Winnenden Cool im Sport und im Alltag

Kuzmanovic geht beim Training in Winnenden richtig mit. Foto: Gottfried Stoppel
Kuzmanovic geht beim Training in Winnenden richtig mit. Foto: Gottfried Stoppel

13- und 14-jährige Fußballer des SV Winnenden trainieren ein respektvolles und faires Miteinander – unter anderem mit dem VfB-Profi Zdravko Kuzmanovic.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)
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Winnenden - Mit gesenkten Köpfen und leicht geröteten Gesichtern sitzen sie auf der schmalen Holzbank in der Turnhalle. Ab und an wandert der Blick schüchtern zu dem durchtrainierten Mann, der sich unter die Teenager gemischt hat. Die Fragerunde kommt nur stockend in Gang. Adlan atmet tief durch und fasst sich ein Herz: „Herr Kuzmanovic, wie viele Tore haben Sie schon geschossen?“, fragt der 13-Jährige den Fußballprofi des VfB Stuttgart schließlich, der den C-Jugendlichen des SV Winnenden Rede und Antwort stehen und danach ein kleines Training veranstalten soll.

Die höflichen 13- und 14-Jährigen sind ganz offensichtlich nicht das Klientel, das Rebekka Henrich üblicherweise betreut. „Ich bin überrascht, dass ihr nicht fragt, wie viel er verdient, welches Auto er fährt oder wie seine Freundin heißt – das kommt sonst immer als erstes.“ Die Sozialarbeiterin, Kriminologin und Coolness-und-Anti-Aggressivitätstrainerin ist die Geschäftsführerin des Hamburger Vereins Zweikampfverhalten. Er bemüht sich seit knapp fünf Jahren um mehr Respekt, Toleranz und ein faires Miteinander in Sport und Alltag. Die Zielgruppe sind in der Regel verhaltensauffällige, gewaltbereite Jugendliche oder Intensivstraftäter. In verschiedenen Trainings sollen die Teilnehmer lernen, ihre Aggressionen in den Griff zu bekommen – auf dem Sportplatz wie im „richtigen Leben“. Der Sport sei das Mittel, mit dem man die Jugendlichen schnell begeistern könne, sagt Henrich. Und nach theorielastigen Einheiten wie Rhetorik, Recht oder Benimmregeln biete er die Möglichkeit, sich nebenbei ein wenig abzureagieren.

Dass die C-Jugend des SV Winnenden seit November ein solches regelmäßiges Training in Anspruch nimmt, ist wohl eher persönlichen Verbindungen geschuldet. Marcel Rademacher, der dem Verein als Spieler und Trainer verbunden ist, hat einen ähnlichen beruflichen Hintergrund wie Rebekka Henrich. Er hat seinen Arbeitgeber, die Evangelische Gesellschaft (eva), als Projektpartner gewonnen und den Kontakt zum VfB geknüpft. Allerdings sieht man offenbar auch im vergleichsweise unauffälligen SV durchaus einen gewissen Handlungsbedarf. „Wir sind ein Meltingpot unterschiedlicher Kulturen“, sagt der Fußballabteilungsleiter Alexander Jänel. „Das birgt Konflikte. Außerdem haben einige ein Problem mit Respekt. Für die ist ,Hey Alter’ statt ,Grüß Gott’ die gängige Begrüßungsformel. “ Leider habe nur ein Teil der Angesprochenen das Angebot wahrgenommen. „Die, die es vielleicht nötig hätten, haben nicht mitgemacht“, sagt Jänel.

Auch der Württembergische Fußballverband (WFV) empfiehlt seinen Vereinen, in der Gewaltprävention aktiv zu werden. „Für Toleranz und Fairness“ hat der Dachverband von rund 1800 Vereinen eigens eine gleichnamige Kommission eingerichtet. Zusammen mit Zweikampfverhalten will man demnächst alle in der Vorrunde wegen schwerer Vergehen auffällig gewordenen Spieler zu einer Schulung einladen.

In der Halle am Winnender Stadion kurbelt derweil der Fanbeauftragte des VfB, Peter Reichert, die Diskussion ein wenig an. „Wer von euch hat schon eine rote Karte bekommen?“ Eine Hand reckt sich zögernd nach oben. „Warum?“, hakt Zdravko Kuzmanovic nach, um dann einzuräumen, dass auch er in seiner Zeit beim VfB schon zweimal vorzeitig in die Kabine musste. „Einmal davon war es auch korrekt.“

Dann geht es endlich auf den Platz. Spätestens beim Torschusstraining ist die Scheu bei den Teenagern verflogen. Am nächsten Tag wird nicht nur der eingefleischte VfB-Fan Adnan in der Schule stolz von seinem Erlebnis berichten. Wenn­gleich für Rebekka Henrich erst am kommenden Dienstag der Höhepunkt der zwölfteiligen Veranstaltungsreihe ansteht: „Dann machen wir Flirttraining.“




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