Weinsberg und Calw Fünf Straftäter fliehen aus Psychiatrien

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Aus psychiatrischen Kliniken in Weinsberg und Calw sind fünf Häftlinge entkommen. Alle bis auf einen sind wieder gefasst worden. Ein 52-jähriger Gewaltverbrecher ist in Weinsberg im Kreis Heilbronn noch auf der Flucht.

Aus dem Klinikum am Weissenhof in Weinsberg ist ein psychisch kranker Straftäter entkommen. Foto: Factum / Weise
Aus dem Klinikum am Weissenhof in Weinsberg ist ein psychisch kranker Straftäter entkommen. Foto: Factum / Weise

Weinsberg - Gleich fünf Straftäter sind in kurzer Zeit aus psychiatrischen Einrichtungen in Baden-Württemberg entkommen. Ein 52 Jahre alter Mann ist am Donnerstag aus dem Zentrum für Psychiatrie in Weinsberg (Kreis Heilbronn) geflohen. Er sei über den Zaun geklettert, sagte ein Sprecher der Polizei. Besonders auffällig sei, dass der Mann keine Schuhe trage. Der unter anderem wegen Gewaltdelikten verurteilte 52-Jährige verbüßte seine Strafe im Maßregelvollzug.

Desweiteren waren am Mittwochabend vier Straftäter aus der Klinik für Forensische Psychiatrie in Calw entwischt. Zwei der Männer stellte die Polizei am Donnerstagmorgen an den Bahngleisen zwischen Calw-Ernstmühl und Bad Liebenzell. Die anderen beiden konnten nach einer Großfahndung, bei der auch Spürhunde und ein Polizeihubschrauber im Einsatz waren, in der Nacht auf Donnerstag am Bahnhof Calw-Hirsau gefasst werden. Die vier Männer hatten gegen 22 Uhr einen Pfleger und eine Pflegerin überwältigt und in einen Raum eingesperrt. Dem Personal wurde verbal Gewalt angedroht, die Angreifer nahmen ihnen das Notfalltelefon und einen Schlüssel ab, mit dem sie den geschlossenen Bereich verlassen konnten.

Die vier Männer waren im Maßregelvollzug in der Klinik im Nordschwarzwald untergebracht, sie müssen mehrjährige Haftstrafen verbüßen. Matthias Wagner, der Medizinische Direktor der Forensik, ist erleichtert darüber, dass die Polizei die Straftäter so schnell fassen konnte. „Wir müssen jetzt überprüfen, ob wir Abläufe verbessern und möglicherweise Personal aufstocken müssen, damit so etwas nicht wieder passiert“, sagt Wagner. Seit Bestehen der Klinik – sie wurde vor zwölf Jahren eröffnet – habe es keinen Ausbruch in dieser Dimension gegeben. Glücklicherweise seien die Mitarbeiter unverletzt und würden intensiv betreut werden.

Eine Fehleranalyse will auch Matthias Michel, Ärztlicher Direktor am Klinikum Weissenhof in Weinsberg, vornehmen. „Wir stellen alles auf den Prüfstand“, sagt er angesichts des entflohenen Patienten. „Er war bereits auf einer gelockerten Station“, sagt Michel, da werde der Umgang mit mehr Freiheit erarbeitet. Angesichts der großen Zahl an Lockerungen gebe es in Baden-Württemberg eine vergleichsweise geringe Zahl an Häftlingen, die aus den Kliniken fliehen würden, betont Michel. „Ein gewisses Restrisiko ist jedoch vorhanden.“

Mit einem selbst gebauten Rammbock durchstoßen die Straftäter die Klostermauern

Immer wieder gelingt es Straftätern, aus psychiatrischen Einrichtungen zu entkommen. Im Februar letzten Jahres floh ein 36-jähriger Straftäter aus dem Zentrum für Psychiatrie in Emmendingen. Er nutzte einen von der Krankenhausleitung genehmigten Ausgang innerhalb der Mauern der Einrichtung zur Flucht. Spektakulär war ein Ausbruch aus der Zwiefalter Klinik für Forensische Psychiatrie im September 2017. Mit einem selbst gebauten Rammbock durchstießen drei Straftäter die 40 Zentimeter dicken Mauern der ehemaligen Benediktiner-Abtei und seilten sich mit zusammengeknoteten Bettlaken ab. Alle drei konnten später gefasst werden.

Bereits im Mai 2017 war ein 54-Jähriger aus Zwiefalten entkommen. Gegen Ende eines Gottesdienstes im Kapitelsaal setzte er sich ab. Zwischen 2012 und 2013 waren acht suchtabhängige Straftäter entwischt. Danach verschärfte die Klinik die Sicherheitsarchitektur im Innern erheblich und investierte mehr als eine halbe Million Euro. Es wurden etliche Wände verstärkt, es wurde ein besonders geschützter Bereich mit zur Isolierung geeigneten Einzelräumen gebaut und die personelle Präsenz hochgefahren. Dank einer Videoüberwachung sind die Straftäter verstärkt unter Beobachtung. Unter anderem wurde eine rund um die Uhr bewachte Eingangsschleuse gebaut.

Sieben psychiatrische Kliniken in Baden-Württemberg teilen sich die Zuständigkeiten auf

Nach dem deutschen Vollzugsrecht werden Straftäter in einer psychiatrischen Klinik untergebracht, wenn die Ursachen ihrer Tat in einer psychischen Krankheit oder in einer Suchterkrankung liegen. Über einen solchen Maßregelvollzug entscheiden die Gerichte auf der Basis ärztlicher Gutachten. Die sieben psychiatrischen Kliniken in Baden-Württemberg teilen sich die Zuständigkeitsbereiche auf, Zwiefalten und Calw therapieren ausschließlich alkohol- und drogenabhängige Straftäter.

https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.spektakulaerer-ausbruch-aus-der-psychiatrie-in-zwiefalten-alle-hielten-die-klostermauer-fuer-sicher.0fd91b5b-8731-48d4-a6ad-e0639cf5c0ee.html