Zahnradbahngespräch mit Niko Kappel Der große Wurf des kleinen Manns

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Niko Kappel ist kleinwüchsig und Paralympics-Sieger im Kugelstoßen. Darauf ist er stolz. Im Zahnradbahn-Gespräch erzählt der 21-Jährige aus Welzheim auch, dass er gar nicht größer als 1,40 Meter sein will.

Kugelstoßer Niko Kappel will  auch im Jahr nach dem Paralympics-Sieg was Großes holen: den Weltrekord. Foto: Baumann
Kugelstoßer Niko Kappel will auch im Jahr nach dem Paralympics-Sieg was Großes holen: den Weltrekord. Foto: Baumann

Stutgart - Es gibt Unterhaltungen, die sind so unterhaltsam, die vertragen einfach keine Unterbrechung. Dann wird die Pinkelpause eben gemeinsam genommen und bei der Gelegenheit weitergeredet. „Hier sehen Sie einen Nachteil: Die Pissoirs sind zu hoch für mich“, sagt Niko Kappel, lacht und verschwindet in der Kabine. Als er wieder auftaucht, meint er: „Trotzdem würde ich das Angebot ablehnen, mit einem Schlag 1,80 Meter groß zu sein.“

Wir befinden uns an der letzten Station des Zahnradbahngesprächs, das traditionell im Café Kaiserbau in die Verlängerung geht. Hier verblüfft einen Niko Kappel schon wieder, diesmal mit der Aussage, sehr einverstanden damit zu sein, nur 1,40 Meter groß und damit kleinwüchsig zu sein. „Ich falle auf, mir hört man zu, ich werde wiedererkannt“, sagt er – und wie zum Beweis verabschiedet ihn die Café-Geschäftsführerin mit den Worten: „Alles Gute und weiterhin so viel Erfolg.“

Niko Kappel gehört zur deutschen Sportprominenz – seit dem 8. September 2016. Der Beginn des Zahnradbahngesprächs, bei dem es auf der Fahrt nach Degerloch um die Höhepunkt in der Karriere von Niko Kappel gehen soll, steht dann auch ganz im Zeichen dieses Datums. „Ich hatte schon am Morgen ein richtig gutes Gefühl“, erinnert er sich an den Anfang seines großen Auftritts am zweiten Tag der Paralympics in Rio de Janeiro.

Doch auf die Goldmedaille im Kugelstoßen wagt er da noch nicht zu hoffen. Schließlich hat der Mann aus Welzheim zuvor noch nie den polnischen Weltrekordler Bartosz Tyszkowski geschlagen. Doch mit dem fünften Versuch gelingt Kappel die große Überraschung. Mit einem Stoß auf 13,57 Meter überbietet er Tyszkowski um einen Zentimeter und katapultiert sich selbst in den Ausnahmezustand. Der Einspieler von Kappels mitreißendem Goldjubel durfte am Jahresende in keinem TV-Rückblick fehlen.

Inklusion heißt für ihn: sich auf Augenhöhe zu begegnen

Plötzlich bekannt. Mit der neue Situation geht Niko Kappel locker um und erzählt von seinen Anfängen auf dem roten Teppich. Der sollte zunächst aber umgangen werden. „Beim Frankfurter Sportpresseball in der Alten Oper wollte ich den Hintereingang nehmen. Fotografen haben mir dann zugerufen, ich solle vorn rein, damit sie Bilder von mir machen können. Dass die Medien von mir etwas wollen, konnte ich mir erst gar nicht vorstellen.“ Niko Kappel lacht. Die Geschichte gefällt ihm, sein Spitzname „Bonsai“ auch. Klein, aber stark wie ein Baum. Passt. Dazu geerdet und mit ansteckend guter Laune.

So wie sein Kumpel Mathias Mester, der auch kleinwüchsig ist und bei den Paralympics im Speerwerfen Silber gewann. „Er ist nicht nur sportlich ein Vorbild für mich“, sagt Niko Kappel. Auch im Umgang mit der Behinderung habe er sich viel vom 30-Jährigen abgeschaut. Zum Beispiel die Überzeugung, dass es ganz normal ist, wenn man als Behinderter über sich selbst lachen kann. So wie Mathias Mester, der ein Bild vom Rückflug aus Rio postete, das ihn schlafend im Gepäckfach zeigt. Auch Niko Kappel schert sich nicht drum, wenn das jemand befremdlich findet. Ihm gefällt es.

Und dann ist er beim Thema Inklusion angekommen. Sich auf Augenhöhe begegnen, heißt das für Niko Kappel. Das ginge auch, wenn einer 1,40 Meter misst und der andere 2,03 Meter – so wie sein Trainingspartner Tobias Dahm am Olympia-Stützpunkt in Stuttgart. „Inklusion verstehe ich als Gleichbehandlung. Es soll keine Benachteiligung geben, aber auch keine Vorzugsbehandlung. So bin ich von meinen Eltern erzogen worden und unter nicht behinderten Freunden aufgewachsen“, sagt Kappel, dessen Freundin Luisa übrigens gewöhnlich groß, dafür selten hübsch ist.

