Was Stuttgarter Ärzte raten „Darf ich Ostern mit meiner Familie feiern?“

Von Regine Warth 

Das Coronavirus und seine gesundheitlichen Folgen verunsichern viele – unsere Leser haben Stuttgarter Ärzten viele Fragen dazu gestellt. Wir stellen hier wichtige Antworten zu ganz praktischen Fragen zusammen.

Familienfeiern an Ostern sind ein Risiko: So können beispielsweise Enkel mit dem Coronavirus infiziert sein,  ohne Symptome zu zeigen, warnen Ärzte. Foto: picture alliance / dpa
Familienfeiern an Ostern sind ein Risiko: So können beispielsweise Enkel mit dem Coronavirus infiziert sein, ohne Symptome zu zeigen, warnen Ärzte. Foto: picture alliance / dpa

Stuttgart - Kurz vor Ostern fragen sich viele, wie viel Kontakt zur Familie an den Festtagen erlaubt ist. Und was kann man noch tun – außer Händewaschen und Abstand halten – , um sich vor diesem neuartigen Erreger zu schützen? Um Fehlinformationen vorzubeugen, haben Ärzte vom Klinikum Stuttgart und vom Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK) bei unserer Telefonaktion häufige Leserfragen gesammelt – und beantwortet.

Sind an Ostern Besuche erlaubt?

Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Bundesländer haben alle Bürger „angehalten, auch während der Osterfeiertage Kontakte zu anderen Menschen, mit denen sie nicht zusammenleben, auf ein absolutes Minimum zu reduzieren“. Generell sollte auf private Reisen und Besuche von Verwandten verzichtet werden. Dementsprechend lautet auch der Rat von Katja Rothfuß, die als Oberärztin die Sonderisoliereinheit am RBK koordiniert: „Kurze Besuche im Garten an der frischen Luft sind erlaubt, wenn entsprechend Abstand gehalten wird. Aber bitte nicht gemeinsam in der Wohnung oder an einem Tisch sitzen.“

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Dies sollten insbesondere Angehörige von Risikogruppen ernst nehmen, bestätigt Christoph Wasser, Ärztlicher Leiter des RBK-Notaufnahmezentrums. „Es ist aktuell nicht auszuschließen, dass die Enkelkinder oder deren Eltern eine Infektion mit SARS-CoV2 haben und auch infektiös sind, ohne Symptome zu zeigen“, warnt Friedrich Reichert, Oberarzt der Infektiologie, Intensiv- und Notfallmedizin sowie der Kinderheilkunde am Klinikum Stuttgart. „Etwa fünf Prozent aller Übertragungen erfolgt über Menschen, die keinerlei Symptome zeigen.“

Ist es sinnvoll, geplante Operationen zu verschieben?

Um die Krankenhäuser zu entlasten und für Covid-19-Patienten freizuhalten, sollen alle planbaren Operationen, Aufnahmen und Eingriffe verschoben werden. Daher rät Katja Rothfuß vom RBK dazu, in der Klinik nachzufragen, ob solche Routine-Eingriffe überhaupt stattfinden. Ein weiterer Tipp von ihr: „Patienten, die etwa eine planbare Kniegelenk-Operation vor sich haben, sollten auch nachfragen, ob eine Reha-Anschlussbehandlung auch gewährleistet wird.“ Ansonsten würde die Oberärztin dazu raten, den Eingriff eher zu verschieben.

Wie unterscheide ich Heuschnupfen von einer Corona-Virusinfektion?

Der Rat der Ärzte lautet hierzu: Symptome genau beobachten. „Niesen und das heuschnupfentypische Jucken der Schleimhäute sind bei einer Covid-19 Infektion nicht typisch“, sagt Friedrich-Michael Pieper, Facharzt für Innere Medizin und Ärztlicher Koordinator der Sonderisolierstation am RBK. Sollten sich die typischen Heuschnupfen bedingten Symptome ändern, sollte etwa Husten hinzukommen oder gar Fieber, könnte auch die durch das Coronavirus verursachte Lungenerkrankung als Ursache zugrunde liegen. „Zur Abklärung sollte dann bestenfalls telefonisch Kontakt mit dem Hausarzt aufgenommen werden“, sagt Pieper. Der könne dann entscheiden, ob eine weitere Diagnostik erfolgen sollte.

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Darf die Haushaltshilfe noch kommen?

Wenn es sich wirklich nicht vermeiden lässt, ja – aber so selten wie möglich, sagt Friedrich Reichert, Oberarzt am Klinikum Stuttgart. „Der beste Schutz vor einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus ist die größtmögliche Kontaktreduktion.“ In keinem Fall darf die Haushaltshilfe kommen, wenn sie irgendwelche Symptome zeigt: Dazu gehört auch schon ein leichtes Halskratzen. Auch wenn in ihrem Umfeld ein Bekannter oder Verwandter hustet oder gar Fieber hat, sollte sie die Arbeit in anderen Haushalten ruhen lassen. Grundsätzlich ist das Tragen einer Gesichtsmaske während der Hausarbeit empfehlenswert, sagt Reichert. „Auch eine selbst genähte ist hier möglich.“ Nach Ankunft in der Wohnung soll sie sich zudem gründlich die Hände waschen. Während der Hausarbeit sollten sich die älteren Hausbewohner stets in einem anderen Zimmer aufhalten und ansonsten zwei Meter Abstand halten.

