Weil im Schönbuch Die Kirche wäre die Mauer gern los

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Ein baufälliges Gemäuer stellt die evangelische Gemeinde vor große Probleme: Die wohl dringend notwendige Sanierung kostet doppelt so viel, wie ursprünglich gedacht – und das Geld dafür ist nicht vorhanden. Aber Eigentum verpflichtet

Die Mauer zwischen Rathaus und Pfarrhaus Foto: factum/Granville
Die Mauer zwischen Rathaus und Pfarrhaus Foto: factum/Granville

Weil im Schönbuch - Eigentlich wollte Kurt Vogelgsang ein Stück Geschichte adoptieren. Mit diesem Spruch hat der evangelische Pfarrer mehr als 380 Patenschaften vermittelt – für die Wehrmauer, die zwischen Pfarrhaus und Rathaus in Weil im Schönbuch verläuft. Denn das alte Gemäuer muss renoviert werden, und der Kirchengemeinde gehören fast 51 Prozent davon. Das restliche Eigentum teilen sich die Kommune und das Land Baden-Württemberg. Doch die Kosten für die Sanierung haben sich plötzlich verdoppelt – und Kurt Vogelgsangs Finanzierungsplan wurde Makulatur. „Wir stehen vor einem ganz großen Dilemma“, sagt der Pfarrer. Statt die Geschichte zu adoptieren, würde er jetzt am liebsten den baufälligen Besitz verschenken.

Rund 40 Meter lang ist der Stein des Anstoßes. Vor rund einem Jahr erschien die Mauer aus der Perspektive der Kirchengemeinde auch nicht ganz so groß. Erstens war sie damals nur für 44 Prozent des mittelalterlichen Bauwerks verantwortlich und zweitens sollte die Restaurierung für alle drei Beteiligten zusammen 220 000 Euro kosten. Mittlerweile hat die Angelegenheit eine andere Dimension erreicht: Laut einer neuen Berechnung gehört der Kirche mehr als die Hälfte der Wehrmauer, die nun eine Verjüngungskur für mehr als 385 000 Euro benötigt. Zementinjektionen empfiehlt das Ingenieurbüro unter anderem sowie ein Lifting über in der Erde verankerte Zugpfähle. Die Mauer droht zwar nicht umzukippen, aber Steine könnten herausbrechen.

Die Kröte muss geschluckt werden

„Wir kommen nicht umhin, die Kröte zu schlucken“, sagt Martin Feitscher, der Hauptamtsleiter von Weil im Schönbuch. Der Gemeinderat hat die Dringlichkeit des Vorhabens einstimmig eingesehen und ist mit der Sanierung zu den höheren Kosten einverstanden. Zuvor hatte die Verwaltung jedoch extra einen Sachverständigen engagiert, um den vom Landesbetrieb Vermögen und Bau ermittelten Preis zu prüfen. Er bestätigte die Berechnung. Und abreißen lässt sich das Problem nicht: „Die Mauer ist ortsbildprägend“, greift Martin Feitscher möglichen Ideen vor, die „einen Proteststurm ohne Gleichen“ auslösen würden.

Während die Kommune 65 000 Euro außerplanmäßig finanzieren muss, ist die Rechnung für die Kirchengemeinde auf 200 000 Euro gestiegen. „Damit haben wir ein echtes Problem, weil wir nicht wissen, woher wir das Geld nehmen sollen“, sagt Kurt Vogelgsang. Um den Zuschuss der Landeskirche für solche Projekte zu erhalten, müssten zwei Drittel des Betrags vorhanden sein. „Wir würden dem Land die Mauer schenken“, lautet sein Lösungsansatz. Die Besitzverhältnisse sind ohnehin ein Ergebnis der Geschichte: Die Mauer führt vom Rathaus zum Pfarrhaus, das staatlich ist, und zwischendrin hängt die Kirche daran. „Von so einer Mauer hat man nicht viel“, sagt der Pfarrer, „deshalb könnten wir sie ohne Probleme hergeben.“

„Es gibt keine Denkverbote“

Aber Raphaela Sonnentag verweist gnadenlos auf das Grundgesetz: „Eigentum verpflichtet“, heißt es in Artikel 14. „Jeder Eigentümer hat dafür Sorge zu tragen, dass das Eigentum verkehrssicher ist“, sagt die Leiterin des Ludwigsburger Amts vom Landesbetrieb Vermögen und Bau. Das Angebot des Pfarrers vergleicht sie mit einem Auto, das einen Motorschaden hat. Das würde man auch nicht dem Nachbarn schenken, damit er es repariert. „Es gibt keine Denkverbote“, sagt Raphaela Sonnentag. Doch Investitionen ihres Amts sind über die Landeshaushaltsordnung geregelt. Danach dürfen nur Dinge erworben werden, die zur Erfüllung der Aufgaben des Landes erforderlich sind. Der Kauf einer baufälligen Mauer fällt eher nicht darunter.

Der Pfarrer hofft nun auf Hilfe von oben. Die bürgerliche Gemeinde könnte die kirchlichen Kosten übernehmen, schlägt er vor. Doch die Kommune will sich nicht ins Gebet nehmen lassen, hat der Gemeinderat schon durchblicken lassen. Deshalb soll der Oberkirchenrat erst einmal Rechtshilfe leisten. Es geht um die Frage, ob die Mauer nicht länger durchhalten könnte. Aber Kurt Vogelgsang sieht das Problem: Ob sie morgen umfällt oder erst in 100 Jahren, weiß vermutlich nur der liebe Gott.




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