Als CDU-Mitglied zur Bundespräsidentenwahl

Der gut gelaunte Niko Kappel kann sich aber auch ärgern. Neulich, als am Stuttgarter Flughafen beim Einchecken ein Rollstuhlfahrer an einer langen Schlange vorbeigezogen ist und sich erst ganz vorne wieder eingereiht hat. „Ein Personalchef, der so etwas sieht, entscheidet sich jetzt vielleicht dagegen, einen Behinderten einzustellen. Einen, der vor allem auf seinen Vorteil bedacht ist. Der Rollstuhlfahrer hatte es ja überhaupt nicht eilig. Seine Maschine ist viel später abgeflogen.“

Irgendwann sagt Niko Kappel: „Inklusion ist eigentlich gar nicht so mein großes Thema.“ Obwohl er als CDU-Mitglied im Welzheimer Gemeinderat sicher geschickt Lobbyarbeit für Behinderte machen könnte. Mehr beschäftigt ihn als Politiker gerade die teure Sanierung des Viadukts Laufenmühle in seinem Ort und wie die in den Haushaltsplan passt. Und die Bundespräsidentenwahl, zu der er am 12. Februar von der CDU-Landtagsfraktion abgesandt wird. Die Partien schicken bei diesem Anlass gerne Persönlichkeiten ins Rennen. Niko Kappel ist eine Persönlichkeit.

Die Frage, ob ihm schon mal jemand gesagt hat, dass er viel reifer wirkt, als seine 21 Jahre vermuten lassen, beantwortet Niko Kappel mit einem „Mhhh“ und einem Lächeln. Was als „Ja, aber ich höre es trotzdem immer wieder gerne“ gedeutet werden kann. Die Zahnradbahn ist da schon lange auf der Talfahrt, auf der es eigentlich um Tiefpunkte in der Karriere gehen soll. „In diesem Bereich habe ich nicht viel zu bieten.“ Abgesehen davon, dass er seine Karriere vor zwei Jahren beenden wollte.

Niko Kappel hatte gerade seine Ausbildung bei der Volksbank Welzheim abgeschlossen, für die er jetzt 17 Stunden in der Woche als Firmenkundenberater arbeitet. Er lernte in dieser Zeit auch seine Freundin kennen. Während 2014 beruflich und privat viel in Bewegung war, ging sportlich überhaupt nichts mehr voran. „Ich war in einer Sackgasse, der Ausweg war dann der Olympia- Stützpunkt Stuttgart und die Trainingsgruppe von Peter Salzer“, erzählt Niko Kappel und davon, wie nervös er gewesen sei, als er zum ersten Mal mit Olympia-Teilnehmern wie Lena Urbaniak trainiert hat. Er stellte auf die technisch anspruchsvollere Drehstoßtechnik um, was mit zu einer Leistungsexplosion führte. Jetzt fehlen ihm nur noch wenige Zentimeter bis zum Weltrekord, der am besten bei der WM in diesem Jahr in London aufgestellt werden soll.

Nie gehänselt, immer gut integriert

Zurück zu den Tiefpunkten. Schwieriges Thema. Er sei ja auch nicht traurig gewesen, als er im Kindergarten merkte, dass irgendwann alle außer ihm auf dem Hocker sitzend mit den Füßen den Boden berühren konnten. Er war überrascht. „Die Hockerbeine wurde abgesägt, und gut war’s.“ Er sei nie gehänselt worden und immer voll integriert gewesen – lange Zeit auch als Stürmer beim FC Welzheim.

Marienplatz, Endstation. Schnell rüber ins Café Kaiserbau. „Für mich einen ganz normalen Kaffee, bitte,“, sagt Niko Kappel und erzählt noch ein bisschen von seinen Rio-Eindrücken. „Ich glaube, die Brasilianer haben die Paralympics als ihre Spiele angesehen, viel mehr als Olympia. Die Eintrittspreise waren niedriger, die Stadien ausverkauft und die Begeisterung extrem groß.“ Und anders als bei Olympia seien nicht mehr nur die Brasilianer angefeuert worden, sondern alle. „Ein unvergessliches Erlebnis“, sagt Niko Kappel, der in Rio Kontakte geknüpft hat und sich oft mit Behindertensportlern aus anderen Ländern unterhalten hat. Dabei musste er immer wieder feststellen, dass es im deutschen ­Behindertensport noch großen Verbesserungsbedarf gibt.

„Mein polnischer Konkurrent wundert sich sehr über die geringe finanzielle Unterstützung bei uns und sagt immer, ‚hey, ihr seid doch das reiche Deutschland‘, und ist froh, dass er sich als Vollprofi in Polen finanziell überhaupt keine Sorgen machen muss.“ Von den perfekten Bedingungen in Großbritannien will Niko Kappel gar nicht erst anfangen. Er muss auch langsam los. Erst Training und danach noch Gemeinderatssitzung. Aber vorher noch kurz auf die Toilette.