Vom „Sarotti-Mohr“ zum „kleinen Neger“ Jim Knopf Nostalgie, Kultur oder doch Rassismus?

Von Andrea Kachelrieß 

„Mohrenkopf“ und „Negerlein" – sind das harmlose, historische Begriffe oder diskriminierende Reste aus Kolonialzeit? In Mannheim wird aktuell um eine Theken-Deko gestritten. Vor Jahren stand der „kleine Neger“ aus Michael Endes Roman „Jim Knopf“ im Fokus.

Jim Knopf kam als Baby in einem Schuhkarton nach Lummerland: „Das dürfte vermutlich ein kleiner Neger sein“, vermutete einer der Ureinwohner. Darf man das schreiben? Foto: Thienemann-Verlag
Jim Knopf kam als Baby in einem Schuhkarton nach Lummerland: „Das dürfte vermutlich ein kleiner Neger sein“, vermutete einer der Ureinwohner. Darf man das schreiben? Foto: Thienemann-Verlag

Stuttgart - Am „Sarotti-Mohr“ scheiden sich die Geister. Das erfährt gerade das Mannheimer Kulturzentrum Capitol: Über seiner Theke prangen zwei „Mohren“-Embleme, die in der Quadratestadt zu erbitterten Diskussionen führen. Bereits vor einigen Jahren stand ein ähnlich nettes Wesen mit dunkler Hautfarbe im Fokus einer Rassismus-Debatte, bis der Stuttgarter Thienemann-Verlag 2015 entschied, dass das Wort „Neger“ in Michael Endes Roman „Jim Knopf“ bleiben darf. Der damalige Verleger Klaus Willberg erklärte: „Als die Bewohner Lummerlands rufen: ,Ein schwarzes Baby!’ bemerkt Herr Ärmel: ,Das dürfte vermutlich ein kleiner Neger sein.’ Würde man das Wort Neger hier ersetzen, wäre der ganze Witz weg. Es gibt auch bei Michael Ende ideelle Erben, die darauf achten, dass seine Werke nicht verfälscht werden. Ganz abgesehen davon, dass wir daran auch gar kein Interesse haben.“

Am 9. August 1960 war „Jim Knopf“ im Stuttgarter Thienemann-Verlag erschienen. Zum 50. Geburtstag 2010 gratulierten viele dem Kinderbuch-Helden; das beste Geschenk aber brachte Julia Voss mit: Sie zeigte, dass Michael Ende mit Jim Knopf eine historische Figur aufgreift, um die Ideologie vom Recht des Stärkeren zu hinterfragen, die ja auch Ausgangspunkt für Rassismus ist.

Jemmy Button kam als Geisel nach England

Julia Voss blickte dafür zurück auf die Zeiten von Charles Darwin. An Bord der Beagle, dem Schiff, mit dem der Naturforscher einst reiste, befand sich auch ein kleiner, dunkelhäutiger Feuerländer. Jemmy Button, dessen Name, wie Darwin notierte, „seinen Kaufpreis beinhalte“, sollte aus England zurück in seine Heimat gebracht werden. Dort, in Feuerland, hatten die Engländer zwei Jahre zuvor den Jungen im Tausch gegen einen Perlmuttknopf erworben. Er war wie andere Leidensgenossen ein Faustpfand bei den Auseinandersetzungen, die es bei der für die Schifffahrt wichtigen Kartografierung der feuerländischen Küste mit den Einwohnern regelmäßig gab. Die Engländer hatten allerdings die große Zahl verschiedener Stämme nicht bedacht und wurden nicht alle Geiseln wieder los; so kam Jemmy Button nach England.

Als Julia Voss bei ihrer Dissertation über die Schriften Darwins auf den Namen Jemmy Button stieß, fiel ihr auf, dass der kleine Passagier der Beagle, übersetzt man seinen Namen, genauso hieß wie der Held eines deutschsprachigen Kinderbuchs: Jim Knopf. Der von Michael Ende zu Beginn seiner berühmt gewordenen Abenteuergeschichten per Paket auf die Insel Lummerland verschickte Junge ist niemand anderes als der historische Jemmy Button. In ihrem Buch „Darwins Jim Knopf“ lädt Voss ein zu einer neuen Lektüre des modernen Kinderbuch-Klassikers, die spannender nicht sein könnte.

