InterviewVfB Stuttgart gegen Jahn Regensburg Ottmar Hitzfeld: „Meine sechs Tore waren mir fast peinlich“

Von Marco Seliger 

Am Samstag (13 Uhr) empfängt der VfB Stuttgart Jahn Regensburg. Älteren VfB-Fans klingeln die Ohren: Regensburg – da war doch mal was! Wir haben mit dem damaligen VfB-Torjäger Ottmar Hitzfeld über das historische Spiel gesprochen.

Umjubelter Sechsfachtorschütze: Ottmar Hitzfeld (Mi.), umrahmt von seinen Mannschaftskollegen Bernd Martin (li.) und Helmut Dietterle. Foto: Baumann 10 Bilder
Umjubelter Sechsfachtorschütze: Ottmar Hitzfeld (Mi.), umrahmt von seinen Mannschaftskollegen Bernd Martin (li.) und Helmut Dietterle. Foto: Baumann

Stuttgart - Der VfB Stuttgart trifft an diesem Samstag in der zweiten Liga auf Jahn Regensburg (13 Uhr) – es ist eine Paarung, die große Erinnerungen weckt. Denn beim Duell vor 43 Jahren legte der spätere Erfolgstrainer Ottmar Hitzfeld als Stürmer des VfB einen legendären Auftritt hin und schrieb mit seinen sechs Toren Fußballgeschichte.

Herr Hitzfeld, am 13. Mai 1977 stand Ihr Name sechsmal auf der Anzeigetafel des Neckarstadions – was kommt Ihnen heute als Erstes in den Sinn, wenn Sie an dieses Spiel mit Ihren sechs Toren gegen Jahn Regensburg zurückdenken?

Die ganze Aufstiegseuphorie, die damals schon am vorletzten Spieltag herrschte – eine Woche später haben wir den Aufstieg dann ja klargemacht. Und dass mir das Ganze mit meinen sechs Toren fast schon ein bisschen peinlich war.

Warum denn das?

Na ja, ich war schon immer ein Teamplayer, und ich habe auch an meine Mannschaftskollegen gedacht, an meinen Stürmerkollegen Dieter Hoeneß zum Beispiel. Ich habe mich gefragt, was denen wohl so durch den Kopf geht, wenn plötzlich einer sechsmal trifft. Mir war das alles fast ein bisschen unangenehm. Nachdem ich schon in der ersten Halbzeit viermal getroffen hatte, dachte ich für mich in der Kabine, dass das jetzt reicht.

„Der Ball ist mir an diesem Abend immer gefolgt“

Tat es nicht, Sie trafen weitere zweimal – haben Sie im Rückblick irgendeine logische Erklärung für Ihren sagenhaften Auftritt?

Es gibt als Stürmer diese Spiele, in denen man immer richtig steht. Ich hatte das Gefühl, dass mir der Ball an diesem Abend immer gefolgt ist – und dort hingekommen ist, wo ich schon stand. Es lief alles perfekt, so ist das manchmal im Fußball – eine rationale Erklärung gibt es dafür nicht.

Ihr Vater saß damals auf der Tribüne und muss mächtig stolz gewesen sein.

Ja, das war er. Er kam ja nicht oft von Lörrach nach Stuttgart, um sich unsere Spiele anzuschauen, vielleicht ein- bis zweimal im Jahr. Dann war er ausgerechnet an diesem Abend da. Er konnte es kaum fassen mit meinen sechs Toren – hinterher haben wir den emotionalen Moment zusammen genossen.

Ihr sechster Treffer gegen Regensburg in der 83. Minute war gleichzeitig das 100. Saisontor des VfB in dieser Saison, der berühmte Stuttgarter Hundert-Tore-Sturm war damit geboren. Sie wurden mit 22 Treffern Torschützenkönig der zweiten Liga, Kapitän Hermann Ohlicher (15 Tore) und Dieter Hoeneß (13) waren ebenfalls Erfolgsgaranten – was hat Ihre Truppe damals ausgezeichnet?

Man muss schon sagen, dass wir damals im Grunde eine Erstligamannschaft in der zweiten Liga waren. Sie haben unsere Angriffsreihe angesprochen – dazu schaffte der junge Hansi Müller seinen Durchbruch, wir hatten den jugoslawischen Nationalspieler Dragan Holcer in der Abwehr, dazu Helmut Roleder im Tor. Es hat einfach gepasst.

Und der damals 37-jährige Trainer Jürgen Sundermann ließ Sie von der Leine und setzte voll auf Angriff.

„Auch zu meinen Zeiten wurde es beim VfB schnell unruhig“

Genau. Er war ein Verfechter des Offensivfußballs und lebte das vor. Er hat zudem dafür gesorgt, dass wir stets als Einheit aufgetreten sind. Dass wir ein recht verschworener Haufen waren, war sein Verdienst.

Wie trat Sundermann in der Kabine auf?

Er war ein Topmotivator, er hatte bei den Sitzungen vor dem Spiel immer Schweißperlen auf der Stirn, weil er so enthusiastisch zur Mannschaft sprach. Er war ein Toptrainer, immer offen und ehrlich.

Heute, mehr als 40 Jahre später, kamen und gingen die Trainer beim VfB zuletzt fast im Halbjahrestakt, Ihr Ex-Club ist wieder in der zweiten Liga gelandet und trifft dort auf den SSV Jahn Regensburg. Was lief da aus Ihrer Sicht schief in den vergangenen Jahren?

Um ins vereinspolitische Detail zu gehen, bekomme ich aus der südbadischen Ferne zu wenig mit (lacht). Aber generell kann man sagen, dass bei vielen Traditionsvereinen wie dem VfB oder auch dem HSV im Umfeld oft zu große Erwartungen herrschen. Wenn es nicht läuft, wird es schnell unruhig, auch auf der Führungsebene. Und auch die Fans werden dann schneller unruhig. Aber das war ja auch schon zu meinen Zeiten beim VfB so.

Erzählen Sie!

Unser Linksaußen Klaus-Dieter Jank hatte manchmal vor den Heimspielen Albträume, weil auf der Gegentribüne des Neckarstadions gerne mal recht ausdauernd gebruddelt wurde und er zumindest eine Halbzeit lang alles abbekam. (Anmerkung: Das Interview mit Ottmar Hitzfeld erschien erstmals im September 2019)

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