Wirtschaft im Kleinen Aus der Zeit gefallen

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Hedwig Knauf betreibt in Walddorfhäslach einen Laden, wie es sie nur noch selten gibt: Sie verkauft Textilwaren von der BH-Verlängerung über Wolle bis zum Nachthemd. In der Serie „Wirtschaft im Kleinen“ erzählt sie von der Konkurrenz der Discounter und wie sie mit Kunden umgeht, die ihre Wolle online kaufen, aber sich bei ihr Tipps holen.

Hedwig Knauf ist mit dem Textilwarenladen ihrer Mutter aufgewachsen – wie später ihre vier Kinder. Deren Kinder wiederum sitzen   heute oft bei der Oma im Laden und stricken. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Hedwig Knauf ist mit dem Textilwarenladen ihrer Mutter aufgewachsen – wie später ihre vier Kinder. Deren Kinder wiederum sitzen heute oft bei der Oma im Laden und stricken. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Walddorfhäslach - In Walddorfhäslach ist es auffällig, wenn man Walddorfhäslach sagt. Hier, am äußersten Zipfel des Kreises Reutlingen, ist man Walddorfer. Oder Häslacher. Oder Zugezogener. Der sagt Walddorfhäslach. 4950 Einwohner hat der Ort, der malerisch am Südrand des Schönbuchs liegt. Viele Menschen wohnen in den verwinkelten Gassen rund um die Kirche mit ihrem Fachwerkturm. Noch mehr wohnen im Neubaugebiet Fürhaupt, wo es fast ebenso eng zugeht wie in den alten Gassen. Im Ort gibt es einen Discounter und eine Bäckerei, in der noch am frühen Morgen selbst gebacken wird. Es gibt eine Kenianerin, die köstlichste Dips und Soßen kocht und verkauft, ein Altersheim, italienische Feinkost, einen Schuhmacher und einen Schreib- und Bastelwarenladen. Und es gibt Textilien Mayer-Knauf. Und das seit 65 Jahren.

„Ihr Textilgeschäft seit 1950“ steht über dem Schaufenster des kleinen Ladengeschäfts in der Bachstraße – einer der kleinen Gassen rund um die Kirche. Drei Steintreppen geht es hinunter, schon ist vergessen, welches Jahr man schreibt. Es könnte 1975 sein. 1992? Vielleicht auch 2015. Die Decke ist niedrig. Der Teppich praktisch. Die Regale sind voll und wohlsortiert. Wollknäule bilden ein regelmäßiges Muster. Zu jeder Sorte gibt es ein selbst gestricktes Beispielstück. Darunter liegen T-Shirts, Schlafanzüge und Unterwäsche und eine Auswahl an Stoffballen. Geblümtes, Gepunktetes und Stoff zum Besticken. Und hinter dem Schaufenster mit der teppichbespannten Rückwand hängen Dinge, die es kaum woanders zu kaufen gibt: Hosenträger. Verlängerungen für den BH-Verschluss, falls mal ein paar Kilo mehr auf den Rippen sind. Reißverschlüsse als Meterware. Und handschmeichelnde Stopfeier, die der 80-jährige Nachbar drechselt.

Anfangs diente das Wohnzimmer als Verkaufsraum

Zwei Ladentische, unter deren Glasscheiben fein säuberlich Ware ausliegt. Eine ältliche Kasse. Dahinter steht tagein, tagaus Hedwig Knauf. Oder sie sitzt auf ihrem Klappstuhl. Die Haare zum Dutt. Der Rücken leicht gebeugt. Die Augen wach hinter den Brillengläsern. Sie ist mit dem Laden aufgewachsen, und das war nicht einfach. 1943 fiel ihr Vater mit 22 Jahren in Russland. Der Mutter von Hedwig Mayer (wie sie damals noch hieß) blieb nur eine kleine Witwenrente, das alte Haus, etwas Ackerland und die neun Monate alte Tochter. Mit 23 Jahren begann die junge Witwe aus ihrem Wohnzimmerschrank Wolle zu verkaufen. Das war 1950 der Anfang des Ladens, erzählt ihre heute 72-jährige Tochter. Wenig später schaffte die Mutter zwei Strickmaschinen an – dafür verkaufte sie Land. Im Auftrag von Kunden strickte sie fortan Wäsche und Socken, die die kleine Hedwig mit dem Rad auslieferte.

Handarbeitslehrerin wollte Hedwig werden, doch das Haus wurde baufällig, und sie musste mitanpacken. Ihr Rücken erzählt bis heute schmerzhafte Geschichten davon. Im Erdgeschoss entstand aus dem früheren Stall der Laden. Darüber wohnt bis heute Hedwig Knauf. Die Frauenarbeitsschule musste sie damals beenden, und später auch ein Angebot, doch noch Handarbeit zu lehren, ausschlagen. Dafür waren damals die vier Kinder einfach noch zu klein. Und dennoch ist Hedwig Knauf bis heute so etwas wie eine Handarbeitslehrerin. Denn wer bei ihr Wolle kauft, bekommt praktische Tipps – oft auch mehr – selbstverständlich dazu.

