Zivilcourage im Rems-Murr-Kreis Ein Busfahrer als Retter in Not

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Ein Betrunkener belästigt drei junge Frauen – als Bahman Farhadi einschreitet, greift der Mann ihn an. Doch Farhadi ist in seinem Leben schon mit ganz anderem fertig geworden. Jetzt wurde er für seine Courage ausgezeichnet.

Bahman Farhadi hat für sein Einschreiten einen Preis bekommen Foto: Gottfried Stoppel
Bahman Farhadi hat für sein Einschreiten einen Preis bekommen Foto: Gottfried Stoppel

Rems-Murr-Kreis - Backnang, Mai 2019. Es ist kurz vor 22 Uhr, der Busfahrer Bahman Farhadi macht sich gerade zu Fuß auf den Weg in den Feierabend. Als er den Rotgerberweg an der Murr entlangschlendert, bemerkt er drei junge Frauen in misslicher Lage: „Ein Betrunkener hat sie massiv sexuell belästigt“, erzählt der 56-Jährige. Die 17- und 18-Jährigen erkennen Farhadi, sie sind schon viele Male bei ihm mitgefahren. „Sie haben Busfahrer, Busfahrer gerufen“, erinnert sich Farhadi. Er fackelt nicht lange und versucht, die jungen Frauen von dem Mann wegzubringen. Doch dieser lässt nicht locker, sondern wird immer aggressiver – und greift den Helfer schließlich an.

Der Helfer hat eine bewegte Vergangenheit

Doch es braucht schon mehr als einen Trunkenbold, um Bahman Farhadi kleinzukriegen. Der 56-Jährige erzählt, er habe schon ganz andere Kämpfe ausgefochten. In den 80er-Jahren habe er erst für die iranische Armee, dann für die Gegenseite, die Partisanen von der Kurdischen Demokratischen Partei, gekämpft. „In den Bergen, mit dem Maschinengewehr“, ergänzt er. Doch das war nicht alles: Als es ihn in den Irak verschlug, sei er dort in ein Gefängnis gekommen. Die beiden Länder lagen damals schon seit Jahren im Krieg – und jede Seite versuchte, die Kurden aus den jeweils gegnerischen Gebieten für ihre Zwecke einzuspannen.

Die Erinnerungen aus der Haft im Irak begleiten Farhadi noch heute. Besonders eine Begegnung: „Da war ein iranischer Pilot, der abgeschossen worden war, als er Bagdad bombardierte. Er konnte sich mit dem Fallschirm retten, aber er sagte, er sei schon ein paar Jahre dort im Gefängnis. Er war inzwischen knochendürr und wusste nicht, ob seine Frau noch lebt oder inzwischen einen anderen Mann hat.“ Kurze Zeit später kam Farhadi frei. Von seiner Begegnung mit dem Piloten schrieb er den Vereinten Nationen – doch was aus dem Mann wurde, weiß er bis heute nicht.

Der 56-Jährige hilft, obwohl er verletzt wird

Saddam Husseins Geheimdienst, sagt Farhadi, hätte ihn zunächst überprüft und dann versucht, ihn zu rekrutieren, um im Iran Sabotageakte auszuführen. Doch bevor es so weit kam, konnte er fliehen – „ein türkischer Lkw-Fahrer hat mir geholfen.“ Über die Türkei sei er schließlich in die DDR gelangt, und deren Behörden überstellten ihn an die Bundesrepublik. Bald darauf landete er in Murrhardt, wo er seit dem Jahr 1986 lebt.

An jenem Abend im vergangenen Jahr sieht sich Farhadi dann in Backnang diesem Betrunkenen gegenüber. Obwohl der 32-Jährige um sich schlägt, kann der kräftige Farhadi ihn in den Schwitzkasten nehmen. „Er hat immer gerufen: Ich ficke Deutsche, ich töte Deutsche“, sagt er. „Letztlich gelang es ihm, den jungen Mann zu überwältigen und bis zum Eintreffen der Polizei festzuhalten“, heißt es später im Bericht der Polizei. Dass der 32-Jährige ihm blutige Bisswunden am Arm zufügte, schreckte ihn nicht. Eine der jungen Frauen fragte Farhadi später, warum er den Mann nicht einfach verprügelt habe – „so was mache ich nicht“, sagt er.

Initiative Sicherer Landkreis zeichnet couragierte Bürger aus

Was aus dem Angreifer wurde, weiß er nicht. Wohl aber, dass er wegen der Verletzungen, die der Mann ihm zugefügt hatte, in ein Krankenhaus kam und er eine ganze Weile krank geschrieben wurde. Trotzdem sagt er, er würde jederzeit wieder einschreiten. „Bei so etwas kann man doch nicht die Augen zumachen. Man muss doch helfen, ganz automatisch“, sagt er. Dass die Initiative Sicherer Landkreis ihn und andere Alltagshelden jetzt für ihre Zivilcourage ausgezeichnet habe, sei eine gute Sache – sie gebe auch anderen Menschen Mut, im Notfall ebenfalls zu helfen.

Denn er ist überzeugt, dass solche Situationen noch öfter vorkommen werden. „Leider sehe ich so etwas als Busfahrer sehr oft“, sagt er. Wann immer er im Rückspiegel seines Fahrzeugs sehe, dass sich etwas zusammenbraue, greife er ein. Es könnte also nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Bahman Farhadi jemanden in den Schwitzkasten nehmen muss.




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