Wohnungsbau in Herrenberg Die Industrieruine fällt

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24 Jahre nach dem Ende des Betriebs beginnt der Abriss der Hallen der einstigen Gießerei Leibfried. 

Voller Einsatz: Der Oberbürgermeister schlägt die ersten Steine raus. Foto: factum/Bach
Voller Einsatz: Der Oberbürgermeister schlägt die ersten Steine raus. Foto: factum/Bach

Herrenberg - Die ersten Steine sind gefallen, durch Muskelkraft. Thomas Sprißler, der Herrenberger Oberbürgermeister, hat sie mit einem Vorschlaghammer aus der Industrieruine geschlagen, den ehemaligen Hallen der Gießerei Leibfried. Seit 24 Jahren sind sie verwaist, weil auch eine Fusion mit Mahle den Betrieb nicht rettete; im Gegenteil. In den nächsten Monaten wird die Ruine mitten in der Stadt Stück für Stück verschwinden. Der erste Tag des Abrisses sei „ein extrem guter Tag für Herrenberg“, sagte Sprißler, bevor er zum Hammer griff. Auf dem Gelände der Brache an der Schwarzwaldstraße sollen Mehrfamilien- und Reihenhäuser entstehen.

Spätestens im Jahr 1992 wurde offenbar, dass das Ende der Leibfried Metallwerke naht. Die Firma war eben fusioniert mit dem Stuttgarter Unternehmen Mahle. Wegen verschärfter Umweltgesetze hätten in Herrenberg Millionen investiert werden müssen, was die Geschäftsleitung für verlorenes Geld hielt. Turbulenzen und Gewerkschaftsproteste folgten. Nach einem Blick in die Bilanzen gestanden aber auch die Funktionäre der IG Metall ein, dass der Standort keine Zukunft haben werde. 300 Beschäftigte verloren ihre Arbeit.

Die Fabrikhallen dienten als Quartier für Obdachlose

Seitdem dienten die Hallen allenfalls noch als Quartier für Obdachlose oder Partyzone für Jugendliche. Die Fenster, jedenfalls die in erreichbarer Höhe, sind schon längstens eingeschlagen. Noch heute ist das Gelände belastet: Der Boden vergiftet. Er muss auf einer Fläche von 1,1 Hektar abgetragen und mit neuem Erdreich verfüllt werden. Am Ende „werden die neuen Bewohner in ihrem Garten sorglos Gemüse anbauen können“, verspricht Bianca Reinhardt Weith. Sie leitet die baden-württembergische Niederlassung der Instone Real Estate, die rund 30 Millionen Euro in das neue Wohngebiet investieren will. Das Unternehmen ist selbst Ergebnis eines Zusammenschlusses. In ihm verschmolzen im Sommer die Firmen Formart und GRK.

Sprißler ist seit knapp zehn Jahren Chef im Herrenberger Rathaus. „Es ist kein Quartal vergangen, in dem nicht in irgendeiner Form Leibfried auf meinem Schreibtisch lag“, sagte er. „Pläne gab es schon einige, aber das Thema ist extrem komplex, auch rechtlich.“ Sowohl die Altlasten als auch verzwickte Eigentumsverhältnisse verhinderten den lang ersehnten Abriss der alten Hallen. Auch die nähere Zukunft des Geländes ist keineswegs frei von Komplikationen, denn Instone beginnt den Abriss, ohne die Genehmigung für die geplanten Neubauten zu haben. Bevor der erste Stein gesetzt wird, muss sogar noch der Bebauungsplan geändert werden. Was ein langwieriges Verwaltungsverfahren bedeutet.

Die Vorstellungen über das neue Wohngebiet sind noch vage

Dementsprechend sind die Vorstellungen über das künftige Aussehen des Wohngebietes bis jetzt vage. Auf ersten Plänen sind fünf große Mehrfamilienhäuser eingezeichnet. 120 Wohnungen sollen in ihnen Platz haben. Hinzu kommen sieben Reihenhäuser. Die künftigen Bewohner des Quartiers sollen ihre Autos in einer Tiefgarage abstellen. Die Stadt wünscht, dass ein Teil der Wohnungen Sozialhilfe-Empfängern vorbehalten bleibt. Auch an Büros und Arztpraxen ist gedacht. Genaueres soll ein Architektenwettbewerb ergeben.

Der Abriss der Industriebrache soll im nächsten Februar beendet sein. 40 000 Kubikmeter Bauschutt müssen bis dahin entsorgt werden – Beton, Stahl und Ziegelstein. Danach folgt der Aushub des Bodens. Die Arbeit an den Neubauten kann erst 2019 beginnen. Zwei Jahre später sollen die ersten Bewohner einziehen. „Man hätte die Hallen noch anderthalb Jahre stehen lassen und alles in einem Rutsch erledigen können“, sagte Sprißler. Dass der Termin für den Abriss vorgezogen wurde, hat letztlich nur einen Grund: Die Herrenberger sind den Anblick der Ruine leid.

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