Welle an Vorwürfen wegen sexueller Belästigung Schweinisches und Väterlichkeit

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)
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Dustin Hoffman hat damals so unvermittelt schweinische Dinge gesagt, dass sie, einzeln zitiert, leicht als Beispiel extremer Verrohung herhalten können. So kommt Anna Hunter eines morgens in seinen Trailer, um zu fragen, was er zum Frühstück haben möchte. Grinsend antwortet er: „Ein hartgekochtes Ei .. und eine weichgekochte Klitoris.“ Das bleibt, milde gesagt, eine sehr dümmliche Witzelei. Aber ist es die rückhaltlose sexuelle Anmache, als die man es zunächst empfindet? Die Szene spielt sich vor Zeugen ab. Die Angemachte muss zumindest nicht fürchten, dass da einer gleich völlig die Kontrolle über sich verlieren wird. Die junge Anna hat es geekelt und beängstigt.

Eine andere Möglichkeit

Aber vorstellbar bleibt, dass Hoffman sie nicht einmal erniedrigen, sondern ihr nach den verqueren Regeln einer giftigen Atmosphäre zu verstehen geben wollte, dass sie dazugehört, dass man ihr diesen Ton als Teil des Teams zutraut. Manche Menschen werden diese Interpretation nicht anders wahrnehmen könne denn als ungeheure Komplizenschaft mit einem Monstrum. Aber bevor man so urteilt, sollte man Hunters Bericht zu Ende lesen. Dustin Hoffman kommt zu Ohren, wie verletzt sie sich fühlt, dass sie sich bei anderen über ihn beschwert.

Aber er lässt sie nicht vom Set werfen, nicht zu schäbigen Kleinarbeiten abseits der Stars abschieben. Er ist nun freundlich zu ihr, höflich, nett. Anna schreibt ihrer Schwester: „Ich glaube, es tut ihm leid. Er hat sich benommen wie sonst, wenn seine Frau dabei ist: Mr. Väterlichkeit in Person.“ Zwar kann Hoffman auch jetzt noch nicht alle Anzüglichkeiten lassen. Aber am Ende ihres Praktikums kommt die 17-jährige Anna zu diesem Schluss: „Er ist ein Schwein, aber ich mag ihn sehr“.

Ein Leben voll Belästigungen

Das ist ein Teil ihrer Wortmeldung im „Hollywood Reporter“, der es nicht mehr in die Eilmeldungen geschafft hat. Ein anderer ist die bedachte Erkundung des Terrains durch die erwachsene Frau, die nun folgt: Ja, Anna Hunter sagt, wie sehr ihr das eigene jüngere Ich leid tut, das mit etwas konfrontiert wurde, das es in der Unschuld einer „Jungfrau, die gerade einmal drei Küsse in ihrem Leben erhalten hatte“, nicht verarbeiten konnte. Aber sie verzerrt Hoffman nicht zum Monster. Dustin Hoffman, schreibt sie, sei ja keinesfalls der erste und einzige Mann in ihrem Leben gewesen, der ihr zu verstehen gegeben habe, ihr Körper sei das Beste, was sie zu bieten habe. Dann erzählt sie von Belästigungen an der Schule durch ältere Mitschüler, dort völlig normal waren und weit übergriffiger waren als das, was Hoffman praktizierte. Und sie wundert sich, dass sie das so hingenommen hat, als müsse man als Frau stets mittun, um nicht Außenseiterin zu werden, als müsse man immer mitlachen, wenn einem gerade weh getan wird.

Anna Graham Hunter, die Dustin Hoffman einen Beutegreifer nennt, sieht seine Filme immer noch gerne, findet ihn weiterhin sexy. Sie weiß als direkt Betroffene, dass es in der Diskussion um sexuelle Belästigung um Normenjustierung geht, nicht um den Sturz einzelner Stars. „Wann immer ich von diesem Erlebnis erzähle“, schreibt sie, „spüre ich, dass meine Zuhörer ein Opfer und einen Schurken ausmachen möchten. Und ich wünsche mir, meine Empfindungen wären so eindeutig wie die ihren.“




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