Wasen Sirtaki mit Schwaben

Showband statt Bläser –und in den Zelten ist es heiß wie in der Sauna. Foto: Martin Stollberg
Showband statt Bläser –und in den Zelten ist es heiß wie in der Sauna. Foto: Martin Stollberg

Auf dem Volksfest wird der Minderwertigkeitskomplex gepflegt – und doch technisch ausgereift gefeiert. Franz Kotteder, Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung und vor 51 Jahren am ersten Wiesn-Samstag in München geboren, hat sich auf dem Wasen umgeschaut.

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Stuttgart - War ja klar. Der Fotograf, den einem die Kollegen von der Stuttgarter Zeitung mitgegeben haben, taucht von seiner Tour durchs abendliche Wasen-Lichtermeer exakt dann wieder auf, wenn man selber mit einem nicht näher bekannten Schwaben auf einer Bierbank steht und den Sirtaki aus „Alexis Sorbas“ tanzt. Natürlich grinst der Fotograf jetzt dreckig und drückt auf den Auslöser. War ja klar.

Was unterscheidet den feiernden Schwaben vom feiernden Bayern? Zuerst einmal, das muss man ganz hart so sagen, ein Minderwertigkeitskomplex. Wo man auch hinkommt, mit wem man auch spricht über Wiesn und Wasen: Stuttgarter vergleichen sich automatisch mit dem anderen großen Volksfest und ziehen eilfertig den Kürzeren. Nur die Wasen-Veranstaltungsgesellschaft „in.Stuttgart“ eröffnet ihre Wasen-Broschüre tapfer mit dem Gruß: „Willkommen beim größten Schaustellerfest“. Was ja im Klartext nichts anderes heißt als: In München gibt’s mehr Fläche (fast doppelt so viel), mehr und größere Bierzelte, mehr Buden, mehr Bier und mehr Besucher. Aber bei den Schaustellern sind wir ganz gut mit dabei. Was allerdings auch nur stimmt, wenn man den prozentualen Anteil am Festgelände als Maßstab wählt und nicht die absolute Zahl, aber mit solchen Feinheiten lassen sich keine Werbesprüche klopfen.

Die Trends gleichen sich an

Kommt man als Münchner am Stuttgarter Hauptbahnhof an, so ist man erstmal froh, dass das auch für München geplante Konzept des Tiefbahnhofs schon im Vorfeld wegen Geldmangels abgeblasen wurde. Denn was man derzeit von Stuttgart 21 sieht, erinnert eher an Bilder vom Gaza-Streifen als an den Bahnhof einer Landeshauptstadt. Vertraut aber wirken die Mädchen in Plastiklederhosen und Discounterdirndln, die gibt es derzeit geradeso daheim in München.

Überhaupt die Tracht: Sie ist auf dem Wasen noch nicht ganz so verbreitet wie auf der Wiesn und vor allem ein Jugendphänomen. Aber es ist schon absehbar, dass man sich auch in Stuttgart bald wird rechtfertigen müssen, wenn man in Alltagskleidung kommt. Es ist ja nun auch nicht verwunderlich, dass sich die Trends angleichen bei zwei Volksfesten, die so viele Gemeinsamkeiten und Überschneidungen aufweisen wie die Wiesn und der Wasen. Sogar eine 192-seitige Doktorarbeit ist darüber geschrieben worden (Andrea Hartl: Oktoberfest und Cannstatter Volksfest, Herbert Utz Verlag München). Beide Feste entstanden Anfang des 19. Jahrhunderts als eine Art Stiftung des jeweiligen Königshauses, um den Nationalgedanken zu fördern, und waren von Anfang an mit einer landwirtschaftlichen Leistungsschau verbunden, die noch heute alle vier Jahre abgehalten wird. Beide Feste haben ihr Wahrzeichen: München seine überlebensgroße Bavaria am Rande der Theresienwiese, Stuttgart seine Fruchtsäule, eine 26 Meter hohe, bunte Holzsäule, deren Spitze ein überdimensionaler Früchtekorb krönt. Sie sieht ein bisschen aus wie die vergessene Kulisse eines italienischen Sandalenfilms der späten Fünfzigerjahre, aber als DDR-Remake. Und wenn sie auch längst von verschiedenen Fahrgeschäften überragt wird – die sind hier übrigens noch eine Nummer größer und höher und nervenaufreibender als in München –, so erfüllt sie doch ihren Zweck als Treffpunkt der Wasen-Besucher.




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