Wandel im Stuttgarter Rotlichtbezirk Szenewirte übernehmen alte Animierbar

Steffen Witz will mit seiner neuen Ginbar Botanical Affairs, die am 29.  September öffnet,  und mit seinem Fou Fou  ein schönes  Entree in die Leonhardstraße bieten. Foto: Lichtgut/Verena Ecker 9 Bilder
Steffen Witz will mit seiner neuen Ginbar Botanical Affairs, die am 29. September öffnet, und mit seinem Fou Fou ein schönes Entree in die Leonhardstraße bieten. Foto: Lichtgut/Verena Ecker

Das Leonhardsviertel in Stuttgart verändert sich. Das illegale Sexgewerbe wird zurückgedrängt – von jungen Wirten, die den Kiez verschönern wollen. Ihr neuer Schachzug: Die Fou-Fou-Macher übernehmen eine alte Animierbar.

Lokales: Uwe Bogen (ubo)
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Stuttgart - Wenn Steffen Witz, 41, über das Quartier spricht, in dem er mit Mann und Hund lebt, spart der Weitgereiste nicht an Emotionen. „Die schief aneinander gereihten Häuser bieten eine besondere Atmosphäre in einem vibrierenden Mix“, schwärmt er. „Unübersichtlich, aber nicht zu chaotisch“ sei das Viertel, das beschaulich, aber unzutreffend „Städtle“ genannt wird. Hier sei es „abschreckend und einladend zugleich“.

Besonders abschreckend fand der einstige Globetrotter, als ein Vater mit seinem vielleicht achtjährigen Sohn zu ihm in die Cocktailbar Fou Fou kam, die an exponierter Lage, am Zusammenlauf zweier Straßen, quasi das Tor zum roten Licht ist. Der Papa bestellte für den Junior eine Limonade und verschwand in Richtung Puff. Der Sohn hatte warten sollen, bis der Vater vom Sex zurückkommt. Steffen Witz rief die Polizei.

„Einen Wecker brauch’ ich nicht“, sagt der Fou Fou-Inhaber. Nicht selten wird er morgens von Schreihälsen geweckt, die aus Animierbars wanken. Witz wohnt über seiner Cocktailbar, die zu den besten der Stadt zählt. Sein Lebenspartner Marcel Henke, 23, steht als Geschäftsführer hinter der Theke, während Witz im Hintergrund bleibt. Was die Wirte tun und sogar ausbauen wollen, dürfte den Besitzern schneller Sportwagen nicht gefallen, die hier Zimmer zu Tagesmieten vergeben – in einem Quartier, in dem von 14 Bordellen nach dem Willen der Stadt fünf bleiben dürfen.

Am 29. September öffnet die Gin-Bar Botanical Affairs

Ein bisschen denkt man an Monopoly. Um die heruntergekommene Animierbar Carole, die sich gegenüber vom Fou Fou befindet und deren Chefin sich zur Ruhe gesetzt hat, ist heftig gerungen worden. Witz hat das Rennen gemacht. Den Hausbesitzer konnte er überzeugen, die neue Zeit im Leonhardsviertel zu fördern und nicht den Vertretern des Alten den Laden zu vermieten.

Am 29. September öffnet er dort, wo Männer in Separees nicht unbedingt Liebe suchten, aber vielleicht ein bisschen Zuneigung und Zärtlichkeit, Botanical Affairs, eine kleine Bar mit Shoppingkonzept. Hier wird Gin mit über 100 Sorten gefeiert, wie dies Witz im Fluxus mit Franccino Mangold getan hat, der nach Berlin gezogen ist und das Konzept dort erfolgreich weiterbetreibt.

„Unsere neue Bar wird dem Viertel zusätzliche Dynamik verleihen“, glaubt der 41-Jährige, der nach einer Weltreise anderthalb Jahre lang ein Hotel auf Bali betrieben hat und mittellos, weil über den Tisch gezogen, zurückkam. Botanical Affairs und Fou Fou sollen samt Außenbereich unter der Kastanie ein schönes Entree zur Leonhardstraße bieten, weg vom Schmuddel.

Manchmal trauen sich Freier nicht mehr ins Viertel

Dem Rathaus-Wunsch entspricht es, wenn die Zahl der illegal betriebenen Laufhäuser, Spielhallen und Rotlichtbars zurückgeht. Im einstigen Stricherlokal Finkennest in der nahen Gasse, die sich kopfsteingepflastert und fast schnuckelig zwischen dicht bebauten Häuserfassaden hindurchzieht, lockt die Studentenbar Korridor noch mehr junge Menschen ins Viertel, die man unter „Szenepublikum“ einordnet.

Oft ist die Bar voll, Gäste stehen auf der Straße. Dies, beobachtet Witz, schreckt Freier ab. „Manch einer traut sich nicht mehr rein, um ein Laufhaus aufzusuchen“, berichtet der Fou-Fou-Inhaber.

Kein Wunder, dass die Spannungen steigen. Vertreiben wollen Witz und Henke die Nachbarn mit Rotlicht nicht. Die gehörten hierher und machten den Reiz des Quartiers aus, in dem sich das Fou Fou als „Ruhepol“ sieht. Schicksale der Armutsprostitution gehen ihnen unter die Haut. Es ärgert die beiden, dass die Frauen immer mehr sexuelle Dienste erbringen müssen, um die angemieteten Zimmer bezahlen zu können. Die Wirte träumen von einer guten Mischung aus den üblichen Bordellen und seriösen Kneipen, Handwerksbetrieben und originellen Läden.

Ein neuer Kiez entsteht

Die „Verruchtheit des Viertels“, weiß das Wirtepaar, zieht an. „Voyeuristische Neugierde“ stellen beide bei manchen Gästen fest. Freier seien nie im Fou Fou, glauben sie. „Man weiß es nicht“, sagt Witz. Dass manch ein Ginliebhaber anderswo Sex kauft, ist ihm klar. „Die gehen eher zu hochpreisigen Damen“, vermutet er.

Ein als problematisch eingestuftes Viertel wandelt sich. Ein neuer Kiez entsteht. Darauf einen Gin – auf die bunte Vielfalt der Stadt, auf neue Farben!




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