InterviewWaldheim in Stuttgart-Degerloch „Die Sorge ist ganz klar ein Covid-19-Fall“

Lange war nicht klar, ob es in diesem Jahr Waldheim geben würde in Stuttgart. Lockerungen machen es nun möglich. Die Verantwortlichen müssen jetzt einiges auf dem Schirm haben. Der Degerlocher Waldheimleiter Jürgen Möck erzählt, worauf es ankommt.

Ein Bild aus Vor-Corona-Zeiten: Wie die Essensausgabe 2020 im Waldheim Degerloch läuft, ist noch unklar. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Ein Bild aus Vor-Corona-Zeiten: Wie die Essensausgabe 2020 im Waldheim Degerloch läuft, ist noch unklar. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Degerloch - Seit bald 20 Jahren ist Jürgen Möck das Gesicht des Degerlocher Waldheims im Weidachtal. Der 60-jährige Diakon kann sich einen Sommer ohne Waldheim nicht vorstellen, deshalb habe eine Absage nie zur Debatte gestanden. Im Interview erzählt er von seinen Sorgen und davon, warum das Waldheim für die Familien zurzeit besonders wichtig ist.

Herr Möck, manche sagen, Waldheim sei in Corona-Zeiten nicht dasselbe. Sie machen in Degerloch trotzdem Waldheim, warum?

Seit der Änderung der Verordnung des Landes zum 1. Juli gilt: Bis zu 100 Personen können in einem Angebot sein, da sind allerdings die Mitarbeitenden dabei. Küche ist nicht dabei, wenn sie keinen Kontakt zu Kindern hat. Für diese 100 Personen sind die Abstandsregelungen aufgehoben. Wenn man mehr als 100 Kinder nimmt, gilt die Einteilung in Kleingruppen, die sich nicht begegnen dürfen. Wir finden, das geht.

Stand in Degerloch je eine Absage zur Debatte?

Nein, wir haben immer gesagt, dass wir es noch nicht absagen. Aus meiner Sicht gab es überhaupt keinen Grund. Wir hatten ja erst am 9. Juni die Ergebnisse der Arbeitsgruppe des Landes zur Kinder- und Jugendarbeit in den Sommerferien. Man kann erst absagen, wenn man weiß, welche Rahmenbedingungen gelten.

Wie viele Kinder sind im Waldheim?

Wir machen sechsmal eine Woche. Das erscheint uns als gerechtestes Modell, weil wir dann niemandem absagen müssen. Die Möhringer machen es übrigens ganz genauso. Das hängt damit zusammen, dass wir etwa mit den 100 rechnen.

Manche Waldheime suchen noch Betreuer. Haben Sie Probleme, Leute zu finden?

Nein, das war überhaupt kein Problem. Wir haben alle eingeladen und das Modell vorgestellt. Nur eine Einzige hat gesagt, sie wolle das Waldheim so eher nicht, aber das ist echt die absolute Ausnahme.

Das Waldheim wird sicher anders. Was wird für Sie die größte Veränderung?

Für mich persönlich: dass man nicht singen darf. Das ist im Moment nicht erlaubt, spielt fürs Waldheim aber eine große Rolle. Dann natürlich: Die Mahlzeiten werden in einer anderen Form stattfinden. Die Kinder werden im Saal entweder einzeln bedient oder müssen an die Theke kommen. Das ist noch nicht ausgemacht. Aber es ist sicher nicht so: Die Schüssel kommt auf den Tisch, jeder bedient sich, jeder hilft dem anderen. Das geht alles nicht. Beim Essen gelten noch einmal verstärkte Hygienemaßnahmen. Bei den Freispielen ist es bisher so gewesen, dass sich 400 Kinder für eine bestimmte Zeit frei auf dem Gelände, also außerhalb ihrer Gruppe, aufhalten durften. Das fällt bei der Variante über 100 Kinder weg.

Worauf müssen Eltern achten?

Es wird keine Sonderbusse geben. Das war relativ schnell klar. Es würden etwa 25 Kinder in einem Bus sitzen, das ist nicht verantwortbar der SSB gegenüber. Die Kinder müssen mit dem öffentlichen Bus fahren, wir haben eine Haltestelle direkt vor der Tür. Oder die Eltern müssen sie selber herbringen, oder sie fahren mit dem Rad. Neu ist: Die Verantwortung der Eltern gilt dieses Jahr bis zum Tor.

Was bereitet Ihnen besonders Sorge?

Die Sorge ist klar: wenn ein Covid-19-Fall im Waldheim auftreten würde, oder wenn ein Kind kommt und sagt, bei ihm daheim gebe es einen Verdacht. Dann ist die Frage, wie das Gesundheitsamt reagiert: Schließen wir nur diese Gruppe, oder müssen alle in Quarantäne? Das wäre der Worst Case. Alles andere sind Sachen, die bei uns im Waldheim sowieso passieren: dass sich jemand beim Fußball den Arm auskugelt, oder das jemand von der Schaukel fällt und eine Gehirnerschütterung hat.

Haben Sie dieses Jahr deutlich mehr Stress bei der Planung?

Ja schon. Wir sind im März, April gestartet. Da konnte man es sich gar nicht vorstellen, dass sich im Sommer Kinder aus verschiedenen Schulen und Stadtteilen mischen, die Schulen und Kitas waren ja zu. Wir konnten also nichts planen. Und jetzt ging es Schlag auf Schlag. Doch es lohnt sich. Wir machen ein Ganztagsangebot von morgens 8.30 bis 18 Uhr, wie bisher auch. Mit Vollverpflegung, und die Kinder sind einen ganzen Tag lang betreut. Jetzt fragen Sie mal in den Familien rum, welche Familie das in den letzten drei Monaten hatte. Auch nicht, als die Schule wieder anfing mit hier mal zwei Stunden, da mal drei Stunden. Die Rückmeldungen zeigen: Die Familien sind richtig froh, dass etwas stattfindet, auch wenn es nur eine Woche ist, aber es ist verlässlich. Viele Familien sind an der Grenze ihrer Belastbarkeit.

Freuen Sie sich dieses Jahr trotz allem aufs Waldheim?

Ja natürlich. Es ist anders. Aber wer weiß, vielleicht kommt bis zu den Ferien ja noch die eine oder andere Lockerung. Es ist eine Herausforderung für alle, aber ich freue mich, dass alle mitmachen wollen. Es war übrigens auch in den letzten 100 Jahren nicht immer gleich. Da gab es die Kriegsjahre, angefangen haben wir 1938 mit 60 Kindern. Waldheim ist nicht immer gleich, auch wenn wir eine traditionsreiche Einrichtung sind.

Unsere Empfehlung für Sie