Vorbildfunktion, es kann bewährte Lehrkräfte nicht jedes Jahr von einer Befristung in die nächste schicken“, sagt Rimmele. Die Schaffung von 50 Planstellen für sogenannte Nichterfüller aus dem Sonderschulbereich solle „nun endlich“ im neuen Schuljahr erfolgen. Aber die Hürden dafür seien noch sehr hoch.

Laut einer Studie der Agentur für Arbeit ist Baden-Württemberg bundesweit das Land mit der höchsten Sommerarbeitslosigkeit unter Lehrkräften: 2019 waren davon 1790 Lehrer betroffen, es folgten Bayern (750) sowie Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen (jeweils 450).

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