Zahnradbahngespräch mit Hans Herrmann Der schlimme Unfall in Monte Carlo

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Peter Stolterfoht (sto)
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Seine Karriere schien eigentlich schon viele Jahre zuvor beendet zu sein. Hans Herrmann kommt nun auf die Tiefpunkte zu sprechen. Einen kann er ganz genau verorten. Monte Carlo, 21. Mai 1955. Beim Abschlusstraining, das heutzutage Qualifying heißt, ist Herrmann mit seinem Mercedes auf einer ganz schnellen Runde. „Die wollte ich unbedingt durchziehen, weil nirgends ein guter Startplatz so wichtig ist wie auf diesem Stadtkurs. Beim Anbremsen zog der Wagen allerdings leicht nach rechts“, erzählt er. Irgendwann zog er dann extrem nach rechts. Auf der ungesicherten Strecke schanzte er mit 200 Stundenkilometern über das Trottoir und prallte in eine Mauer beim Hôtel de Paris. „Ich hatte Glück, dass mir nicht der Kopf abgerissen wurde und dass der Wagen nicht Feuer fing.“ Es folgte ein fünfmonatiger Krankenhausaufenthalt. Herrmann hatte sich Kreuzbein, Steißbein und zwei Rückenwirbel gebrochen. Dennoch wollte er in die Formel 1 zurück und fuhr später für Maserati, Cooper und BRM. 1959 überlebte er wie durch ein Wunder einen schweren Unfall auf der Berliner Avus fast unverletzt, als er bei Tempo 280 in die Strohballen fuhr und dabei aus dem Auto geschleudert wurde.

„Moment mal, diesen Unfall habe ich auf Video“, sagt Hans Herrmann und holt sein Smartphone aus der Hosentasche. Und wie er den Schwarzfilm abspielt, sagt er: „Ich weiß noch, wie ich Angst hatte, dass mir der Wagen ins Kreuz knallt.“ Wie kann man nach solchen Erlebnissen immer wieder in ein Rennauto steigen? „Man darf sich nicht mit dem Tod beschäftigen“, sagt Hans Herrmann, „auch wenn ständig einer von uns gestorben ist.“ 60 Formel-1-Kollegen von ihm sind während seiner Motorsportkarriere zwischen 1953 und 1970 bei Unfällen ums Leben gekommen, darunter Freunde wie Wolfgang Graf Berghe von Trips und Gerhard Mitter. „Du hast dir dann immer wieder gesagt: aber dich erwischt es nicht.“

In der Gewalt von Entführern

Und ausgerechnet für ihn geht es nach der Karriere plötzlich noch einmal um Leben und Tod. Es ist der 13. Dezember 1991, als Hans Herrmann von einer Mercedes-Weihnachtsfeier heimkommt. Dort wird er von drei maskierten Männern überwältigt, die zuvor ins Haus eingedrungen waren, den Hund mit einem Pistolenknauf niedergeschlagen und seine Frau gefesselt hatten. Der Hund wird so schwer verletzt, dass er kurze Zeit später eingeschläfert werden muss. Nach einer Nacht in der Gewalt der Schwerverbrecher wird Hans Herrmanns Frau angewiesen, eine Million Mark zu beschaffen, anderenfalls, so die Geiselnehmer, würde sie ihren Mann nicht wiedersehen. Während Magdalena Herrmann 300 000 Mark auftreiben kann, wird Hans Herrmann im Kofferraum seines eigenen Wagens gepfercht und auf einen Parkplatz gebracht. Nachdem das Geld in den Besitz der Entführer gekommen ist, geben sie den Standort des Wagens bekannt und fordern die Ehefrau nun auf, die Polizei zu alarmieren. Hans Herrmann lebt. Von den Entführern fehlt bis heute jede Spur. Obwohl sie Spuren hinterlassen haben, im Haus, aber vor allem in den Seelen der Herrmanns. „Meine Frau leidet bis heute unter den Ereignissen“, sagt Hans Herrmann, dem möglicherweise die Grenzerfahrungen im Rennsport dabei geholfen haben, das Erlebte einigermaßen zu verarbeiten.

„Jetzt trinken wir aber noch einen Kaffee“, sagt er bei der Rückkehr an den Marienplatz. Er erzählt im Café Kaiserbau stolz von seinen beiden Söhnen, von denen einer als erfolgreicher Musikproduzent in Los Angeles arbeitet, von der Schwiegertochter, die aus Shanghai stammt, und vom fünfjährigen Enkel Lino, der gerade bei den Großeltern zu Besuch ist: „Unser schwäbisches Chinesle“, sagt Hans Herrmann.

Und dann geht’s auch schon wieder zurück nach Maichingen – über die alte Solitude-Rennstrecke. „An diesem Wochenende bin ich hier übrigens im Einsatz“, erzählt er und dass er beim Solitude Revival, dem Rennsportfestival für Oldtimer, mit dem alten Le-Mans-Porsche seine Runden dreht. „Ich freu’ mich drauf“, sagt er noch zum Abschied.

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