„Zeit der Frauen“ beim Indischen Filmfestival Sehnsüchte und Verlangen

Von Bernd Haasis 

Die vielen Farben des Subkontinents zeigt das Indische Filmfestival, aber auch dessen Schattenseiten – viele Inder betrachten Frauen als Freiwild. Die Rebellion dagegen läuft, das hat am Mittwoch der Eröffnungsfilm „Zeit der Frauen“ gezeigt mit einer lebensfrohen Hauptdarstellerin Tannishta Chatterjee.

Träumen von der großen weiblichen Freiheit: Radhika Apte,  Sayani Gupta,  Tannishta Chatterjee und  Surveen Chawla (v. li. im Uhrzeigersinn)   in „Zeit der Frauen“ Foto: Festival
Träumen von der großen weiblichen Freiheit: Radhika Apte, Sayani Gupta, Tannishta Chatterjee und Surveen Chawla (v. li. im Uhrzeigersinn) in „Zeit der Frauen“ Foto: Festival

Stuttgart - Mit 15 verheiratet, mit 17 Wittwe, Anfang 30 überfordert mit einem Sohn, der widerwillig heiratet, aber weiter saufend und hurend das Geld durchbringt – das ist das Leben der braven Rani, die sich nach Liebe sehnt, sich aber stets den Regeln der patriarchalischen Dorfgemeinschaft fügt. Doch ihr Weltbild bröckelt und allmählich wird sie zur sanften Rebellin in Leena Yadavs Spielfilm „Zeit der Frauen“, mit dem am Mittwoch im Metropol-Kino das Indische Filmfestival Stuttgart eröffnet worden ist.

Hauptdarstellerin Tannishtha Chatterjee (35), eigens angereist, verkörpert bravourös eine zerrissene Frau, die Traditionen befolgt erleidet, während das Leben an ihr vorbeizieht. nach außen wirkt Rani sehr bestimmt, sie führt die Schwiegertochter mit harter Hand – doch es ist zu spüren, dass sie gegen ihr Herz handelt.

„Solche komplexen Rollen reizen mich“, sagt Chatterjee beim Interview an einem ­Cafétisch auf der Bolzstraße, „zu Beginn kann Rani ihre Bedürfnisse ja kaum ausdrücken.“ Die zierliche Schauspielerin trägt an diesem Stuttgarter Sommerabend einen blauen Sari, aus ihren hellwachen Augen blitzt gesundes Selbstbewusstsein. Bei der Recherche hat sie mit vielen Frauen in der indischen Provinz gesprochen und dabei eine reale Rani entdeckt, die zur Blaupause wurde – und tatsächlich einen mysteriösen Verehrer hatte, der sie am Handy umgarnte und den sie Shah Rukh Khan nannte nach ­Indiens großem Filmstar.

Ein Film wie eine Achterbahnfahrt

Entscheidenden Anteil an Ranis Entwicklung im Film haben zwei Freundinnen. Die offenherzige Lajjo wird geschlagen von ihrem Mann, weil sie kinderlos geblieben sind. Und Bijli, tänzerische Attraktion in einem Sex-Wanderzirkus, lebt eine Freiheit, die für Frauen nur im Schatten gesellschaftlicher Ächtung existiert. Die drei brechen zunehmend aus, reden freizügig über Sex. „Ursprünglich wollten wir den Film ,Sex and the Village’ nennen“, sagt Chatterjee. „drei Frauen reden über ihre Sehnsüchte und ihr Verlangen reden – aber dann wurde der Stoff immer tiefer und komplexer.“

Den Patriarchen in Ranis Dorf war das Filmprojekt suspekt – sie verweigerten die Drehgenehmigung. „Die lokalen Akteure hatten nicht das ganze Script, nur ihre Parts“, sagt Chatterjee. „Trotzdem fürchteten sie, wir könnten ihre Frauen verderben. Also suchten wir uns ein anderes Dorf.“

Das lebenslustige Lachen kommt der Schauspielerin auch dann nicht abhanden, wenn sie über schwierige Themen spricht wie Gewalt gegen Frauen – die der Film den Zuschauern nicht erspart in vielen Facetten. „,Zeit der Frauen’ ist wie eine Achterbahn, das ist das Besondere daran“, sagt Chatterjee. „Permanent wechseln sich schöne und schlimme Momente ab.“ Tatsächlich ist es Filmemacherin Yadav gelungen, eine gute Balance zu finden, in der am Ende die Hoffnung siegt.

Tannishta Chatterjee geht Risiken ein

Bei einer Sexszene in einer Höhle erfährt die geschlagene Lajjo erstmals männliche Zärtlichkeit und wird überwältigt von Glücksgefühlen, die bis in den Zuschauerraum zu spüren sind. Immerhin sind dabei nackte Brüste zu sehen, was im prüden Indien zum Problem werden kann, denn Filme unterliegen dort einer Zensur. „Man kann nie vorhersagen, wie das ausgeht“, sagt Chatterjee, „aber für uns ist klar, dass wir keine einzige Szene herausschneiden werden, auch keine Nacktheit, denn das alles gehört ja dazu, wenn es um weibliche Sexualität, Körperlichkeit, Berührungen geht.“

Rani ist für Chatterjee mehr als eine Filmrolle, sie ist Teil einer Mission, Frauen weltweit zu ermutigen. Die Schauspielerin ist beim Stuttgarter Festival auch in „7 Göttinnen“ zu sehen, einem Film über einen Junggesellinnen-Abschied, dem brutale Kerle ein böses Ende bereiten. Darin spielt Chatterjee eine beinharte Arbeiterführerin, die zugleich der männliche Part in der zu schließenden Ehe ist – ein Tabubruch im latent homophoben Indien. „Andere Schauspielerinnen würden solche Rollen ablehnen, sie wollen nur Sexiness und Jugendlichkeit verkörpern, weil sie fürchten, abgeschrieben zu werden“, sagt Chatterjee. „Ich bewege mich jenseits solcher Überlegungen, habe immer riskante und andersartige Rollen angenommen – deshalb bin ich außen vor.“

Der Film verbindet die Kulturen

Mittendrin war sie am Nachmittag im Neuen Schloss, als Ministerpräsident Winfried Kretschmann die guten Verbindungen Baden-Württembergs zur indischen Partnerregion Maharashtra lobte, in der auch Stuttgarts Partnerstadt Mumbai liegt. „In diesen Tagen ist es der indische Film, der die Kulturen verbindet“, sagte er, und der Stuttgarter Unternehmer Andreas Lapp, indischer Honorarkonsul und Initiator wie Hauptsponsor des Festivals, sprach von einem „wichtigen Baustein“, um den „Beziehungen mehr Substanz zu verleihen“. Fast „wie eine Reise nach Indien“ sei der Besuch des Festivals.

Dieses hat mit Tannishta Chatterjee gleich zu Beginn eine beeindruckende Botschafterin eines aufgeklärten Indiens aufgeboten. Und sie legt Wert darauf, dass ihr ­Anliegen nicht auf ihr Land beschränkt ist: „Wir haben den Film schon in Toronto, Palm Springs und London gezeigt, und überall kamen hinterher Frauen zu uns, die sich selbst oder andere wiedererkannt hatten. Es ist ein weltweites Phänomen.“ Die Herzen des Stuttgarter Eröffnungspublikums hat sie auf jeden Fall ­gewonnen – und nicht nur die der Frauen.




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