Wechsel an der Spitze von Siemens Löscher fügt sich in den Rauswurf

Von Thomas Magenheim 

Siemens-Vorstandschef Peter Löscher will keine Kampfabstimmung im Aufsichtsrat. Auch Gerhard Cromme, der Vorsitzende des Kontrollgremiums, wird zunehmend kritisiert.

Siemens-Aufsichtsratschef Cromme und Vorstandschef Löscher (von links) waren eine Schicksalsgemeinschaft, die nun zerbrochen ist. Foto: dpa
Siemens-Aufsichtsratschef Cromme und Vorstandschef Löscher (von links) waren eine Schicksalsgemeinschaft, die nun zerbrochen ist. Foto: dpa

Stuttgart - Siemens dementiert. Keinesfalls habe der scheidende Konzernchef Peter Löscher einen freiwilligen Rückzug vom gleichzeitigen Rücktritt des Oberaufsehers Gerhard Cromme abhängig gemacht und diesem auch nicht unterstellt, der im Hintergrund agierende Rädelsführer an einem Komplott gegen ihn gewesen zu sein. Solche Aussagen unterstellt die meist gut informierte „Süddeutsche Zeitung“ dem ausgebooteten Konzernchef. Dieser geht nun via „Bild“-Zeitung auf Versöhnungskurs. „Es geht mir ausschließlich um das Wohl von Siemens und der 370 000 Siemensianer, die zu Recht stolz auf ihr Unternehmen sind“, erklärte er dort.

Man dürfe das so verstehen, dass Löscher bei der kommenden Siemens-Aufsichtsratssitzung am Mittwoch nun doch freiwillig geht, heißt es in seinem Umfeld. Er habe wohl eingesehen, bei einer Kampfabstimmung im von Cromme angeführten Aufsehergremium keine Chance zu haben, eine Zweidrittelmehrheit gegen sich zu verhindern. Damit kann bei Siemens ein Vorstandschef auch gegen seinen Willen abgelöst werden. Klar ist, dass es in München nur noch darum geht, ein völliges Desaster zu verhindern, bei dem unkontrolliert noch mehr Köpfe rollen. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich besorgt um den Konzern. „Aus ihrer Sicht ist Siemens ein Flaggschiff der deutschen Wirtschaft, und deshalb ist es ihr wichtig, dass dieses Weltunternehmen wieder in ruhiges Fahrwasser gerät“, richtete der stellver­tretende Regierungssprecher Georg Streiter aus.

Aufsichtsratschef Cromme ist schon länger nicht mehr bei den Münchnern unangefochten. Offen fordern seinen Rücktritt bereits Siemens-Belegschaftsaktionäre, Aktionärsschützer und Fondsmanager, die sein Krisenmanagement heftig kritisieren. „Machtkämpfe verschärfen unnötig die Probleme von Siemens“, kritisiert der Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment.

Aufsichtsratschef Comme hatte Löscher 2007 als ersten Konzernfremden an die Spitze von Siemens gebracht. „Löscher ist eine Erfindung Crommes“, heißt es bei Siemens. Bis vor Kurzem war das Duo durch eine Schicksalsgemeinschaft verbunden, die nun zerbrochen ist. Der Aufsichtsratsvorsitz bei Siemens ist die letzte Machtbastion Crommes, seit er bei Thyssen-Krupp im Frühjahr als Oberaufseher weichen musste. Auch dort wurde ihm vorgeworfen, nach Milliardenverlusten, Kartellverfahren und anderen Tiefschlägen in Serie die Kontrolle verloren zu haben. Bis zu seinem Rücktritt in Essen haftete dem 70-Jährigen der Ruf an, die größte Teflonpfanne der Republik zu sein, an der nichts haften bleibt. Dann kam bei Thyssen-Krupp doch das Aus, das sich in München nun so nicht wiederholen soll. Jedenfalls nicht in den Wirren des Löscher-Abgangs. Es sei Cromme an einem vernünftigen Abschied bei Siemens gelegen, heißt es in seinem Umfeld. Ob er seine volle fünfjährige Amtszeit als Siemens-Oberaufseher noch zu Ende bringt, dafür will in München niemand die Hand ins Feuer legen.

Aber Cromme will seinen Abgang selbst orchestrieren, nicht Getriebener sein. Denn sein Abschied in München wäre auch das Ende seines Berufslebens, in dem er so manchen Kampf bestanden hat. Der Gründervater des deutschen Corporate-Covernance-Index, eines Regelwerks für ethisch einwandfreie Unternehmensführung, will nicht unter fragwürdigen Umständen sein letztes Mandat von Rang aufgeben.