VW-Tochter Audi will mit weniger Personal wachsen

Von Thomas Magenheim 

Der einstige Goldesel des VW-Konzerns ist 2018 unter die Räder gekommen. 2019 ruft Audi zum Übergangsjahr aus. Vor allem für das Personal stehen die Zeichen auf Sturm.

Der neue Audi-Chef Bram Schot will den Fahrzeugbauer zu alter Stärke zurückführen. Foto: AFP
Der neue Audi-Chef Bram Schot will den Fahrzeugbauer zu alter Stärke zurückführen. Foto: AFP

Ingolstadt - Der Vorstandschef, der sich von jedem Mitarbeiter duzen lässt, steht in einem anspruchsvollen Spagat. Es ist Aufbruchstimmung, die Bram Schot bei seiner ersten Bilanzvorlage als Audi-Chef in Ingolstadt erkennbar erzeugen will. „Audi muss zu alter Stärke zurück“, sagt er und ermuntert, mutig zu sein oder Widerspruch zu wagen. So etwas wie mit dem in wesentlichen Teilen bei Audi erfundenen Dieselskandal „wird es hier nie mehr geben“, verspricht der Niederländer, den eben dieser Skandal an die Spitze der VW-Premiumtochter gespült hat. Die mutmaßlich bessere Zukunft hat aber auch eine Schattenseite, die das Personal weniger begeistern dürfte. Wie Mutter VW muss auch Audi Stellen streichen. Entlang der demographischen Entwicklung soll das geschehen, heißt es vage.

Genauer will Schot erst zur Hauptversammlung im Mai werden. „Es wird Dinge geben, die wir in Zukunft nicht mehr machen“, stellt er klar. Der Vertriebsexperte will weg von der Technikverliebtheit seiner Vorgänger und nur noch bauen, was der Kunde braucht. Ein Drittel aller Motor-Getriebe-Varianten hat er bereits streichen lassen. Nun werde die gesamte Modellpalette überprüft und die Nachtschicht am Stammsitz Ingolstadt diskutiert sowie die Absicht, konzernintern mehr Synergien zu heben.

Pilotversuch mit Online-Verkauf von Autos

Auch der Online-Verkauf von Autos soll 2019 per Pilotversuch angegangen werden. Zudem lässt sich Audi erkennbar von der Wolfsburger Zentrale an eine kürzere Leine nehmen, etwas das mit dem zeitweise im Zuge des Diesel-Skandals inhaftierten und abgetretenen Schot-Vorgänger Rupert Stadler vermutlich nicht so leicht zu machen gewesen wäre. Dass es nicht so weitergehen kann wie bisher, macht die Bilanz 2018 klar.

Der Audi-Absatz ist um 65 000 Autos auf noch 1,8 Millionen verkaufte Wagen geschrumpft, vor allem weil die VW-Premiumtochter den Stresstest beim neuen Abgaszyklus WLTP nicht bestanden hat. Die Ingolstädter hatten im Gegensatz zu Konkurrenten dafür zu wenig Prüfstandskapazitäten gebucht. Noch immer ist nicht die gesamte Modellpalette WLTP-zertifiziert und damit teilweise nicht käuflich. Auch in den ersten beiden Monaten 2019 lag der Audi-Absatz deshalb nochmals um 5,5 Prozent unter Vorjahr. Deshalb sind auch die Audi-Umsätze 2018 um knapp ein Prozent auf 59,3 Milliarden Euro abgebröckelt.

Am schlimmsten aber hat es die Gewinne erwischt. Operativ sind sie um ein Viertel auf 3,5 Milliarden Euro geschrumpft, was eine von 7,8 auf 6,0 Prozent gesunkene Gewinnmarge bedeutet. Das soll sich bis 2020 wieder ändern. Im laufenden Jahr werde Audi Absatz und Umsatz bis Jahresende nach dem schlechten Start zwar nur noch leicht steigern können. Bei der operativen Gewinnmarge sei 2019 nur eine Verbesserung auf 7,0 bis 8,5 Prozent drin, stellt Finanzchef Alexander Seitz klar. Aber für 2020 seien dann neun bis elf Prozent Rendite geplant und das dauerhaft. Um das zu schaffen, muss einiges klappen.

Ehrgeizige Ziele in China

Klar und ehrgeizig sind die Ziele für den chinesischen Markt, der für Audi wie den gesamten VW-Konzern der wichtigste ist. Die Premiumtochter will 2022 dort eine Million Autos verkaufen nach 660 000 Fahrzeugen 2018. Allgemein muss die geplante Elektrifizierung der Modellpalette beim Kunden auf Gegenliebe stoßen. Ende 2020 will Audi zwölf elektrifizierte Modelle am Markt haben und 30 Modelle bis 2025. Vor allem aber muss sich das Management mit den 90 000 Beschäftigten auf Kostenabbau einigen. Nicht angetastet werden zwar bis 2025 befristete Beschäftigungsgarantien. Aber in einem Brief des gesamten Vorstands ans Personal, wurde klargestellt, dass es davon abgesehen keine Tabus gibt. Von Straffung des Produktionsnetzwerks ist dort die Rede und von der Notwendigkeit, die Personalstruktur zu überdenken. Schot mag sich nahbar geben und ohne Allüren oder Krawatte auf der Bühne stehen. In der Sache müssen bis 2022 aber 15 Milliarden Euro „freigespielt“ werden, um die Zukunft von Audi zu finanzieren, wie Schot sich ausdrückt.

Das bringt Kompetenzverlust mit sich. Audi nutzt den kleinen von VW entwickelten Elektrobaukasten mit dem Kürzel MEB mit, neben dem zusammen mit Schwester Porsche entwickelten namens PPE für größere Modelle. Beim autonomen Fahren sei man offen für Kooperationen auch über die eigenen Konzerngrenzen hinaus. Dabei würde sich die soeben zwischen BMW und Daimler geschlossene Allianz auf diesem Gebiet anbieten. Das alles wird ungemütlich, vor allem für das Personal. Einen Einstellungsstopp soll es zwar nicht geben, wohl aber weniger Fertigungstiefe, sagt Seitz. „Gewinnzone geht klar vor Komfortzone“, betont der Finanzchef. Bis Mitte des Jahres soll klar sein, welches Werk künftig welches neue Modell baut und wie die Produktionskapazitäten zwischen Ingolstadt, Neckarsulm oder Brüssel verteilt werden. Der Neustart von Audi verlangt Opfer.