Weihnachten in „eva’s Stall“ Auch Einsame müssen nicht allein sein

Peter Meyer organisiert jedes Jahr die Feier in „eva’s Stall“. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Peter Meyer organisiert jedes Jahr die Feier in „eva’s Stall“. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Seit fast sieben Jahrzehnten lädt die evangelische Gesellschaft (eva) an Weihnachten Arme, Alleinstehende und Obdachlose ins Haus der Diakonie ein.

Leben: Nina Ayerle (nay)
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Stuttgart - Geld hatten sie keines dabei, auch deutsch sprechen konnten sie kaum. Suchend lief das Ehepaar aus dem Kosovo an Heiligabend durch die Büchsenstraße. Sie hatten gehört, dass dort eine Weihnachtsfeier stattfindet. Eine Feier an Heiligabend und am ersten Weihnachtsfeiertag, zu der jeder kommen darf, ob arm oder krank oder obdachlos. Martina Ehrlich von der Evangelischen Gesellschaft fand das Ehepaar mit Kind und nahm sie mit zur Weihnachtsfeier ins Haus aus der Diakonie. Immer wieder habe die Frau ihr gesagt, sie können aber nicht bezahlen, erzählt Ehrlich. „Sie konnten gar nicht glauben, dass sie hier umsonst essen und trinken dürfen und sogar ein Geschenk bekommen.“

Die Weihnachtsfeiertage verbringen viele im Kreis der Familie oder mit Freunden und Bekannten – meistens mit besonderem Essen und vielen Geschenken. Für viele wird gerade deshalb die stille Nacht aber schnell zur einsamen Nacht. Nämlich für Menschen, die niemand haben. Auch in der Region Stuttgart leben viele Menschen alleine, sind arm oder gar obdachlos.

Seit fast sieben Jahrzehnten gibt es „eva’s Stall“

Damit niemand an den Feiertagen für sich sein muss, lädt die Stadtmission der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart jedes Jahr an Heiligabend und am ersten Weihnachtsfeiertag in „evas Stall“ im Haus der Diakonie in der Büchsenstraße ein. Jeder ist willkommen, keiner wird hier ausgegrenzt. Das ist laut Organisator Peter Meyer vielleicht auch der Grund, warum die Besucherzahlen fast jedes Jahr steigen. „Die Hürden zu uns zu kommen, sind niedrig“, sagt er. An machen Heiligabenden hatten sie schon um die 1000 Menschen im Haus, sagt der Leiter der Stadtmission der eva.

Seit fast sieben Jahrzehnten, genau zum 69. Mal, veranstaltet die eva die Weihnachtsfeier mit Kaffee, Plätzchen und einem kleinen Programm. Ein Zauberer ist in diesem Jahr dabei, das Ensemble „Dein Theater“ sorgt mit einem Krippenspiel, Liedern und Texten aus der Weihnachtsgeschichte für eine besinnliche Stimmung. Mit einem großen Gottesdienst in der Leonhardskirche und einer anschließenden Bescherung geht die Stallweihnacht traditionell an Heiligabend zu Ende. Der Moment, wo diese Menschen ihre Geschenke auspacken dürfen, ist für viel ein ganz Besonderer. „Beim Anblick eines handgestrickten Pullovers standen schon manch gestandenem Mann die Tränen in den Augen“, erzählt Peter Meyer.

In all den Jahren hat sich längst auch schon ein Stammpublikum gebildet. Gabi und Helga aus Wäschenbeuren im Kreis Göppingen gehören dazu. Jedes Jahr fahren sie in einer größeren Gruppe mit zwei Autos nach Stuttgart und feiern Heiligabend im Haus der Diakonie. „Es ist jedes Jahr so schön hier“, sagt Gabi. Helga nickt zustimmend. Seit zehn Jahren komme sie zur eva. Immer wieder bringe sie Nachbarn und Bekannte, die auch niemand zum Feiern haben, mit. Bei Kaffee und Plätzchen sitzen sie mit anderen zusammen und unterhalten sich. Das ist ihr Weihnachten. Zu Hause feiere sie mit niemandem, gesteht Helga.

Für den reibungslosen Ablauf sorgen 160 freiwillige Helfer

Auch für die meisten ehrenamtlichen Helfer ist der Heiligabend in „eva’s Stall“ längst eine Tradition. Rund 160 an der Zahl sind an beiden Tagen laut Meyer im Einsatz. Der Stuttgart Erich Claß und seine Frau sind seit knapp fünf Jahren an Weihnachten dabei. „Unsere Kinder feiern Heiligabend mit ihren Familien, deshalb ist es für uns eine schöne Tradition geworden, hier zu helfen“, sagt Claß. Für sie beide sei dies erfüllend, an Weihnachten Gutes für andere zu tun. Sein Job ist im Service, er serviert Kaffee, verteilt Plätzchen und später Saitenwürstchen. Darüber hinaus hört er zu, wenn jemand das möchte. „Viele wollen ihre Lebensgeschichte erzählen“, sagt er. Viel Trauriges, aber doch auch Freudiges bekomme er zu hören, sagt Claß. Nach getaner Arbeit geht er mit seiner Frau ebenfalls noch zum Gottesdienst in die Leonhardskirche und im Anschluss zum Konzert in der Bahnhofshalle. „Das ist unser Heiligabend“, sagt er schlicht.

Auch Meyer feiert mit seiner Familie erst nach den eigentlichen Feiertagen. An beiden Tagen ist er in „eva’s Stall“ vor Ort. „Für mich ist das die authentischste Art, Weihnachten zu feiern“, betont er. Schließlich sei der Sinn des Festes, die Weihnachtsbotschaft zu den armen Leuten zu bringen. Und er freue sich, wenn er um sich herum nur in glänzende Augen schaue.




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