Wundersames in Markgröningen Skurriler Rechtsstreit um „Zigeunerwagen“

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Der Markgröninger Schäferlauf ist eine Massenveranstaltung. Streit gibt es um den „Zigeunerwagen“ und die Gruppe, die beim Umzug marschiert.

Der Markgröninger Schäferlauf ist eine Massenveranstaltung. Streit gibt es um den „Zigeunerwagen“ und die Gruppe, die beim Umzug marschiert. Foto: factum/Schäferlauffreunde
Der Markgröninger Schäferlauf ist eine Massenveranstaltung. Streit gibt es um den „Zigeunerwagen“ und die Gruppe, die beim Umzug marschiert. Foto: factum/Schäferlauffreunde

Markgröningen - Eigentlich steht den Markgröningern wieder ein unbeschwerter Schäferlauf vom 25. bis 28. August ins Haus. Das Wetter soll mit 23 Grad und Sonne ideal sein, die Traditionsveranstaltung könnte wieder die üblichen 100 000 Besucher anlocken. Doch ein kleines Detail des Festumzuges entwickelt sich zum Politikum. Es geht um den seit 30 Jahren mitfahrenden „Zigeunerwagen“, der 1987 als Beitrag des Bundes der Selbstständigen geschaffen wurde und inzwischen von dem Verein der Schäferlauf-Freunde getragen wird. Daran und an der Darstellung des Zigeunerlebens entzündet sich ein Streit, der bis nach Berlin vorgedrungen ist.

Brief vom Zentralrat der Sinti und Roma

Der Rechtsstreit begann schon vor einem Jahr – als das Schild mit der Aufschrift „Zigeunerwagen“ kaputt gegangen ist. Im Festausschuss der Stadt wurde die Frage nach einem Ersatz gestellt. „Drei Tage später kam ein Brief des Zentralrates der Sinti und Roma“, berichtet der Bürgermeister Rudolf Kürner. Man habe Hinweise erhalten, dass das Zigeunerleben auf „stigmatisierende Weise“ zur Schau gestellt werde. Fotos auf der Homepage der Stadt seien diskriminierend. Der Begriff „Zigeuner“ sei rassistisch. Schriftlich heißt es weiter: „Dass der Reproduktion von Vorurteilen eine Plattform geboten wird, zeigt, dass in Markgröningen die vorurteilsfreie Dialogkompetenz defizitär ist.“ Zwei Wochen später traf ein Brief der Antidiskriminierungsstelle der Bundesregierung ein mit der Bitte um Stellungnahme. Die Stadt hat einen Rechtsanwalt eingeschaltet – und beim vergangenen Schäferlauf von einer „bunten Trachtengruppe“ gesprochen und alle Bilder von der Homepage gelöscht.

Doch für das diesjährige Event wollte der Bürgermeister das Ganze nicht einfach auf sich berufen lassen. Er hat den renommierten Rechtsanwalt Christian Steger eingeschaltet, der bis 2007 Hauptgeschäftsführer des Gemeindetages Baden-Württemberg war. Dieser schreibt in einem Gutachten, dass die Stadt mit dem Begriff „Zigeuner“ einen „historisch begründeten, selbstironischen Bürgerstolz“ zum Ausdruck bringe und keinerlei „diskriminierende Außenwirkung“ erzeugen wollten.

Gutes Miteinander

Darauf verweist auch die Stadtarchivarin Petra Schad: Schließlich würden die Markgröninger im Volksmund spöttisch „Zigeuner“ genannt. Das liege daran, dass Sinti und Roma schon im 18. Jahrhundert in der Stadt gelebt hätten – und dabei ein gutes Miteinander geherrscht habe. So seien sie 1835 in die Stadtgesellschaft aufgenommen worden, weil sie vor herannahenden Feinden gewarnt hätten.

Daher wird der Wagen nun beim Festumzug am 26. und 27. August mit der Bezeichnung „Historischer Zigeunerwagen“ unterwegs sein. Auf der Homepage der Stadt wird darauf geachtet, dass das Leben der Sinti und Roma in Markgröningen positiv dargestellt wird. Rudolf Kürner: „Ich habe den Vorsitzenden des Zentralrates, Romani Rose, zum Umzug eingeladen, damit er sich davon überzeugen kann.“ Kürner will sich den Begriff „Zigeuner“ jedenfalls nicht verbieten lassen.

Zentralrats-Chef verhindert

Auf Anfrage rudert Herbert Heuß, wissenschaftlicher Leiter bei dem in Heidelberg ansässigen Zentralrat der Sinti und Roma, im Vergleich zum scharf formulierten Schreiben zurück. „Uns ging es um die Fotos auf der Homepage der Stadt, in denen Zigeuner verlumpt dargestellt wurden“, sagt er. Eine Sinti-Familie habe das gestört und sich an die Dachorganisation gewandt. Gegen einen historischen Zigeunerwagen spreche nichts – man solle aber auf einen positiven Kontext achten, so Heuß. „Heute hat der Begriff Zigeuner eine negative Bedeutung.“ Er lobt den Ansatz, das Leben der Volksgruppe im Ort positiv darzustellen.

Leider sei der Zentralrats-Chef Romani Rose beim Schäferlauf terminlich verhindert, sagt Heuß: Er sei in Rostock zur Gedenkveranstaltung an die rechtsradikalen Krawalle von Lichtenhagen vor 25 Jahren.




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