Zoff in Stuttgarter Wäldern Wenn Wanderer und Radler sich nicht grün sind

Sportliche Radfahrer und  gemütliche Spaziergänger treffen im Wald rund um das Bärenschlössle in großer Zahl aufeinander. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Sportliche Radfahrer und gemütliche Spaziergänger treffen im Wald rund um das Bärenschlössle in großer Zahl aufeinander. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Das Coronavirus treibt die Menschen hinaus in die Natur. Im Grunde eine gute Sache, auch da die Ansteckungsgefahr dort gering erscheint. Nur treffen in den Wäldern Freiluftfreunde zusammen, die nicht gut miteinander können.

Stuttgart - Wie man in den Wald hinein ruft, behauptet eine Redensart, so schallt es heraus. Nimmt man den Inhalt einer Pressemitteilung der Stadt zum Maßstab, dann scheint der Lärmpegel in Stuttgarts Wäldern in jüngster Zeit ziemlich angestiegen zu sein, wobei tierische Laute dabei keine Rolle spielen. Was von dem Lärm nach außen dringt, ist dies: Täglich trudeln drei bis fünf Beschwerdebriefe bei der Stadt ein, mit ähnlicher Tonart. Meist sind es Wanderer und Spaziergänger, die sich von querfeldeinfahrenden Mountainbikern bedrängt fühlen und von unfreundlichen Begegnungen berichten.

Die Leute fürchten um das Wohl ihrer Kinder, ihrer Hunde, aber auch um ihr eigenes. Oder sie sorgen sich ganz allgemein um die Idylle oder um die Wildtiere. Entsprechend hat die Stadt auf die Beschwerden des gemeinen Fußvolks mit einem Appell reagiert. In besagter Pressemitteilung gibt der Technische Bürgermeister Dirk Thürnau zu bedenken: „Der Wald ist für alle da – das funktioniert nur mit gegenseitiger Rücksichtnahme.“ Die Stadt, so Thürnau weiter, habe nichts gegen Mountainbiker: „Wir arbeiten gemeinsam mit den Beteiligten an einer langfristigen und legalen Lösung, um diesen Sport in unseren Wäldern zu ermöglichen.“

Corona verstärkt alles, sagt der Waldpädagoge

Ein ähnliches Echo wie die Stadt erhielten auch wir, als wir jüngst ein Interview mit zwei Mitgliedern von Stuttgarts erstem Mountainbike-Verein veröffentlichten. Der Tenor der meisten Leserbriefe: Spaziergänger könnten sich im Wald nicht mehr entspannt bewegen, man sei im „Alarm-Modus“ unterwegs, werde vor allem auf schmalen Pfaden von Bikern bedrängt.

Wie es genau um dem Auftrieb in Stuttgarts Wäldern bestellt ist, weiß der Förster und Waldpädagoge Benjamin Schuldt ziemlich genau. Corona, sagt er, verstärke aktuell alles, auch den Andrang im Wald. An sonnigen Wochenende kann einem am Ausflugsziel Bärensee schon mal der Gedanken kommen, das man man in absehbarer Zeit den Wald vor lauter Leuten nicht mehr sieht.

Entschleunigung durch Beschleunigung

Neu, so Schuldt, seien solche Menschaufläufe nicht, die hätte es vor Jahrzehnten schon gegeben, hätten ihm ältere Kollegen erzählt. Schuldt sagt: „Grundsätzlich gibt es schon immer in vielen Menschen das Bedürfnis nach Entschleunigung und Ruhe – und das gibt es eben im Wald direkt vor der Haustür.“ Was in den vergangenen Jahren jedoch zugenommen habe, sei „die vielfältige Nutzung des Waldes auf zwei Rädern“. Offenbar besteht ein Problem darin, dass sich einige Pedaleure Entschleunigung durch die Beschleunigung auf zwei Rädern erhoffen – ­ohne Rücksicht auf Verluste. Zudem ermöglicht moderne E-Bike-Technik nun auch solchen Zeitgenossen den Forst auf zwei Rädern zu durchpflügen, denen das bisher zu kräftezehrend erschien.

