Wilder Abfall in der Stadt Wie Wien das Müllproblem gelöst hat

Von Steve Przybilla 

Wie kann eine Stadt ihre Bürger zu mehr Sauberkeit erziehen? Wien macht es vor. Durch eine Mischung aus Humor und Strafe ist die Vermüllung dort stark zurückgegangen.

Wien setzt auf Humor: In vielen  Beeten stecken Schilder, auf denen ein Hund samt Kot zu sehen ist, mit der Aufschrift: „Sind dir 50 Euro Wurst? Nimm ein Sackerl für mein Gackerl. Foto: Steve Przybilla
Wien setzt auf Humor: In vielen Beeten stecken Schilder, auf denen ein Hund samt Kot zu sehen ist, mit der Aufschrift: „Sind dir 50 Euro Wurst? Nimm ein Sackerl für mein Gackerl. Foto: Steve Przybilla

Wien Wie kann eine Stadt ihre Bürger zu mehr Sauberkeit erziehen? Wien macht es vor. Durch eine Mischung aus Humor und Strafe ist die Vermüllung in den vergangenen Jahren dort stark zurückgegangen. -

Was war der Anlass für das Reinhaltegesetz?

Viele Einwohner Wiens hatten die Vermüllung vor ihrer Haustür satt. 2006 starteten sie eine Petition gegen Hundekot, die 160 000 Wienerinnen und Wiener innerhalb kürzester Zeit unterschrieben. Die Stadtverwaltung sah sich daraufhin zum Handeln gezwungen und verabschiedete ein umfassendes Reinhaltegesetz.

Wie bekämpft Wien die Vermüllung?

Es gibt ein Gesamtpaket, das sowohl auf Aufklärung als auch Bestrafung setzt. Zunächst wurde die Anzahl der öffentlichen Abfalleimer im Stadtgebiet von 14 000 auf 20 000 erhöht. Hinzu kamen 3600 Spender für Hundekot-Beutel, die neu aufgestellt wurden. Parallel animieren die Abfallbetriebe die Einwohner, ihre Stadt sauber zu halten, etwa über Plakate oder Aufkleber auf den Mülleimern. Wenn das nichts hilft, verhängen die Waste Watcher Strafen.

Was sind Waste Watcher?

Es ist eine Art Müll-Polizei. Im gesamten Stadtgebiet sind 50 hauptamtliche Waste Watcher im Einsatz, die Abfallsünder auf frischer Tat ertappen sollen. Hinzu kommen 400 Mitarbeiter des Entsorgungsbetriebs, die ebenfalls die Befugnisse der Müll-Polizei haben. Sie dürfen bei ihren Kontrollen den Ausweis der ertappten Umweltsünder verlangen, um ihre Identität festzustellen.

Welche Strafen sind üblich?

Das hängt vom Delikt ab. Wer etwa eine Zigarette wegschnippt, eine Bierdose auf den Boden wirft oder Hundekot nicht wegräumt, muss mit einem Bußgeld von 50 Euro rechnen. Bei größeren Vergehen (etwa Sperrmüll illegal entsorgen) oder im Wiederholungsfall sind bis zu 2000 Euro fällig. In solchen Fällen kommt eine Strafanzeige hinzu. Im Jahr 2019 wurden 7800 Bußgelder à 50 Euro verhängt sowie 700 Anzeigen geschrieben.

Wie reagiert die Bevölkerung?

Erstaunlich gelassen. Umfragen zufolge halten 85 Prozent der Einwohner die Waste Watcher für eine gute Sache. Das Bedürfnis, in einer sauberen Stadt zu leben, überwiegt offenbar gegenüber der Angst, selbst bestraft zu werden. Zumal die Mülltruppe ausdrücklich nicht nur als Ordnungsdienst auftritt, sondern als Freund und Helfer. So können Bürger eine Hotline („Mist-Telefon“) anrufen oder eine App nutzen, wenn ihnen vermüllte Gegenden auffallen. Die Botschaft: Wir halten deinen Bezirk sauber.

Was hat es mit dem Humor auf sich?

Um Reinhaltung sexy zu machen, hat die Stadt eine groß angelegte Werbekampagne gestartet, die bis heute läuft. Auf fast jedem Papierkorb, Müllauto und diversen Plakaten ist das Logo der 48er präsent. Damit ist der kommunale Abfallbetrieb gemeint, der zur Magistratsabteilung 48 gehört. Hinzu kommen lustige Sprüche. So stecken etwa in zahlreichen Beeten Hinweisschilder, auf denen ein Hund samt Hundehaufen zu sehen ist. Aufschrift: „Sind dir 50 Euro Wurst? Nimm ein Sackerl für mein Gackerl.“

Wohin kommen Zigarettenstummel?

Fast alle Papierkörbe im Stadtgebiet wurden mit Ascherohren ausgestattet, in denen Zigarettenkippen entsorgt werden können. Darüber hinaus wurden 2000 frei stehende Ascherohre aufgestellt. Deren Akzeptanz ist im Laufe der Zeit deutlich gestiegen. „Landeten im Jahr 2009 nur etwa 6,6 Millionen Stück in den Aschenbechern, so waren dies 2018 über 123 Millionen Stück“, heißt es auf der städtischen Website.

Welches Budget steht der Stadt zur Verfügung?

Laut Angaben der Stadtverwaltung lässt sich dies nicht genau beziffern, da die Kosten etwa für Waste Watcher, Abfalleimer und Werbekampagnen aus verschiedenen Töpfen stammen. Fest steht: Sauberkeit hat ihren Preis. Allein die Personalkosten der Waste Watcher belaufen sich im Jahr auf mehrere Millionen Euro.

Wie fällt insgesamt die Bilanz aus?

Sehr positiv. Illegal entsorgter Sperrmüll ist von 2007 bis 2018 um 60 Prozent zurückgegangen, ebenso illegal entsorgte Kühlschränke. In absoluten Zahlen: 2007 wurden 2100 Kühlschränke illegal entsorgt, 2018 waren es noch 850. Die Hundekot-Beutel werden ebenfalls gut angenommen. 100 000 landen pro Tag in einem Mülleimer.

Wo besteht Verbesserungsbedarf?

„Wir sind sicher im Spitzenfeld unterwegs“, sagt Ulrike Volk, Sprecherin der Stadt Wien. Allerdings sei man im ständigen Austausch mit anderen Großstädten. So habe man die Idee mit den lustigen Mülleimer-Sprüchen aus Berlin übernommen. „Man muss dranbleiben“, sagt Volk, „und zwar nicht nur mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern immer auch mit einem Augenzwinkern.“