Michael Ende zeigt Darwins Theorie in neuem Licht

Liest man noch einmal, wie Ende den Begleiter Darwins auf eine neue Reise schickt, die just die Folgen von dessen Evolutionstheorie hinterfragt, erscheint Altbekanntes in neuem Licht. Denn mit der Fahrt von Lukas dem Lokomotivführer und Jim Knopf in die Drachenstadt inszeniert Michael Ende auch den Ausbruch aus einer Sackgasse, so Voss, in die das 20. Jahrhundert seiner Ansicht nach „durch Wissenschaftsgläubigkeit und Materialismus hineinmanövriert worden war und die das nationalsozialistische Regime absolut gesetzt hatte“.

Der moralische Verfall im Dritten Reich ließ sich für Michael Ende direkt ins materialistische 19. Jahrhundert und zu den Theorien Charles Darwins zurückverfolgen. „Könnte es nicht sein“, zitiert Julia Voss den Autor von „Jim Knopf“ aus einem nachgelassenen Manuskript, „dass die ganze darwinistische Theorie von der ,natürlichen Auslese der besser Angepassten’ nichts anderes ist, als die naturwissenschaftliche Rechtfertigung einer Gesellschaftsordnung?“

Und so rettet Michael Ende Jemmy Button, der im wahren Leben zum Mörder wurde, indem er ihm eine Zukunft schenkt. Dazu nimmt er uns Leser mit auf einen Weg, der, wie Julia Voss zeigt, „immer tiefer zurückreichte in die Zeit des Nationalsozialismus, zu Rassegesetzen, zu Auslese und zu einer Ideologie von Stärke und Schwäche“. Achtung! Der Eintritt ist nicht reinrassigen Drachen bei Todesstrafe verboten, schreibt Michael Ende über das Tor, durch das Jim und Lukas müssen, um Prinzessin Li Si zu befreien. Julia Voss liest den Weg als eine Reise zu Institutionen und Inhalten der Erziehungspolitik im Dritten Reich, wie sie auch Michael Ende während seiner Schulzeit in München erfahren musste.

Ende verkehrt Rassismus-Motive ins Gegenteil

„Das Land, in dem Lukas der Lokomotivführer lebte, war nur sehr klein.“ So lautet der erste Satz von „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“. Von Beginn an spielt Michael Ende mit Motiven der NS-Ideologie, verkehrt sie ins Gegenteil, wie Julia Voss zeigt. „Lukas und Jim dringen in die Drachenstadt Kummerland ein, die nicht reinrassigen Besuchern mit der Todesstrafe droht; sie befreien die Kinder aus der Erziehungsanstalt der Frau Mahlzahn, die ihre jungen Lehrlinge an die Schulbänke kettet und in Angst und Schrecken hält. Sie verhelfen dem Halbdrachen Nepomuk, der sich für sein Mischlingsdasein schämt, zu neuen Freunden und einem neuen Leben.“ Und: „Sie machen aus Lummerland, das so klein wie eine Wohnung ist, einen Staat, der so groß wie ein Kontinent ist und alle Völker der Welt aufnehmen kann und in Frieden zusammenleben lässt.“ In der von Michael Ende geschaffenen Welt, so das Fazit von Julia Voss, gebe es keine ehernen Gesetze, nichts, was unumstößlich ist, „alles kann sich verwandeln, zum Guten wenden. Selbst aus dem bösen Drachen kann ein goldener Drache der Weisheit werden.“

Endes Gegenwelt zur nationalsozialistischen Ideologie ist über jeden Verdacht erhaben. Ob die Jim-Knopf-Geschichten als rassistisch oder antirassistisch zu gelten habe? Über diese Frage kann man nach der Lektüre von Voss’ Buch nur lachen. Auch darüber: Flucht in eine heile Welt wurde den „Jim Knopf“- Büchern im Zuge der sogenannten Eskapismus-Debatte der 1970er Jahre vorgeworfen. Ende, der übrigens seine Schulausbildung 1948 an der Waldorfschule in Stuttgart abschloss, nachdem er kurz vor Kriegsende als 15-Jähriger desertiert war und sich zur Widerstandsorganisation Freiheitsaktion Bayern geschlagen hatte, fand diesen Vorwurf „richtiggehend erstickend“ und ergriff seinerseits die Flucht: Er zog nach Italien, wo er 15 Jahre lang lebte. Julia Voss stellt uns Michael Ende als fantasievollen Exorzisten vor, aber als einen, dem das Gewaltige völlig fernlag.




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