Corona hin, Corona her – auch nach der Pandemie ist kaum mit einer wesentlichen Entspannung der Lage zwischen Zweiradfahrern und Zweibeingehern zu rechnen. „Langfristig“, heißt es deshalb in dem Schreiben der Stadt, „soll der Konflikt zwischen Mountainbikern und Fußgängern durch ein Freizeitkonzept für den Stuttgarter Stadtwald gelöst werden.“ Der Gemeinderat habe dafür im aktuellen Doppelhaushalt 160 000 Euro bereitgestellt. Dabei soll auch geprüft werden, ob und wie legale Mountainbike-Strecken entstehen und wie die verschiedenen Nutzungen aufeinander abgestimmt werden können.

Wann kommt in Stuttgart das Waldkonzept?

Doch bis dieses Konzept steht, so ist zu fürchten, wird in Stuttgarter Wäldern noch so mancher Strauß ausgefochten. Noch immer befindet man sich in der Suchphase, in der die Mitglieder des Stuttgarter Waldbeirats Ausschau nach einem Planungsbüro halten, das ein solches Konzept auf die Beine stellen könnten. „Die vorgeschlagenen Büros sollen dann ihre Ideen zur Umsetzung im Waldbeirat vorstellen“, erklärt Benjamin Schuldt. „Danach berät der Beirat, welches Büro beauftragt werden soll. Entscheiden wird letztendlich das technische Referat im Rathaus.“

Aber wie soll es bis dahin weitergehen? „Kommunikation ist alles“, rät der Waldpädagoge. Soll heißen: Die Leute sollen miteinander schwätzen – und aufeinander achten. „Die Menschen sollen ja raus – das tut allen gut“, sagt Benjamin Schuldt. „Gleichzeitig denken viele, dass es im Wald keine Regeln gibt – die gibt es aber. Wichtig ist die gegenseitige Rücksichtnahme: Wenn alle Rücksicht nehmen, kommt jeder auf seine Kosten.“ Gerade in der aktuellen Ausnahmesituation, bekräftig Bürgermeister Thürnau, müsse sich jeder an die Regeln halten.

Streit um die Zwei-Meter-Regel

Eine dieser Regeln ist die so genannte Zwei-Meter-Regel, eine Baden-Württemberger Spezialität, die verhindern soll, dass Radler sich auch auf schmalen Pfaden breitmachen. Eingefleischten Radsportlern ist sie seit langem ein Dorn im Auge, weil radeln auf Forstautobahnen nicht das reine Vergnügen ist. Fußgänger beharren auf schmale Pfade in der Hoffnung, wenigstens dort von Radlern verschont zu bleiben. Schuldt, der die Gründung von Mountainbike Stuttgart grundsätzlich begrüßt, sagt: „Die Zwei-Meter-Regel ist ein Gesetz, und daran müssen wir uns auch in Stuttgart halten.“

So versöhnlich das Schreiben der Stadt auch für Mountainbiker klingen mag, in einem Punkt wird es sie kaum beruhigen: „Polizei und Ordnungsamt werden die Einhaltung der Regeln im Wald verstärkt kontrollieren.“ Kurzum, es ist am Ausgang so mancher Trails, wie in den vergangenen Wochen schon, mit Kontrollen zu rechnen. Im Ernstfall droht ein Bußgeld.

Und wie steht es bei all dem Zoff um die Tiere im Wald? Benjamin Schuldt: „Solange die Menschen aus den dichten Waldbereichen draußen bleiben, und Höhlen sowie Ameisenhaufen nicht zerstören, geht es den Tieren gut. In Stuttgart ist sehr gut zu beobachten, dass zum Beispiel Rehe sehr anpassungsfähig an uns Menschen sind.“




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