Zirben aus dem Salzburger Land Medizin im Holz

Günter Lüftenegger zeigt seinen Gästen die jungen Zirben, die an der Baumgrenze zu finden sind. Foto: Stadtmüller
Günter Lüftenegger zeigt seinen Gästen die jungen Zirben, die an der Baumgrenze zu finden sind. Foto: Stadtmüller

Die alten Bergbauern wussten um die Qualität der Zirbe. Nicht nur Schlafräume waren mit dem gelblichen, weichen Holz verkleidet, auch Ratsstuben waren aus Zirbenholz. Das hat gute Gründe: Die Zirbe kann heilen.

Böblingen: Carola Stadtmüller (cas)
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Lungau - Sie wächst in der Natur erst ab 1500 Meter Höhe und kann bis zu 1200 Jahre alt werden. Knorrig, krumm, wie von langjähriger Gicht gebogen, ragen diese ur­alten Zirben in die Höhe, die sich auf kargen Flächen an der Baumgrenze festkrallen. Wer nicht weiß, was er für einen Zauberbaum vor sich hat, geht ohne Bedacht daran vorbei. Eine besondere Schönheit ist sie vielleicht nicht, aber die Zirbe hat Persönlichkeit.

Die Zirbe will entdeckt werden. Im Lungau zum Beispiel. Der will auch entdeckt werden, oder besser nicht. Wenn man dieses wunderbare Fleckchen Erde rund 120 Kilometer südöstlich von Salzburg gefunden hat, sollte man das vielleicht nicht verraten. Natürlich gibt es Tourismus, schicke Hotels und gemütliche Pensionen oder Urlaub auf dem Bauernhof in den 15 Orten und Örtchen (seit 2012 Biosphärenreservat), aber dieser wächst geruhsam. Wie die Zirbe, die zum Land und zu den Menschen im Lungau passt wie kein anderer Baum.

Zapfen für den Schnaps

Einer, Peter Pichler, stellt auf seinem Franzlahof in Tamsweg sagenhafte Brände her; er beliefert unter anderem das Erste-Klasse-Haus Steirereck in Wien. Im Keller des großen Bauernhauses entstehen neben Geistern aus Vogelbeere, Himbeere, Tauernroggen (eine alte, bis zu zwei Meter hohe Sorte) oder Almkräutern natürlich auch ein Zirbenschnaps und ein Zirbenlikör. Beides schmeckt hervorragend. Womöglich könnte man den Brand auch vom Doktor auf Rezept bekommen, so gesund ist er – in Maßen, versteht sich.

Für seinen Zirbenschnaps muss Pichler im Herbst die innen noch roten Zapfen ernten. In Apfelbrand setzt er die zerschnittenen Früchte an. Insgesamt brennt er pro Jahr 4000 Liter Alkohol. Er könnte noch viel mehr produzieren, so gefragt sind seine Produkte. Wolle er aber nicht, sagt er und meint: „Ich kann ja eh nur ein Auto zur selben Zeit fahren.“

Unfassbare Stille

Ein anderer, Günter Lüftenegger, hat sich ganz der Zirbe verschrieben. Sein Gästehaus hat er vor drei Jahren zur ersten Zirbenpension im Lungau gemacht. Außer den Dielen ist in den Gästezimmern alles aus Zirbe. Beim Frühstück, bei dem es nur zu essen gibt, was aus dem Biosphärengebiet kommt, guckt man auf einen Zirbenschnaps. Man würde sich nicht wundern, wenn der auch ein bisschen knorrig wirkende, aber sehr herzliche Gastwirt den Gästen gleich nach der Bioheumilch einen ausschenkt.

Die Frühaufsteher führt der 54-Jährige in den entlegensten Zipfel „seines Lungaus“, wo die Zirben wachsen, sonst aber nicht mehr viel. Zum Wirpitschsee zum Beispiel. Vom Örtchen Weißpriach aus geht man drei Stunden stramm bergauf. „Ein Mann aus Singapur war mal hier dabei. Der konnte die Stille nicht fassen“, sagt Lüftenegger und lädt früh um sieben zur Atemübung ein. Dann heißt es: Goschn halten. Wer auf seine Füße schaut, die schmale Pfade erkunden, muss nicht noch quasseln. Der soll bewusst nichts denken, nichts reden und nichts von sich und anderen wollen.

Die Zirbe ist zugezogen

Belohnt wird man nicht nur mit Almrauschfarben und einem blaugrünen Bergsee, der im Hochsommer frische 15 Grad hat, sondern auch mit einem Schmaus in der Tonimörtlhütte. ­­Die Schwestern Macheiner bewirten sie. Die zwei Lungauerinnen haben ihrer Oma auf dem Sterbebett versprochen, die Hütte nicht aufzugeben. „Wir haben dann zu ihr gesagt: ,Oma, dann müss’mer jetzt kochen und die Rezepte endlich auch mal aufschreiben‘“, erzählt Kathrin, die für den letzten Wunsch der Oma ihre Festanstellung schmiss. Im Sommer bewirtet sie nun die Gäste, im Winter arbeitet sie in einem Skigeschäft. Man müsse das wollen, meint die bildhübsche 25-Jährige. Sie kann sich nichts Schöneres vorstellen. Und die Gäste auch nicht, wenn sie nach Kaspressknödelsuppe und Kaiserschmarrn à la Macheiner durch den menschenleeren Wald ins Tal gehen.

