Wohnen in der Region Stuttgart Auf die Gemeinschaft ist im Mehrgenerationenhaus Verlass

Von Annette Clauß 

Zusammen unter einem Dach leben und sich gegenseitig unterstützen – das ist die Idee, die hinter der Wohnform der Mehrgenerationenhäuser steckt. In der Region gibt es einige dieser Häuser – und es kommen ständig neue hinzu.

Das Atrium als Treffpunkt: Miriam Andersen (rechts), ihr Mann Nils (Mitte) und Sohn Otto mit Traktor nutzen die Gemeinschaftsfläche im „Stadtwerk“ in Herrenberg als erweitertes Wohnzimmer. Foto: factum/Weise
Das Atrium als Treffpunkt: Miriam Andersen (rechts), ihr Mann Nils (Mitte) und Sohn Otto mit Traktor nutzen die Gemeinschaftsfläche im „Stadtwerk“ in Herrenberg als erweitertes Wohnzimmer. Foto: factum/Weise

Herrenberg - Bei ihrem Einzug ins Mehrgenerationenhaus Stadtwerk in Herrenberg sind Miriam und Nils Andersen neugierig, aber auch etwas skeptisch gewesen. „Ziehen wir da in eine Öko-Kommune?“ fragte sich das junge Paar. „Wir hatten zwar schon von Mehrgenerationenhäusern gehört, konnten uns aber nicht viel darunter vorstellen“, erinnert sich Miriam Andersen. Die frischgebackenen Eltern suchten schlicht eine Mietwohnung, die einen S-Bahn-Anschluss und genug Platz auch für den wenige Monate alten Sohn Otto bot. Im September 2016 ist die Familie in eine Drei-Zimmer-Wohnung ins „Stadtwerk“ gezogen, das auf dem Gelände des Stadtwerks gebaut wurde – und zwar von privaten Bauherren, die sich zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen haben.

Otto wird demnächst zwei Jahre alt und die leichte Skepsis vom Anfang ist längst großer Begeisterung gewichen. In einem ganz normalen Mietshaus zu wohnen, wo jeder Hausbewohner vor sich hin lebt, das können sich die Andersens, beide sind 35 Jahre alt, mittlerweile nicht mehr vorstellen. Es seien die vielen kleinen Dinge, die das Leben im Stadtwerk so schön machten, sagt Miriam Andersen. Die Nachbarin, die ein Stück Kuchen vorbeibringt, um über einen nervigen Arbeitstag hinwegzutrösten. Der Hausmitbewohner, der die vergessene Packung Milch einkauft. Die befreundete Mutter, die nachts ein fiebersenkendes Mittel für den kranken Steppke bringt. Oder die Nachbarinnen, die auch ein Auge auf Otto haben, wenn er mit seiner Clique durchs Atrium wuselt.

Atrium als Riesenspielplatz

Der lichtdurchflutete Innenhof ist der Treffpunkt schlechthin, insbesondere für die Familien und die fast 20 Kinder im Haus. Alle Wohnungen sind auf ihn ausgerichtet, nur eine Glaswand trennt die privaten Reiche vom Atrium. Wobei die gemeinschaftlich genutzte Fläche einer überdimensionierten guten Stube ähnelt: manche Bewohner haben vor ihrer Tür den Teppich ausgerollt und Pflanzen drapiert, andere ein Bänkle, Tische und Stühle aufgestellt.

Bobbycars, Tretroller, Dreiräder und Fahrräder stehen und liegen auch im Atrium – der Fuhrpark der jüngsten Hausbewohner kann sich sehen lassen. Es sei ausdrücklich erwünscht, dass die Kinder das Atrium als Spielfläche mitnutzen, erzählen die Andersens. Ganz am Anfang habe es vereinzelt Beschwerden gegeben, aber inzwischen habe man sich auf eine Regel geeinigt: „Vor acht Uhr morgens und nach 19 Uhr herrscht Ruhe im Atrium. Da hängt nirgends eine Gesetzestafel, aber man hält sich dran.“ Die Eltern achten darauf, dass nicht zu viele Stolperfallen im Weg liegen.

Was im Atrium steht, dürfen alle benutzen. Das gemeinsame Nutzungsrecht gilt auch für die große Dachterrasse, für den Spielplatz und die Boulebahn neben dem Mehrgenerationenhaus, für das Musik- und Yogazimmer, den Salon, der auch als Bibliothek dient, und für das kleine Café mit Saal. „Man kann alle Räume kostenfrei mieten“, erzählt Miriam Andersen. Das Stadtwerk, bestätigt sie, sei eine kleine heile Welt für sich und für Einzelkinder eine tolle Sache: „Ich muss nur die Tür aufmachen und auf Otto warten jede Menge Spielkameraden. Man muss sich nie verabreden.“ Hinzu kommen viele potenzielle Babysitter – ein Pluspunkt, wenn man wie Andersen berufstätig ist. Muss die Lehrerin für Englisch- und Gemeinschaftskunde länger arbeiten, ist das kein Grund für Stress: „Irgendjemand im Haus kümmert sich.“ Die Teilzeitomas holen Kinder vom Kindergarten ab und kochen auch mal das Abendessen.

Intensive Freundschaften sind entstanden

„Es ist ein Geben und Nehmen“, sagt Miriam Andersen über das Leben im Stadtwerk, „ich habe mich noch nie ausgenutzt gefühlt.“ Dass schnell intensive Freundschaften entstanden sind – oft zwischen Menschen, die sich sonst womöglich nie getroffen hätten – genießen die Andersens: „Es fühlt sich an, als ob man sich aus dem Kindergarten kennen würde. Unsere alten Freunde sind fast eifersüchtig.“

Die internationale Hausgemeinschaft versammelt sich zum Adventssingen, zur Weihnachtsfeier und zur Silvesterparty, regelmäßig gibt es ein gemeinsames Sonntagsfrühstück – alles auf freiwilliger Basis. Das gilt auch für die Bewohnerversammlung: „Wenn man kann, geht man hin, wenn nicht, dann nicht“, sagt Miriam Andersen. Viele Bewohner engagieren sich in den Arbeitskreisen, die sich darum kümmern, dass im und ums Haus alles rund läuft: Der AK Grün stutzt Hecken und Bäume, der AK Müll fährt Glas, Metall und andere Wertstoffe zur Sammelstelle. Auch das Reinigen der Gemeinschaftsflächen übernehmen die Bewohner. „Das funktioniert ohne Liste und ohne Kehrwocheschild. Ich bin da immer wieder verblüfft“, sagt Miriam Andersen. Nur der Winterdienst wird von einem externen Dienstleister übernommen.

Mediatoren wohnen im Haus

Natürlich menschelt es auch im Mehrgenerationenhaus, natürlich gibt es Reibereien. Doch im Haus wohnen drei Bewohner, die als Mediatoren gerufen werden können. „Diese Leute sind sehr beliebt und werden geschätzt“, sagt Miriam Andersen. Auch für die anderen Hausbewohner gelte: „Wenn man mitbekommt, dass zwei ein Problem miteinander haben, spricht man sie auch darauf an. So kann sich das Ganze nicht so hochschaukeln.“ Kein Wunder, dass die Andersens bedauern, dass ihr Mietvertrag ein befristeter ist: „Wir kriegen schon Panik wenn wir daran denken, dass wir in drei Jahren ausziehen müssen.“




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