Baden-Württemberg hat viele Traditionsunternehmen. Der Optikhersteller Carl Zeiss ist eines davon. 175 Jahre alt wird das Unternehmen – es war nicht nur in technologischer Hinsicht ein Pionier.

Wirtschaft: Inge Nowak (ino)

Stuttgart - Was haben Christiane Nüsslein-Volhard, Harald zur Hausen und Robert Koch gemeinsam? Klar, sie waren Wissenschaftler, die mit Nobelpreisen ausgezeichnet wurden. Es gibt eine weitere Gemeinsamkeit: Sie alle haben für ihre Forschungen Mikroskope von Zeiss verwendet. Insgesamt 21 Nobelpreisträger, heißt es bei Zeiss, haben die Technik des Optikherstellers verwendet. In der Zeiss-Belegschaft selbst gibt es bisher keinen Nobelpreisträger.

Nicht nur auf der Erde ist die Technik gefragt, auch im Weltall. So war Zeiss bei der ersten Mondlandung 1969 mit von der Partie. Die Kameras, mit denen die Mond-Bilder, die die Welt fasziniert haben, aufgenommen wurden, verfügten über Zeiss-Objektive. 30 000 Bilder wurden damit geschossen.

Innovationskultur in der DNA verankert

Die Beispiele machen deutlich, welche Bedeutung technologische Spitzenleistung für das Traditionsunternehmen hat, das 175 Jahre alt wird. „Bei Zeiss ist Innovationskultur kein Trend, sondern von Beginn an in der DNA des Unternehmens verankert. Die Zeissianerinnen und Zeissianer haben eine enorme Leidenschaft, mit Pioniergeist und Bodenhaftung die Grenzen des technisch Machbaren herauszufordern und zu verschieben“, sagt Vorstandschef Karl Lamprecht. „Neben dem Mut zur kontinuierlichen Weiterentwicklung und Veränderung braucht es auch Freiraum, um Innovationen voranzutreiben, und die Bereitschaft, dass dabei auch Fehler gemacht werden dürfen.“

Am 16. November feiert Zeiss sein Jubiläum. Wegen Corona wurde der Festakt ins Netz verlegt. Zu den Festredner gehören Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow sowie die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer.

In der Neugasse in Jena fing es an

Am 17. November 1846 hat der damals 30-jährige Mechaniker Carl Zeiss in der Neugasse in Jena eine optische Werkstätte eröffnet. Zunächst hat er wissenschaftliche Geräte nach den Vorgaben seiner Kunden, die von der Uni Jena kamen, gefertigt und repariert. Ein Jahr später baute er erstmals Mikroskope. Zunehmend gefragt waren höhere Vergrößerungen, die aufwendige Probierverfahren voraussetzten. Berechnungen kannte man nicht.

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„Der ökologische Fußabdruck wird wichtiger“

Glück für den Jungunternehmer Zeiss: Er konnte Ernst Abbe für sich gewinnen. Der Privatdozent für Physik an der Jenaer Uni fand den wissenschaftlichen Weg, um leistungsfähige Mikroskope herzustellen; der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Bereits in den früheren 1880ern standen 360 Arbeiter und Betriebsbeamte auf der Gehaltsliste. Noch war die Technik nicht komplett. Es fehlte ein Verfahren zur Herstellung von optischem Glas. Die Lösung lieferte der Glaschemiker Otto Schott. In den folgenden Jahren wurde die Produktpalette ständig erweitert – etwa um fotografische Objektive und Feldstecher. In den 1890er Jahren wurde die Astro-Abteilung gegründet – das Spiegelteleskop für die Sternwarte Heidelberg war das erste Großgerät. Dann kamen Brillen und Messgeräte für die Augenheilkunde hinzu. Das erste Planetarium wurde für das Deutsche Museum gebaut – in den 1920er Jahren. Insgesamt wurden bis Ende der 1930er Jahre 21 Planetarien errichtet, darunter auch in Stuttgart, Chicago, Mailand, Philadelphia und Tokio.

Produktion für das Militär

Zunächst hat der Erste Weltkrieg den Erfolg jäh gestoppt. Gefertigt wurden fast ausschließlich fürs Militär. Die militärgerätetechnische Entwicklung behielt Zeiss auch in den 1920ern bei. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten rüsteten die Jenaer Flugzeuge, U-Boote, Panzer und Geschütze der Wehrmacht aus. Zeitweise waren 30 Prozent der Zeiss-Belegschaft Zwangsarbeiter.

Nach der Kapitulation beschlagnahmten die Amerikaner Patente und Konstruktionsunterlagen; die Sowjets demontierten Produktionsanlagen und deportierten Wissenschaftler und Facharbeiter in die UdSSR. Der Wiederaufbau fand an zwei Standorten statt: in Jena/Thüringen und in Heidenheim/Baden-Württemberg, wohin 77 ausgewählte Mitarbeiter von den US-Besatzern transportiert wurden. Da an beiden Standorten die gleiche Produktpalette wie vor dem Krieg gefertigt wurde, wurden beide Unternehmen auf den internationalen Märkten alsbald zu Konkurrenten. Erst 1971 wurde der Weltmarkt aufgeteilt.

Schwierige Vereinigung

Die Vereinigung von Deutschland führte zur nächsten Auseinandersetzung. Weil das Fertigungsprogramm ähnlich war, kam es nun zum internen Wettbewerb. Existenzangst machte sich breit. Vor der Vereinigung im Jahr 1987 beschäftigte das VEB Carl Zeiss Jena 32 378 Arbeitskräfte; vier Jahre später waren es noch 2800. In Oberkochen waren es 1987 exakt 8278 Beschäftigte. Die Emotionen gingen damals hoch. Verschärfend kam hinzu, dass Anfang der 1990er Jahre die Wirtschaft in eine Rezession schlitterte. Die Lösung sah letztlich vor, dass in Jena die Bereiche Mikroskopie und Medizintechnik angesiedelt wurden. Heidenheim bekam das Halbleitergeschäft, das zuletzt dank Innovationen einen ungeahnten Aufschwung genommen hat. Heute beschäftigt Zeiss weltweit gut 32 000 Mitarbeiter, 9700 davon sind in Oberkochen und 2300 in Jena.

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Streit um das Stiftungsstatut

Zeiss ging es nicht nur um Technik, sondern auch um die Mitarbeiter. Nach dem Tod von Carl Zeiss hat Abbe die Stiftung gegründet, die dessen Namen trägt. Alle Vermögenswerte der optischen Werkstätte und des Jenaer Glaswerks (heute Schott AG) wurden eingebracht. Mit den Mitteln wurden Uni-Institute errichtet, Lehrstühle unterstützt und Forschungsprojekte gefördert. Im Stiftungsstatut von 1896 bekamen die Mitarbeiter einklagbare soziale Rechte, einen fest vereinbarten Mindestlohn, eine Gewinnbeteiligung und 6 Tage bezahlten Urlaub. Anfang der 2000er Jahre wollte Zeiss das Stiftungsstatut reformieren, was neuen Streit brachte. Grund war, dass die Regelungen auf internationalen Märkten und bei ausländischen Banken unbekannt waren. So waren Zeiss und Schott zwar eigenständige Unternehmen, doch standen sie für Verluste gegenseitig ein. Die Beschäftigten befürchteten Sozialabbau. 2004 wurde die Reform beschlossen. Bei Zeiss ist wieder Ruhe eingekehrt.

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