InterviewVfB-Profi Dennis Aogo „Fußballprofi ist nichts für Jedermann“

Von Dirk Preiß 

VfB-Profi Dennis Aogo spricht über soziale Netzwerke, die Aussagen von Per Mertesacker und die schwierigen Begleiterscheinungen seines Berufs.

Profi mit klarem Standpunkt: Dennis Aogo Foto: dpa
Profi mit klarem Standpunkt: Dennis Aogo Foto: dpa

Stuttgart - Der Fußball diskutiert in diesen Tagen viel über die Seelenbeichte von Ex-Nationalspieler Per Mertesacker. Dennis Aogo (31) hat selbst mit dem Profi von Arsenal London zusammengespielt und zu all dem eine klare Meinung: „Da stehen Menschen auf dem Spielfeld, und man sollte vorsichtig sein, wie man mit ihnen umgeht.“

Herr Aogo, am Freitag treten Sie mit dem VfB Stuttgart beim SC Freiburg an. Ein besonderes Spiel?
Zumindest ist es etwas anderes, als wenn ich gegen einen Club antrete, bei dem ich nicht selbst schon gespielt habe.
Beim Sportclub sind Sie vom Jugendspieler zum Profi geworden, insgesamt waren Sie sechs Jahre lang dort.
Deshalb erinnere ich mich auch noch an viele Erlebnisse, die ich seinerzeit hatte.
Zum Beispiel?
In Freiburg liegen die Anfänge meiner Profikarriere. Ich wurde im Internat ausgebildet – unter anderem von Christian Streich, dem heutigen Cheftrainer –, ich habe mein Bundesligadebüt gegeben und als 17-Jähriger den Abstieg erlebt. Da ist viel passiert, deshalb war es für mich eine prägende Phase.
Sie kamen als 15-Jähriger und haben Freiburg mit 21 Jahren verlassen.
Eben. Das ist eine spezielle Zeit für einen jungen Menschen.
Mit Irrungen und Wirrungen.

„Ich führe ein privilegiertes Leben“

Auch das ist richtig. Umso wichtiger war es, dass es in Freiburg Menschen gab, die in dieser Zeit für mich da waren. Ich habe zu dieser Zeit Halt gesucht und gebraucht, die Personen dort – vor allem Christian Streich – haben mir diesen Halt gegeben. Und somit die Möglichkeit der zu werden, der ich heute bin.
Sie engagieren sich seit einigen Monaten im sozialen Bereich, spenden zwei Prozent Ihres Gehalts. Hat dies auch etwas mit den Erfahrungen in Freiburg zu tun.
Nicht direkt. Ich bin mir einfach bewusst, dass ich als Bundesligaprofi ein privilegiertes Leben führe – und dass es nicht allen so gut geht. Daher möchte ich etwas zurückgeben. Andererseits habe ich in meiner Karriere auch oft genug gesehen, wie Träume geplatzt sind und die jungen Fußballer, die alles auf eine Karte gesetzt haben, dann vor dem nichts standen. Diesen jungen Menschen zu helfen, im normalen Leben Fuß zu fassen, Anschluss zu finden. Das könnte ein Bereich sein, mit dem ich mich sehr gut identifizieren und in dem ich mir ein Engagement vorstellen kann.
Gibt es schon konkrete Projekte?
Noch nicht, da ich noch schauen möchte, mit welchen Organisation ich zusammen etwas auf die Beine stellen kann. Bis zum Sommer möchte ich aber entschieden haben, wo und wie ich mich engagiere.
Dazwischen steht der Endspurt in der Bundesliga an – und am Freitag das Auswärtsspiel in Freiburg. Ist es ein Vorteil für den VfB, dass der SC eher punkten muss?
Das glaube ich nicht. Die Freiburger sind es gewohnt, gegen den Abstieg zu kämpfen. Wichtig wird sein, dass wir wieder voll dagegen halten, dann können wir einen echten Big Point holen.
Die Stimmung dürfte jetzt schon eher entspannt sein nach zuletzt 14 Punkten aus sechs Spielen.

Warum der Druck nie weg ist

Siege tragen natürlich zu einer gewissen Entspannung bei, klar. Man geht mit einem anderen Gefühl zum Training, empfindet auch mehr Spaß – von daher ist die Stimmung natürlich besser als noch vor wenigen Wochen. Es ist ein schöneres Arbeiten.
Der Druck lässt nach.
Das sehe ich anders. Der Druck ist im Fußball eigentlich nie wirklich weg.
Warum?
Weil man sich Woche für Woche neu beweisen und den Erfolg bestätigen muss.
Zu diesem Thema hat Per Mertesacker vor einigen Tagen interessante Einblicke gegeben. Es ging um Druck und Stress im Profialltag – und um die möglichen Folgen. Können Sie das nachvollziehen, dass Spieler damit physische und psychische Probleme haben?
Ja, weil ich im Laufe meiner Karriere unterschiedlichste Charaktere kennengelernt habe. Der eine kann besser mit den Begleiterscheinungen der Profibranche umgehen, der andere weniger gut. Dass Per einer ist, der damit zu kämpfen hat, überraschte mich allerdings. Er machte auf mich immer einen sehr stabilen und ausgeglichenen Eindruck.
Seine Offenheit zeigt: Der Schein kann trügen.
Und sie zeigt auch: Als Fußballprofi ständig beobachtet und kritisiert zu werden, immer abliefern zu müssen – das ist nichts für jedermann. Es gibt junge, talentierte Sportler, die sind dafür nicht gemacht, werden aber in diese Rolle gedrängt.
Warum?

