Winterreifen Die fünf größten Mythen über Autofahren im Winter

Von Harald Czycholl 

Auf glatten Straßen brauchen Autofahrer Winterreifen. Einen gesetzlichen Stichtag dafür gibt es allerdings nicht. Und auch sonst sind viele Mythen zum Thema Winterreifen im Umlauf. Was Sie zum Thema wissen sollten.

Der Aufdruck „M + S“ („Matsch und Schnee“) ist nicht geschützt. Beim Winterreifenkauf sollten Autofahrer daher zusätzlich auf das Schneeflockensymbol achten. Foto: Robert Kneschke  – Stock Adobe
Der Aufdruck „M + S“ („Matsch und Schnee“) ist nicht geschützt. Beim Winterreifenkauf sollten Autofahrer daher zusätzlich auf das Schneeflockensymbol achten. Foto: Robert Kneschke – Stock Adobe

Stuttgart - Frost, Matsch und wechselnde Straßenverhältnisse: In der nahenden kalten Jahreszeit sind Wetterkapriolen keine Seltenheit – und wenn Autofahrern bei widrigen Straßenverhältnissen der richtige Grip fehlt, steigt die Unfallgefahr. Winterreifen sind deshalb grundsätzlich sinnvoll, die gängige Faustformel, wann man damit unterwegs sein sollte, lautet „von Oktober bis Ostern“. Doch zum Thema Winterreifen sind diverse Mythen und Halbwahrheiten im Umlauf. Gibt es wirklich eine entsprechende Winterreifen-Pflicht? Verursachen Winterreifen einen höheren Spritverbrauch? Und reicht eine Profiltiefe von 1,6 Millimetern aus? Die größten Winterreifen-Mythen im Realitätscheck.

Sind Winterreifen im Winter Pflicht?

Die Faustformel lautet zwar „von O bis O“, also von Oktober bis Ostern, doch einen gesetzlichen Stichtag, ab dem Winterreifen aufgezogen sein müssen, gibt es nicht. Hierzulande gilt nur eine sogenannte „situative Winterreifenpflicht“: Nur wenn es die Straßenverhältnisse erfordern, darf ausschließlich mit Winterreifen gefahren werden – wer dann mit Sommerreifen unterwegs ist, riskiert ein Bußgeld und Punkte in Flensburg. Wenn jedoch die Sonne scheint und die Straße trocken ist, darf man immer mit Sommerreifen fahren – egal ob schon Januar ist oder das Thermometer Minusgrade anzeigt. Und wer sein Auto bei Schnee, Eis und Reifglätte sowieso in der Garage lässt, kann auf das Aufziehen der Winterreifen prinzipiell ganz verzichten oder Ganzjahresreifen nutzen, die zwar auch im Winter zugelassen sind, aber laut ADAC-Angaben auf winterlichen Straßen nur eine Kompromisslösung darstellen. Experten raten dazu, rechtzeitig die Reifen zu wechseln: „Spätestens wenn die Temperaturen dauerhaft unter sieben Grad Celsius sinken, ist es Zeit für die Winterbereifung“, sagt Frank Mauelshagen, Kfz-Experte der Ergo Versicherungsgruppe. Denn bei sieben Grad und darunter verhärtet die Gummimischung herkömmlicher Sommerreifen – und Winterreifen bieten den besseren Grip.

Ist der Spritverbrauch mit Winterreifen höher?

Früher hatten Winterreifen ein grobstolliges Profil, das einen hohen Rollwiderstand und auch laute Fahrgeräusche verursachte. Bei modernen Winterreifen ist das aber nicht mehr so: Die Profilgestaltung von Winterreifen ähnelt der von Sommerreifen, wobei die Kältespezialisten zusätzlich Lamellen haben. Zudem ist die Gummimischung natürlich anders. Der Rollwiderstand dagegen ist weitgehend gleich, ein Mehrverbrauch laut ADAC-Angaben nicht mehr messbar. Dennoch kann es sein, dass der Spritverbrauch in den Wintermonaten höher ist als im Sommer. Das liegt aber vor allem an der Heizung. Vor allem Sitzheizungen verbrauchen viel Energie und sind dadurch wahre Spritfresser.

Zahlt die Kasko-Versicherung auch bei Unfällen mit Sommerreifen?

Baut man bei winterlichen Straßenverhältnissen mit Sommerreifen einen Unfall, wird es meistens richtig teuer: Autofahrer, die bei Schnee oder Glatteis mit Sommerreifen in einen Unfall verwickelt werden, setzen ihren Versicherungsschutz nämlich zumindest teilweise aufs Spiel. „Verursachen Autofahrer bei Schnee und Eis mit Sommerreifen einen Unfall, können sie für den Schaden zur Kasse gebeten werden“, warnt Ergo-Experte Mauelshagen. Denn bei grober Fahrlässigkeit, als die das vorsätzliche Fahren mit falscher Bereifung meist bewertet wird, kommt die Kfz-Kaskoversicherung nicht für entstandene Schäden auf. Auch die Kfz-Haftpflicht kann den Fahrer in Mithaftung nehmen, wenn ein Unfall auf falsche Reifen zurückzuführen ist.

Woran erkennt man Winterreifen?

Den Aufdruck „M+S“ verstehen viele Autofahrer als sicheres Zeichen dafür, dass sie einen Winterreifen erworben haben. Doch das kann unter Umständen ein fataler Irrtum sein: Das Kürzel, das für „Matsch und Schnee“ steht, ist nämlich nicht rechtlich geschützt und wird von zahlreichen No-Name-Herstellern auch auf Pneus gedruckt, die nicht wintertauglich sind. Beim Winterreifenkauf sollten Autofahrer daher zusätzlich auf das Schneeflockensymbol achten. Nur damit gekennzeichnete Reifen erfüllen die gesetzliche Mindestanforderung – und die lautet, dass ein Reifen nur dann als Winterreifen verkauft werden darf, wenn er im Vergleich zu einem Referenzreifen mindestens sieben Prozent bessere Fahreigenschaften bei winterlichen Straßenverhältnissen erzielt.

Reicht eine Profiltiefe von 1,6 Millimetern aus?

Gesetzlich vorgeschrieben ist zwar bei allen Reifen im Sommer wie im Winter lediglich eine Profiltiefe von 1,6 Millimetern. Zum eigenen Schutz und dem der anderen Verkehrsteilnehmer sollte man sich aber nicht allzu nah an diesem Grenzwert orientieren. Denn bei glatten Straßen sorgt bei Winterreifen eine feine Lamellierung der Lauffläche für die bestmögliche Haftung – das ist der entscheidende technische Vorteil gegenüber Sommerreifen. Mit einem gewissen Abnutzungsgrad der Reifen ist diese Lamellierung jedoch nur noch teilweise vorhanden. Der ADAC empfiehlt daher eine Mindestprofiltiefe von vier Millimetern für Winterreifen. Nachmessen lässt sich das mit einem Zwei-Euro-Stück: Wenn der silberne Rand ganz im Profil verschwindet, ist selbiges noch tief genug – wenn nicht, ist es Zeit für neue Reifen. Ein Bußgeld riskiert man aber erst, wenn die Profiltiefe weniger als die vorgeschriebenen 1,6 Millimeter beträgt.