Die Zirbe gehört in diese Region, obwohl auch sie eine „Zuagreiste“ ist. Mit der letzten Eiszeit kam sie von Sibirien herüber. Das Wissen um die Kraft des Nadelgehölzes war Jahrhunderte verbreitet, ging aber dann beinahe verloren. Zirbenstuben, die es bis vor 70, 80 Jahren in jedem Haus gab, wurden als altbacken angesehen und aus den Bauernhäusern gerissen. Das Alte sollte weichen, gut schien nur zu sein, was modern und neu war. Dazu zählte die Zirbe eben nicht.

Mit Zirbenholz schläft es sich besser

Alles änderte sich mit einer Studie Anfang der 2000er Jahre. Das Joanneum, eine der größten außeruniversitären Forschungseinrichtungen Österreichs, untersuchte die Belastungs- und Erholungsfähigkeit von 30 gesunden Erwachsenen, die in Zirbenbetten schliefen. Die Ergebnisse waren eindeutig: Die Schlafqualität im Zirbenholzbett war im Vergleich zu einem Holzdekorbett deutlich tiefer und besser.

Die bessere Erholung ging einher mit einer reduzierten Herzfrequenz: Das Herz „spart“ bis zu 3500 Schläge pro Nacht, was etwa einer Stunde Herzarbeit entspricht. Zugleich berichteten die Probanden über eine höhere „soziale Extrovertiertheit“. Vielleicht war das ein Grund, warum Gaststuben früher mit Zirbenholz verkleidet waren. Man kann die Kraft der Alpenkönigin spüren und riechen. Der Duft der Zirbe wirkt wie ein natürlicher Tranquilizer. Warm, weich, rund, aber gänzlich unaufdringlich riecht es. Franz Aigner, Drechsler und Wagner bei der (ältesten und heute einzigen) Wagnerei Lassacher im Lungau, arbeitet auch deshalb gern mit dem weichen Holz. „Die Späne sind ja g’sund“, sagt er. Er drechselt Kunstgegenstände oder Brotkörbe. Denn auch dafür ist die Zirbe geeignet: Sie wirkt antibakteriell, ist ein natürlicher Mückenschutz, und Brot hält sich darin länger.

Begehrte Ware

In den Schränken im Flur des alten Hauses in Tamsweg stapeln sich schon die Zirbenholzwindlichter für die Bergweihnacht in Salzburg. Das Geschäft läuft. Aber man merkt auch diesem Lungauer an: Für seinen Geschmack ist’s schon viel Getöse um die Zirbe. Vor 15 Jahren kostete der Kubikmeter Zirbenholz noch 400, heute sind es 1600 Euro. „Früher ham mir damit g’heizt. Heute verkaufen wir die“, sagt Franz Aigner. Und zwar säckeweise. So ein Sack voller Zirben­locken ist ganz leicht, man sollte eine Wagenladung mit nach Hause nehmen.

Infos zum Salzburger Land

Anreise
Am besten mit dem Auto über die A 8 über München auf die A 1, 1,5 Stunden ab Salzburg bis St. Michael.

Unterkunft
Die erste Zirbenpension im Lungau hat Günter Lüftenegger eröffnet. Zirbenpension Lüftenegger, Mauterndorf, Übernachtung im DZ mit Frühstück ab 41 Euro,

Für Wellnessurlauber liegt mitten in St. Michael der Eggerwirt mit 12 500 Quadratmeter Spa-Bereich und sogar 40 Zirbenzimmern. Übernachtung im DZ mit Verwöhnpension ab 158 Euro.

Daneben liegt das Romantikhotel Wastl­wirt – mit rustikaler Rauchkuchl für frisch zubereitete Speisen, Übernachtung im DZ mit Frühstück ab 59 Euro. Urlaub auf dem Bauernhof ist im Bramlhof in Göriach möglich. Ferienwohnung ab 70 Euro pro Nacht.

Aktivitäten
Der Lungau hat 60 Bergseen, die erwandert werden können – in familientauglichen, aber auch anspruchsvollen Touren. Viele Betriebe machen mit bei der Lungau-Card, die für Bahnen, Bäder oder Sehenswürdigkeiten Ermäßigung bietet.

Feste
In den Orten Zederhaus und Muhr gibt es den Brauch des Prangstangentragens, immer im Juni. Bis zu acht Meter hohe und 80 Kilo schwere Stangen werden in mühevoller Kleinarbeit mit Blumen, darunter viele Margeriten, geschmückt und von den Junggesellen in einer Prozession durchs Dorf getragen. Der 300 Jahre alte Brauch geht zurück auf eine Heuschreckenplage, bei der nur die Margeriten übrig blieben.




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