Welle an Vorwürfen wegen sexueller Belästigung Im Milieu der Anzüglichkeiten

Dustin Hoffman ist es gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen wie hier beim Festival von Cannes. Aber nun steht auch er im harten Licht von ernsten Vorwürfen da. Foto: AFP
Dustin Hoffman ist es gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen wie hier beim Festival von Cannes. Aber nun steht auch er im harten Licht von ernsten Vorwürfen da. Foto: AFP

Hollywoods Kreative werden gerade reihenweise sexueller Übergriffe bezichtigt. Doch nicht jeder Fall ist gleich. Genaues Hinschauen ist nötig – auch weil der neue Eifer von Vorwurf und sofortiger Sanktion in Europa und der Politik ankommt.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)
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Hollywo0d - Nun also Dustin Hoffman: Der Name der Hollywood-Legende geht in Meldungen um die Welt, die von sexueller Belästigung berichten. Vor mehr als dreißig Jahren, im Januar 1985, bei den Dreharbeiten zu „Tod eines Handlungsreisenden“, soll der damals 47-Jährige gegenüber einer 17-Jährigen Praktikantin mit Worten und Händen zudringlich geworden sein. So hat es das einstige Opfer, die Autorin Anna Graham Hunter, in einem Gastbeitrag des Filmindustrie-Branchenblatts „The Hollywood Reporter“ dargestellt.

Ein Megastar behelligt eine Jugendliche: diese Nachricht hat fraglos auch nach Wochen unablässig neuer Vorwürfe wegen sexueller Belästigung, Erpressung und Gewalt in der amerikanischen Medienwelt noch Schockwert – selbst im direkten Gefolge ähnlicher Vorwürfe gegen Kevin Spacey. Und eine Schlussfolgerung, die man daraus spontan zieht, hält dem Nachdenken auch stand: In der Welle der Beschuldigungen ist kein Name mehr ausschließbar.

Harvey Weinsteins Fluch

Der Fluch der neuen Outing-Jagd auf Belästiger ist die Figur, die an ihrem Anfang steht: der Hollywood-Produzent Harvey Weinstein. Der steht nach Wochen immer neuer Vorwürfe als über die Jahrzehnte aktiver Serienvergewaltiger da. Dieser wohlgemerkt noch von keinem Gericht untersuchte Fall überschattet alle folgenden Vorwürfe. Jeder Beschuldigte steht als Klon Weinsteins da, jeder Vorwurf scheint erneut nur die Spitze eines Eisbergs zu sein. Und weil immer schon wieder der nächste Name genannt wird, muss man gar nicht hinschauen, was eigentlich am vorigen Fall dran ist.

Kommentar: „Vorsicht vor Vorverurteilung“

Es ist zu begrüßen, dass Opfer sexueller Belästigung es nun eher wagen, ihre Stimme zu erheben. Und was da als neuer Eifer des Ernstnehmens durch die amerikanische Medienindustrie fährt, wünscht sich mancher Betroffene auch für andere Branchen und Länder. Es gibt erste Anzeichen, dass der Funke überspringt. Zum Beispiel auf die Politik. Nachdem der britische Verteidigungsminister Sir Michael Fallon am Mittwoch wegen Belästigungsvorwürfen überraschend zurücktrat, muss sich nun auch der Vize im Regierungsamt, Damian Green, gegen Vorwürfe entsprechender Art wehren. Unter anderem soll er einer Mitarbeiterin im Parlament „die Hand aufs Knie“ gelegt und ihr anzügliche Texte übermittelt haben.

Die von Fallon begrapschte Journalistin fiel nach dessen Rücktritt aus allen Wolken. „Das ist ja wohl der absurdeste Rücktritt“, sagte Julia Hartley-Brewer dem Sender Sky News. Es müsse noch etwas anderes dahinter stecken. Nachdem Fallon ihr Knie 2002 berührt hatte, habe sie ihm Schläge angedroht. Dann habe er sie in Ruhe gelassen.

Briefe einer 17-Jährigen

Dies und die Vorwürfe von Anna Graham Hunter gegen Dustin Hoffman sind der bislang beste Beweis, dass dringend die Einzelfälle betrachtet werden müssen. Hunter muss sich nicht auf ihr Gedächtnis alleine stützen. Damals, 1985, hat sie ihrer Schwester in London in Briefen von ihrem mehrwöchigen Praktikum und ihren Erlebnissen mit Dustin Hoffman berichtet. Die 17-Jährige trifft am Filmset auf einen sexualisierte Sprache, eine anzügliche Dauerwitzelei, eine ausgestellte Halbliederlichkeit, die nicht allein Hoffmans Tun, nicht Resultat der speziellen bösen Aura eines lüsternen Stars ist. Anna tritt unvorbereitet ein in eine Welt, in der andere Regeln gelten.

Man sollte diese an Theatern und beim Film häufiger anzutreffende Atmosphäre nicht verklären. Sie verwischt die Grenze zwischen Ironie und Erniedrigung, derbem Jux und miesem Übergriff. Sie schiebt denen, die unter ihr leiden, die offen mitlachen und heimlich weinen, wie Anna Hunter es 1985 getan hat, den Vorwurf zu, spießige Spaßbremsen zu sein. Der so geschürte Selbstzweifel, gekoppelt mit ständiger Verletzung von außen, kann krank machen.

Aber Hoffman und auch Spacey sind Produkte dieses Milieus, sie sind Reaktionen gewohnt, die von vielen Opfern ja auch zugegeben werden: Mittun, Stillhalten, Mitlachen. Man kann sich als Täter in dieser Atmosphäre leicht einreden, man betreibe wirklich nur eine andere Art der Schäkerei, wenn man grobe sexuelle Angebote macht. Wer das alles abgestellt haben will, hat recht. Aber wer über das Maß persönlicher Schuld befinden will, muss die Umstände in Rechnung ziehen.




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