Zentralafrika am Rande des Bürgerkriegs Das Tor der Hölle steht weit offen

Von Johannes Dieterich, Bangui 

Die EU will im Herzen Afrikas einen Völkermord verhindern. Hass regiert das Land. Für die Schwachen gibt es keine Hilfe. Wer kann, der flieht.

Eine Mutter wartet auf die Behandlung ihrer kranken Kinder. Foto: MSF/HANDOUT
Eine Mutter wartet auf die Behandlung ihrer kranken Kinder. Foto: MSF/HANDOUT

Bangui - Sein Mitarbeiter lässt ihn im Stich. Das ist, sagt Volker Rath, auch eine gute Nachricht. Morgens um sieben wartet er in der Hauptstadt Bangui auf den Wagen, der ihn in den Nordwesten des Landes bringen soll: Dort will der Projektmanager der Kölner Hilfsorganisation Cap Anamur einen geeigneten Standort für eine Krankenstation ausfindig machen. Doch der am Vortag angeheuerte Fahrer bleibt zu Hause: Zu gefährlich, lässt er ausrichten. Rath sieht sich in seiner Wahl der Region bestätigt: Schließlich soll das Projekt dort angesiedelt sein, wo die Hilfe am nötigsten ist. „Doch wenn man da nicht hinkommt“, sagt der ergraute 51-Jährige, der früher für satten Ton auf Rockkonzerten sorgte, „dann macht das natürlich keinen Sinn.“

Die Lage in der zentralafrikanischen Republik spitzt sich immer weiter zu: Die Vereinten Nationen warnen vor einer Katastrophe. Weil auch deren Fahrern die Fahrt zu heiß ist, stecken Dutzende von Lastwagen des UN-Welternährungsprogramms seit Wochen im Nachbarland Kamerun fest: Mehr als eine Million Vertriebene drohen Krankheiten, Hunger oder dem Hass zwischen den Bevölkerungsgruppen zum Opfer zu fallen. Gestern haben die UN eine Militärmission der EU mandatiert. Bis zu 600 Soldaten sollen in Zentralafrika eingreifen. Auch die Bundeswehr will helfen.

Täglich kommt es zu Mord und Totschlag in Bangui. Foto: AP
Zwei Stunden später ist ein neuer Fahrer gefunden.   Um dem Chaos zu begegnen, müsste der Cap-Anamur-Mann eigentlich gar nicht weit fahren: Das ist längst in der Hauptstadt angelangt. Dort haben sich rund 100 000 Christen auf einem offenen Gelände neben dem von französischen Soldaten kontrollierten Flughafen in Sicherheit gebracht, während sich Tausende von Muslimen in ihren Vierteln verschanzen. Zwischen diesen Lagern kommt es täglich zu Gewalt und Gräueltaten.

„Hier ist immer was los“, sagt ein Leutnant aus Paris, der am Stadtrand eine Straßensperre befehligt. Zwölf Kilometer vom Zentrum entfernt stoßen hier ein christlicher und ein muslimischer Stadtteil aufeinander: Gestern sollen Muslime vier Christen die Kehle durchgeschnitten, vor zwei Tagen ein christlicher Mob zwei Muslime angezündet haben, im Verlauf des heutigen Tages werden hier weitere sieben Muslime ihr Leben verlieren. Die Meuchelmorde in der Hauptstadt seien ein Fall fürs Militär, meint Volker Rath: Die vielen Hilfsorganisationen stünden sich hier nur auf den Füßen herum.   Also raus in die Provinz.

Die Hauptverkehrsader zwischen Bangui und dem Nachbarland Kamerun ist fast ausgestorben. Bald sind auch die ersten verbrannten Hütten zu sehen, später folgt ein Dorf, dessen entlang der Straße aufgereihten Geschäfte alle ausgeplündert und angezündet wurden. So drastisch habe er sich das nicht vorgestellt, sagt Rath, der schon in Somalia und dem Kongo gearbeitet hat.   Zweifellos zählt auch die Zentralafrikanische Republik zu den Härtefällen. Die ehemalige französische Kolonie kam in ihrer 53-jährigen Geschichte nie zur Ruhe: Das Land erlebte zehn Umstürze und wurde von Psychopathen wie dem Menschen fressenden Kaiser Bokassa regiert. Von anderen Unruhestaaten wie dem Kongo, dem Tschad und Sudan umgeben, wird die Republik von ausländischen Rebellen destabilisiert: Der muslimischen Rebellentruppe Séléka, die im März 2013 den christlichen Präsidenten François Bozizé außer Landes jagte, hatten sich zahlreiche tschadische und sudanesische Haudegen angeschlossen. Die sind selbst nach den Worten des Séléka-Generalsekretärs Moustapha Saboun nur schwer zu kontrollieren.

Die Flüchtlingslager werden größer. Foto: AP
Ihrer ruchlosen Herrschaft ist es zu verdanken, dass sich Mitte des vergangenen Jahres als Reaktion christliche Milizen – die sogenannten Anti-Balaka – formierten: Die verbreiten nun ihrerseits Terror.   Die erste Straßensperre von Anti-Balaka-Milizionären erreicht Volker Rath nach knapp zwei Fahrstunden. Um die schmächtigen Körper der meist minderjährigen Jungs hängen Amulette, in die Pülverchen eingenäht sind, andere haben sich Behälter von Nasenspray an die Brust geheftet oder Frauenperücken übergestülpt. Ein 16-jähriger „Kommandant“ trägt auf seinen Ohren eine kaputte Freisprechanlage fürs Telefon zur Schau, sein Adjutant hat sich ein hölzernes Antilopengeweih auf die Stirn gebunden. Die Accessoires verliehen seinen Kämpfern „magische Kräfte“, wird uns der Vizechef der Truppe, der 26-jährige „Generalmajor“ Hyppolite Azounou, später verraten: Wie das genau funktioniert, sei ein „militärisches Geheimnis“.




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