Kunden, die ihre Wolle online kaufen, erkennt sie sofort

Oft sitzt im hinteren Teil des Ladens eine Kundin und müht sich mit einer Sockenferse oder einem Pulloverkragen ab. Hedwig Knauf steht ihr mit Rat und Tat bei. Und so manches Walddorfer oder Häslacher Kind hat hier das Häkeln oder Stricken gelernt. Alljährlich bietet Hedwig Knauf im örtlichen Ferienprogramm entsprechende Kurse an. Auch in diesem Sommer lernen 60 Kinder, mit den Nadeln umzugehen. Und auch in diesem Jahr sind die zehn Kurse ausgebucht. Auch beim Feriennähkurs spielt der zeitlose Laden eine Rolle. Denn selbstverständlich wird das Material für die Kulturbeutel, die dort genäht werden, im Ort besorgt. Sogar abwischbaren Stoff in verschiedenen Farben kann Hedwig Knauf offerieren – sie holt ihn in einem Körbchen aus dem Nebenraum.

Doch die Idylle trügt. Denn selbstverständlich ist der Kauf in der Bachstraße 28 in Walddorfhäslach leider nicht mehr. „Früher haben die Leute bei uns Unter- und Nachtwäsche gekauft“, sagt Hedwig Knauf. „Heute kommen sie, wenn sie einen Faden brauchen.“ Und nicht selten stehen Leute mit ihrem halbfertigen Socken im Laden und bitten um praktische Hilfe, obwohl die Wolle dazu aus dem Internet stammt. „Ich erkenne doch, welche Wolle von uns ist.“ Mittlerweile schickt Hedwig Knauf sie weg. Es hat eine Weile gebraucht, bis sie das gewagt hat. „Aber das geht einfach nicht.“

Leben könnte Hedwig Knauf von ihrem Umsatz nicht mehr

Und auch der Einkauf für den Laden ist schwierig geworden. Hedwig Knauf fährt zwar zu Messen und den Modewochen in Sindelfingen, doch Lieferanten, die kleine Mengen liefern, sind kaum mehr zu finden. „Ein früher guter Lieferant von uns verlangt jetzt einen Mindesteinkauf von 3000 Euro. So viel brauchen wir gar nicht.“ Und wenn Schlafanzüge in den Größen 48 und 50 ausgehen, muss Hedwig Knauf beim Hersteller auch 52 bis 56 mitbestellen. Obwohl sie die nicht brauchen kann. Ihre Kollektionen sind à jour, die Preise nicht höher als im Kaufhaus – oft schreibt sie der Hersteller vor. Und oft sind die Kunden davon überrascht. Selbst eine Kundenkarte bietet Hedwig Knauf an. Für zehn Euro Umsatz gibt es einen Stempelabdruck, nach zehn Stempeln gewährt sie drei Euro Rabatt. Die Punkte verfallen nicht. Das macht sie so seit 1994.

Dennoch. „Aldi und Lidl machen uns fertig.“ Hedwig Knauf ermahnt sich, nicht zu bruddeln. Früher hat sie den Laden um sieben aufgemacht, oft bedienten sie zu zweit oder dritt. „Die ersten 40 Jahre des Ladens sind sehr gut gelaufen.“ Für die vier Kinder – heute zwischen 40 und 49 Jahre alt und selbst Eltern der insgesamt elf Enkel von Hedwig Knauf – blieb da nicht viel Zeit.

Heute reicht es, die Ladentür um halb neun aufzuschließen. „80 Prozent der Menschen im Ort kennen mich nicht mehr“, sagt Hedwig Knauf. An den Nachmittagen steht sie alleine hinterm Ladentisch, an drei Vormittagen pro Woche hilft die Schwiegertochter, einmal pro Woche die Tochter. Ihnen zahlt Hedwig Knauf ein Gehalt – sie selbst kommt als Kostenfaktor in der Bilanz nicht vor. Das Haus gehört ihr. Die laufenden Kosten sind niedrig. Die Buchhaltung macht Hedwig Knauf bis heute selbst. Rote Zahlen schreibe sie nicht. Aber leben könne man von dem Laden nicht mehr. Nur im Wohnzimmer sitzen, wolle sie aber nicht. „Es macht mir Freude, wenn ich helfen kann. Ich brauch den Umgang“, sagt sie. „Wenn ich nicht mehr kann, muss ich Konsequenzen ziehen.“ Man hört, dass sie sich das nicht vorstellen kann und will. „Aber vorher bemühen wir uns schon noch ein paar Jahre.“

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