Wasen Landhauskultur an der Grenze zum Kitsch

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Den Gast aus München interessieren natürlich in erster Linie die Bierzelte. Sie haben hier nicht ganz die gleiche Bedeutung und sie sind kleiner als in München. Die fünf großen fassen so zwischen 4000 und 5000 Gästen, in den 16 Münchner Hauptzelten sind eher 9000 die Regel. Nein, mit den Bayern wolle man sich gar nicht vergleichen, sagt Daniela Maier vom Göckelesmaier bescheiden: „Aber wir haben doch auch ein schönes Zelt, oder?“ Das kann man so sagen. Ihr Festzelt ist eine elegante Designer-Hütte mit stilvoller Holzverkleidung und Kaminscheiten als Deko-Element. Man fühlt sich fast wie in einer finnischen Großraumsauna, wenn auch mit bekleideten Menschen. So etwas stünde der Wiesn durchaus auch gut. Lustigerweise hat ein Vorfahr der Maiers sein Handwerk bei der Hendlbraterei Ammer auf dem Oktoberfest gelernt und das Hendl, hier Göckele genannt, auf dem Wasen erst eingeführt. Nicht ohne Schwierigkeiten: „Die Stuttgarter haben sich die Hühnerbraterei zuerst zwar angeschaut“, sagt Daniela Maier, „aber dann doch wie üblich eine Wurst bestellt.“ Heute ist das anders, da ist das Göckele längst Wasen-Pflicht.

Ansonsten herrscht architektonisch die Landhauskultur an der Grenze zum Kitsch vor. Eine Ausnahme macht das Fürstenberg-Zelt von Peter Brandl. Der Festwirt hat ein schlichtes, lichtes Zelt hingestellt, das er in neun Wochen mit nur zehn Festangestellten und zwei Fremdfirmen aufbaut. Er kommt aus dem Münchner Vorort Karlsfeld und kennt die Unterschiede zwischen Wiesn und Wasen gut. „Der Schwabe ist ein treuer Patron“, sagt er, „es dauert etwas, bis man seine Skepsis überwunden hat.“ Aber, fügt er hinzu und lacht: „Wenn du ihn mal gewonnen hast, kriegst du ihn nicht mehr los.“ Brandl weiß, was er an seinen Schwaben hat. Die feiern auch gerne, aber die Stimmung ist nicht ganz so aufgeheizt wie auf der Wiesn. Was auch daran liegen mag, dass das Wiesn­bier mit sechs Prozent Alkohol doch deutlich stärker ist als das Festbier auf dem Wasen und dass die Zelte in Stuttgart nicht ganz so übervoll sind wie in München.

Stuttgart holt auf

Schwer im Hintertreffen ist Stuttgart freilich, was die Prominenten angeht. Der schwäbische Promi hat es, anders als der bayerische, nicht so mit der Öffentlichkeit. Wo man in München zumindest einen Roberto Blanco, Peter Kraus oder die TV-Moderatorin Uschi Dämmrich von Luttitz auf jede Gästeliste kriegt, tut man sich mit der Schickeria in Stuttgart schwer. Niemand weiß das besser als Promi-Wirtin Sonja Merz. Sie betreibt das Cannstatter Wasenzelt, eine schwäbische Light-Version von Käfers Wiesn-Schänke oder Kufflers Weinzelt auf dem Oktoberfest. Nicht ohne Grund hat sie sich aus München Eric Pölzl als Betriebsleiter geholt, der diesen Job jahrelang im Weinzelt machte. „Abends ist es hier gut ausgebucht“, sagt er, und: „Stuttgart ist am Aufholen.“ Im Vergleich zu München, natürlich.

Am Dienstagabend ist davon noch nicht viel zu bemerken. Sonja Merz hat zum Charity-Event „Herzrasen – Der Automobiltag mit Herz“ in ihr Zelt geladen. Die Prominenz ist eher lokal, immerhin ist ein Herr vom Hockenheimring da, und auch Stuttgarts für Kultur und Bildung zuständige Bürgermeisterin Susanne Eisenmann (CDU) ist gekommen. Sie sagt forsch: „Die Wiesn darf sich warm anziehen!“ Aber dann muss sie selber lachen und meint: „Wenn man sieht, wie der Wasen vor zehn Jahren war, dann ist eine echte Entwicklung erkennbar. Es sind deutlich mehr Touristen da als früher.“




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