Der Traum vom Profifußball und vielen Geld

Weil es doch als der Traum schlechthin gilt, Fußballprofi zu werden, viel Geld zu verdienen.
Per Mertesacker hat genau das geschafft, ist Weltmeister geworden, spielt heute beim FC Arsenal.
Wenn ein solch renommierter Spieler solche Empfindungen beschreibt, beweist das nur eines: Dass hinter jeder Fassade am Ende immer auch ein Mensch steckt, der genauso Probleme haben kann, mit bestimmten Dingen umzugehen wie andere auch. Das ist für mich die eigentliche Botschaft von Pers Aussagen, vor denen ich großen Respekt habe. Da stehen Menschen auf dem Spielfeld, und man sollte vorsichtig sein, wie man mit ihnen umgeht. Ich wünsche mir ab und zu etwas mehr Verständnis – egal, ob von Zuschauern, Fans oder Medien.
Ist der Druck im Profifußball generell zu groß?
In jedem Job, der hohe Anforderungen und große Verantwortung mit sich bringt und gut bezahlt ist, gibt es Stress und Druck. Den richtigen Umgang damit muss man lernen, ebenso, dass man bestimmte Dinge nicht so nahe an sich heranlässt. Der Unterschied zwischen Sport und Wirtschaft aber ist, dass im Sport die beteiligten Menschen meist sehr jung sind. Ein Profifußballer ist zumeist zwischen 17 und 30 Jahre alt, ein Top-Manager in der Wirtschaft hat in der Regel ein bisschen mehr Lebenserfahrung vorzuweisen. Junge Sportler sind in ihrer Persönlichkeit noch nicht so ausgereift – den Druck dennoch auszuhalten ist nicht immer einfach.
Welche Rolle spielt die Öffentlichkeit dabei? Werden manche Probleme dadurch potenziert?
Auf jeden Fall. Nehmen Sie die sozialen Netzwerke im Internet, da wird kritisiert, beleidigt, gemobbt. Es scheint fast so, als sei dort alles erlaubt. Wenn nun ein Spieler ohnehin schon Probleme damit hat, sein Gleichgewicht zu finden, sind diese zusätzlichen Einflüsse natürlich Gift.
Sie sprechen von möglichen Reaktionen nach einem Spiel, Per Mertesacker beschreibt aber seine Probleme vor den Partien. Wie hängt das eine mit dem anderen zusammen?
In der Regel sind Fußballer zunächst jung und unbedarft. Sie denken nicht allzu viel über Konsequenzen nach. Kommen sie dann aber in die eben beschriebene Situation, kann es sein, dass sie vor dem nächsten Spiel darüber nachdenken. Plötzlich stellt sich die Frage: Was wäre, wenn? Das führt zu Stress, mit dem einige Schwierigkeiten haben. Das sind nicht wenige, auf der anderen Seite gibt es viele, die damit keine Probleme haben oder sich zumindest nicht extrem davon beeinflussen lassen – und das über eine jahrelange Karriere hinweg.

Aogos Appell: Nicht nur Schwarz-Weiß sehen

Was ist das Erfolgsrezept im Umgang mit den Begleitumständen einer Profikarriere?
Man muss schauen, dass man als Spieler immer die Waage hält. Im Erfolgsfall darf nicht alles super sein, im Falle des Misserfolgs nicht alle superschlecht.
Klingt erst einmal einfach.
Dieses Gleichgewicht immer wieder herzustellen kostet aber Energie, dafür muss man stark sein. Deshalb sage ich: Kein Profi, der zehn bis 15 Jahre im Geschäft ist, kann ein schwacher Charakter sein. Das geht gar nicht.
Per Mertesacker ist so lange im Geschäft.
Und er hat vermutlich immer wieder um dieses Gleichgewicht gekämpft, um auf Top-Niveau spielen zu können.
Kennen Sie diesen inneren Kampf?
Ich bin seit 14 Jahren im Profigeschäft, muss immer wieder auf das Top-Level kommen. Selbstverständlich kenne ich diesen Kampf, glücklicherweise ohne die Begleiterscheinungen, wie sie Per Mertesacker beschrieben hat.
Bedeutet?
Ich denke, dass ich es für mich ganz gut hinbekomme – sonst wäre ich längst nicht mehr dabei. Aber klar ist auch: Dieser Kampf hört nie auf, man muss sich immer wieder neu beweisen. Das ist Teil des Spiels, das muss man wissen.
Sie haben selbst mal gesagt, Sie müssten nichts mehr beweisen . . .
. . . aber das war Blödsinn. Denn vor allem geht es ja auch darum, sich selbst etwas zu beweisen. Ich will immer meine bestmögliche Leistung bringen, in jedem Training. Einfach mal locker machen, da sind wir wieder am Anfang unseres Gesprächs, das gibt es aus meiner Sicht im Fußball nicht.
Mit Blick auf den Rest der Saison: Der Klassenverbleib ist nah, was sind Ihre persönlichen Ziele für die nächsten acht Spiele?
Ich will jeden Tag der Beste sein, der ich sein kann.



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