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Vive-la-Vie-Festival in Stuttgart Besser als "Generation Beziehungsunfähig"

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Menschen um die 30 gelten hierzulande aktuell als "Generation Beziehungsunfähig". Die Musiker und das Publikum beim Vive-la-Vie-Festival am Stuttgarter Killesberg zeichnen am Samstag ein ganz anderes, viel sympathischeres Bild dieser Altersgruppe.

Marit und Klaus ist eigentlich nur Marit und hat beim Vive-la-Vie-Festival am Killesberg vom Älterwerden gesungen. Weitere Bilder vom Samstagabend zeigt die Fotostrecke. Foto: Jan Georg Plavec 15 Bilder
Marit und Klaus ist eigentlich nur Marit und hat beim Vive-la-Vie-Festival am Killesberg vom Älterwerden gesungen. Weitere Bilder vom Samstagabend zeigt die Fotostrecke. Foto: Jan Georg Plavec

Stuttgart - Zumindest in Deutschland haben die Um-die-Dreißigjährigen einen neuen Generationenstempel: Generation Beziehungsunfähig, Michael Nast hat das Label geprägt, in ein paar Tagen kommt er noch einmal nach Stuttgart. Den Vertretern dieser zur Selbstdiagnose neigenden Kohorte (für die "beziehungsunfähig" eine über tatsächliches Bindungsverhalten hinausreichende Chiffre darstellt) ist am Samstagabend eine ganz anders geartete Beschreibung der selben Altersgruppe entgegengesetzt worden, wenngleich ohne vermarktbares Label.

Wobei, Vive la Vie taugt schon als Marke. Die vierte Ausgabe des vom Stuttgarter Feierabendkollektiv organisierten Festivals findet wieder in Eliszis Jahrmarktstheater statt, einem Bereich mit historischen Fahrgeschäften samt Zirkuszelt im Höhenpark Killesberg. Da drinnen ist es schön warm, und das ist Punkt eins dieses Generationenporträts: man rückt gern zusammen, man mag es gemütlich. Ehe hier der Verdacht von zu viel Spießigkeit aufkommt, folgt sogleich Punkt zwei: Die gut 200 Leute im Zelt und auf der Bühne sind hübsch selbstironisch.

Schlampazius 2029

Different Paul aus Stuttgart zum Beispiel, deren Sänger Philipp Kitzberger mühelos zwischen Honoratiorenschwäbisch in den Ansagen und irischem Akzent beim Singen umschaltet und berichtet, wie seine Hippieeltern ihm Farb- und Privatfernsehen sowie Urlaube im Center-Parc vorenthalten haben, weswegen er auf dem Schulhof gehänselt wurde. Dazu tragen die Musiker graue Westen (lange als Bühnenoutfit vernachlässigt!) und spielen irgendwas zwischen Dixie, Irish Folk und, wie sie selbst sagen, Ragtime.

Sie singen über sterbende Supermarktbasilikumpflanzen und haben dem Kind von Freunden einen Song geschrieben, das ihm dereinst in der Pubertät helfen soll, seine Eltern nicht ganz so blöd zu finden. "When it's 2029, come and visit Schlampazius ..." Und alle fragen sich in dem Moment, ob dann Ramon dort wohl immer noch Chili kocht ...

Anders als die Generation Beziehungsunfähig ist die Generation Vive la Vie mit sich und ihren Eltern offenbar im Reinen. Sonst würden sie nicht über einen aus der Zeit gefallenen Ort wie das Schlampazius singen und dort auch Konzerte veranstalten. 

Das Schlampazius ist wie das benachbarte Laboratorium nicht nur einfach eine Veranstaltungs- respektive Trinkstätte mit jahrzehntelanger Geschichte, es ist auch die materialisierte Tradition von Singer/Songwriter-Musik, die schon immer das Zeitgeschehen mal heiter, mal nachdenklich kommentiert. Heute führen in Stuttgart beispielsweise die Songslammer und eben das Feierabendkollektiv diese Tradition weiter.

Auch mit dem Vive-la-Vie-Festival: Marit und Klaus, die nur als Marit auf die Bühne tritt, trägt Geschichten aus dem Studentenwohnheim vor, von ihrem Klassenkampf-Lover und vom Freiburger Vauban-Viertel, wo sie herkommt. "Ich habe ja seit kurzem ein Smartphone", gesteht die Bald-30-Jährige. Das ist die Generation Grün-Schwarz, die alternativ und konservativ zusammenbringt. Und es ist die Generation Mittelschicht, die sich eben im Studentenwohnheim kennenlernt und sich jetzt fragt, wie sie es sich in einer in mancherlei Hinsicht unbequemen Welt so gemütlich einrichten kann wie ihre Eltern es getan haben.

 

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Die Musiker auf der Bühne holen das Publikum mit solchen Fragen und den dazugehörigen Geschichten ab. Sie muten ihren Zuhörern keine kreischenden Gitarren und keinen jaulenden Gesang zu, sondern lästern wie der Hamburger Joseh über die Werbeindustrie, der sie zum Glück entkommen sind - weil dort wie anderswo wir normalen Arbeitnehmer schaffen, während der Chef die Moneten einheimst. 

Die Fackel der Revolution will diese Musik trotzdem nicht aus dem Zirkuszelt am Kilesberg tragen. Feuer kann aber auch wärmen. Und Wärme braucht man an diesem kalten Wieder-Winter-Abend ganz besonders.

 

 




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