Südwest-Kliniken in der Corona-Krise Normalzustand mit Abstand und Maske

Eine Lehre aus der Corona-Krise lautet: Kleine Kliniken sind unverzichtbar, meint Michael Jugenheimer, der Chefarzt der Herrenberger Chirurgie.

Die Schleuse am Eingang der Herrenberger Klinik wird wohl noch eine Weile bleiben. Rein darf man erst nach einer Temperaturmessung. Foto: factum/Simon Granville (2)
Die Schleuse am Eingang der Herrenberger Klinik wird wohl noch eine Weile bleiben. Rein darf man erst nach einer Temperaturmessung. Foto: factum/Simon Granville (2)

Herrenberg - „Das Hochfahren aller Corona-Maßnahmen, das ging sehr schnell“, sagt Michael Jugenheimer, der Chefarzt der Chirurgie am Herrenberger Krankenhaus. „Die wahre Herausforderung ist jetzt, alles wieder runterzufahren und den normalen Klinikbetrieb in Gang zu setzen.“

Am Eingang des Herrenberger Krankenhauses ist noch alles im Corona-Modus. Jeder muss durch eine Schleuse. Dort wird Fieber gemessen. Doch hinter den Kulissen läuft der Klinikalltag schon wieder weitgehend wie vor der Krise. Freilich alles mit Abstandsregeln und Mundschutz. Mitte März hatten Jugenheimer und sein Team innerhalb von zwei Tagen 80 geplante Operationen abgesagt, um Platz zu schaffen für Corona-Patienten.

Ende Mai hat der Klinikverbund Südwest begonnen, den normalen Betrieb in seinen sechs Häusern wieder hochzufahren. „Jetzt rufen wir alle Patienten wieder an und vereinbaren einen neuen OP-Termin.“ Das sei mühsam. „Die einen haben jetzt keine Zeit, andere sind nicht zu erreichen.“ Trotzdem setze man alles daran, die verschobenen Operationen möglichst schnell abzuarbeiten. Parallel kommen neue Termine hinzu. „Denn auch unsere Sprechstunde ist wieder geöffnet, wenn auch noch nicht in vollem Umfang, um die Abstandsregeln zu wahren.“

30 Prozent der Betten sind frei: Sie sind für Corona-Patienten reserviert

Mittlerweile arbeite man so gut wie im Vollbetrieb, sagt Jugenheimer – soweit das möglich sei. Denn immer noch müsse jede Klinik 30 Prozent der Betten frei halten für mögliche Covid-19-Patienten. Zwei Stationen mit 32 Betten in 18 Zimmern bedeutet das für Herrenberg. Erschwert wird die Versorgung der Patienten, die nun in die Klinik kommen, durch den Abbau von vielen Überstunden, die sich bei den Mitarbeitern während der Krise angesammelt haben. Nach einer wochenlangen Urlaubssperre wollen die meisten jetzt wenigstens für ein paar Tage ausspannen.

All das bedeutet für die Klinken enorme Kosten. Die Mehrkosten pro Monat Corona-Betrieb beziffert Christoph Rieß, der Regionaldirektor des Krankenhauses Leonberg-Herrenberg, mit 2,9 Millionen Euro für den Klinikverbund: für Mehrbedarf an Desinfektionsmitteln, Beatmungsgeräten, Schutzkleidung, für Umbaumaßnahmen für Isolierstationen und Fieberambulanzen und Einkommenseinbußen durch verschobene Behandlungen.

Notfälle wurden immer behandelt

Wie in den meisten Kliniken gab es während der Corona-Krise auch in Herrenberg deutlich weniger Patienten als sonst. „Viele Menschen mit akuten Beschwerden haben sich nicht getraut zu kommen“, sagt Jugenheimer. Und betont: „Wir haben auch während der Krise alle Notfälle behandelt und Patienten mit Beschwerden operiert.“

Die währen der Krise gewonnenen Erfahrungen sieht der Chefarzt positiv. „Wir haben viel gelernt, zum Beispiel, dass wir künftig eine andere Vorratshaltung für Schutzkleidung und Medikamente betreiben müssen.“ Das deutsche Gesundheitssystem habe sich bewährt, sagt Michael Jugenheimer. Deutlich geworden sei, dass auch die kleinen Krankenhäuser unverzichtbar für die Behandlung Schwerkranker seien. Damit, so hofft er, sind die immer wieder aufflammenden Schließungsdiskussionen vom Tisch. Dies hat er auch dem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn geschrieben und ihn um mehr Geld für kleine Kliniken gebeten.




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