Gibt es Tests, die zeigen, ob man schon immun ist?

„Aktuell gibt es noch keine gesicherten Erkenntnisse zu den Antikörpertests“, sagt Christoph Wasser vom RBK. Bis es eine flächendeckende Testung gibt, sollten Menschen sich folgendermaßen verhalten: Wer gerade einen Infekt hat, dessen Symptome auf eine Covid-19-Infektion passen, aber diese nicht nachgewiesen ist, sollte sich nach Meinung von Christoph Wasser dennoch in häusliche Quarantäne begeben. Das heißt nach Angaben des Robert Koch Instituts (RKI): „Bis 14 Tage nach Beginn der Symptome plus 48 Stunden Symptomfreiheit“, sagt Friedrich Reichert, Oberarzt am Klinikum Stuttgart. Da die Bestimmungen aber von Region zu Region unterschiedlich gehandhabt werden, sollte man bei jeglichen Unklarheiten das zuständige Gesundheitsamt kontaktieren.

Wo haftet das Virus gerne an?

Die Lebensmittel im Supermarkt, die Zeitung im Briefkasten – alles Dinge, die unter Umständen von weiteren Personen angefasst worden sind. Kann es dabei zu einer Übertragung der Coronaviren kommen? „Theoretisch ist das denkbar“, sagt Friedrich-Michael Pieper vom RBK. So haben Studien gezeigt, dass sich abhängig von der Beschaffenheit der Oberfläche das Virus unterschiedlich lange darauf halten kann, erklärt Lisa-Marie Käser, Oberärztin im Institut für Krankenhaushygiene am Klinikum Stuttgart. „Auf Karton konnte das SARS-CoV-2 nach 24 Stunden nicht mehr nachgewiesen werden, auf Edelstahl nach 48 Stunden und auf Kunststoff nach 72 Stunden. Andere Coronaviren, die SARS-CoV-2 strukturell ähnlich sind, konnten auf Plastik bis zu sechs Tage nachgewiesen werden. Dennoch sei die Infektionsgefahr auf diese Weise unwahrscheinlich, wenn man auf eine gute Handhygiene achtet. „Der wichtigste Übertragungsweg ist die Tröpfcheninfektion“, sagt Käser. „Daher ist es etwa nach dem Einkaufen wichtig, sich nicht ins Gesicht zu fassen und die Hände zu waschen.“

Wie verhalte ich mich in Aufzügen?

Es gibt tatsächlich einen kanadischen Kurzfilm, der gerade erst abgedreht wurde, in dem eine Gruppe von Hausbewohnern im Aufzug stecken bleibt – darunter eine Person, die sich möglicherweise mit dem neuartigen Coronavirus angesteckt hat. Für viele ein Albtraum, dem man allerdings mit einem einfachen Trick entgehen kann: Treppensteigen – und zwar so oft es eben geht – und den Aufzug meiden. Geht es nicht anders, so sollte man versuchen, möglichst alleine zu fahren, rät die Oberärztin Katja Rothfuß vom RBK. „Lässt sich auch das nicht vermeiden, wäre es sinnvoll, bei der Aufzugfahrt einen Mund-und-Nasen-Schutz zu tragen“, so die Ärztin. „Und in der Wohnung angekommen, sollte jeder erst einmal die Hände waschen.“

Sollte man einen Mund-Nasen-Schutz tragen?

Ein Mund-Nasen-Schutz ist vor allem ein wirkungsvoller Fremdschutz, sagt Lisa-Marie Käser, Oberärztin vom Institut für Krankenhaushygiene am Klinikum Stuttgart. „Bin ich an Covid-19 erkrankt, schütze ich dadurch die Personen in meinem nahen Umkreis vor einer Übertragung.“ Beim Husten und Niesen hält der Mund-Nasen-Schutz die infektiösen Tröpfchen zurück. Aber: Ein Mund-Nasen-Schutz ist kein verlässlicher Eigenschutz, da er nicht dicht am Gesicht anliegt. So können Viren immer noch in die Schleimhäute des Trägers gelangen. Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in der Öffentlichkeit ist daher nur dann sinnvoll, wenn viele einen solchen Schutz aufhaben – und damit ihre direkte Umgebung schützen. „Wichtiger als ein Mund-Nasen-Schutz sind aber Abstandhalten zu anderen Personen, Händewaschen, Husten und Niesen in die Ellenbeuge. Auch sollte man es vermeiden, sich ins Gesicht zu fassen.“

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