Zum Abschied von Claudio Pizarro Adios, Schlawiner!

Und dann ist Schluss: Im Juli 2020 lassen die Werder-Profis Pizarro hochleben – nach dem Relegations-Rückspiel beim 1. FC Heidenheim, dem letzten Spiel des großen Claudio Pizarro. Foto: Imago 12 Bilder
Und dann ist Schluss: Im Juli 2020 lassen die Werder-Profis Pizarro hochleben – nach dem Relegations-Rückspiel beim 1. FC Heidenheim, dem letzten Spiel des großen Claudio Pizarro. Foto: Imago

Ein Großer geht: Claudio Pizarro hat seine Karriere mit 41 Jahren beendet. Der Stürmer eroberte mit seinen Toren für Werder Bremen und den FC Bayern von 1999 bis 2020 die Bundesliga – und mit seinem Charme und seiner Lebensfreude die Herzen der Fans. Eine Hommage.

Sport: Marco Seliger (sem)

Stuttgart - Sie hatten ja lange Zeit andere Sorgen bei Werder Bremen. Sie hatten Angst vor dem Abstieg, weshalb der große Abschied zuletzt eher in den Hintergrund rückte. Als dann vor ein paar Tagen im Relegationsrückspiel beim 1. FC Heidenheim der Klassenverbleib gesichert war, da wurde hoch droben über der Stadt in der kleinen Arena nahe des Heidenheimer Schlosses aber schnell klar, wer der König des Abends ist.

Claudio Pizarro (41) hatte in seinem letzten Spiel als Profi gar nicht gespielt, das war aber allen Beteiligten wurscht. Denn seine Teamkollegen wussten, wem sie da eine Huldigung schuldig waren – sie machten aus der Nichtabstiegsfeier auf dem Platz eine Pizarro-Party. Sie warfen die Bremer Legende in die Luft, und als sie ihn wieder stehen ließen auf dem Rasen, da riefen alle Bremer im Takt Pizarros Namen.

Es ist also Ende bei der Legende, der Stürmer macht mit seinen 41 Jahren wirklich Schluss.

Was für eine Karriere! Und was für ein Typ!

Werder-Coach Florian Kohfeldt, der vier Jahre jünger ist als Pizarro, entschuldigte sich beim Peruaner, dass er ihn in Heidenheim nicht einwechselte – und holte dann noch auf der Ostalb zur Lobhudelei aus: „Ich kann meinen Hut nicht mehr ziehen und mich nicht tiefer verbeugen als vor Claudio Pizarro.“

Wechsel nach Bremen im Sommer 1999

Es ist noch nicht lange her, als Kohfeldt und sein Trainerteam in dem ganzen Stress zum Saisonende doch mal kurz Zeit fanden für ein paar persönliche Abschiedsmomente mit Pizarro – zumindest auf Youtube. „Wir haben ein Video von ihm geschaut, Szenen aus den 1990er Jahren, den 2000er und 2010er Jahren“, sagte Kohfeldt, der feststellte: „Es ist immer dieselbe Fresse, die da lacht.“

Tja, diesen Pizarro wurden sie in Bremen nie wirklich los, so wie ihn die Bundesliga von 1999 bis 2020 nie los wurde. Pizarro blickt auf eine Karriere zurück, die ihm nur wenige zugetraut hätten, als ihn der damalige Bremer Geschäftsführer Jürgen L. Born 1999 für damals 1,6 Millionen Mark von Alianza Lima an die Weser holte. Für Werder traf er 109 mal und ist damit Bremens Rekordtorschütze. Für den FC Bayern erzielte er 87 Tore, in der ewigen Bundesliga-Torschützenliste belegt Pizarro mit 197 Treffern Rang sechs. Pizarro holte sechs deutsche Meisterschaften, sechs DFB-Pokalsiege und als Krönung 2013 mit dem FC Bayern die Champions League.

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Doch es sind nicht die nackten Zahlen und Erfolge, die den ältesten Torschützen der Bundesliga-Geschichte ausmachen – es ist ein echter Typ, der nun die große Fußballbühne verlässt. Gleich viermal wechselte Pizarro zwischen Bremen und dem FC Bayern hin und her, warum, das erklärte er mal so: „Ich war immer einer, der sich sehr damit identifiziert hat, wo er war. Und ich bin sehr dankbar, dass man in Bremen und München so nett zu mir war. Das wollte ich zurückgeben.“

Und wie er das alles zurückgab – mit Toren, klar, vor allem aber mit diesem konstanten, ansteckenden Pizarro-Lachen. Ein Schlitzohr war dieser Pizarro immer, auf und neben dem Platz. Irgendwann hörte Pizarro mal einen Ausdruck über sich, den er seither selbst gerne in den Mund nimmt, wenn er über sich sprechen muss: „Ich bin ein Schlawiner.“

Tänzeln auf dem Platz, Tänzeln im Leben

Auf dem Platz war der Schlawiner der Prototyp eines kompletten Stürmers – er war elegant und wuchtig zugleich, er war spielstark und hatte den berühmten Torriecher, er war wendig und kantig, je nach Bedarf. Fast schien es manchmal so, als tänzele dieser Pizarro über den Platz. So ähnlich vielleicht, wie er gerne mal durchs Leben tanzt. In München gibt es Stimmen, die behaupten, Pizarro sei in den knapp drei Oktoberfest-Wochen mindestens genauso oft im Festzelt als auf dem Trainingsplatz gewesen und habe gerne auch bei den Wiesn-After-Partys nach dem rechten geschaut. Pizarro selbst sagte mit dem Pizarro-Lächeln im Gesicht mal dies: „Ja, ich feiere gerne – ich weiß aber, wann ich feiern kann und wann nicht.“

Wer konnte diesem Typen schon böse sein – jetzt, nach dem Karriereende ist es ja sogar so, dass der FC Bayern seinen Charme gezielt einsetzen will. Die Familie Pizarro lebt noch immer in München, und der FC Bayern, so ist es zu hören, will Pizarro noch einmal verpflichten: als Markenbotschafter. Auch Pizarro hat daran Interesse, die Sache soll kurz vor dem Abschluss stehen.

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Es wird also nicht langweilig für Pizarro, im Gegenteil. Denn es gibt ja in der Heimat in Peru, knappe zwei Autostunden von der Hauptstadt Lima entfernt, auch noch die Pferderanch, die er im Jahr 2010 erworben hat. 120 Pferde besitzt Pizarro auf dem 44 Hektar großen Gestüt. Die meisten der 18 Angestellten haben mit Deutschland und deutschem Fußball eher weniger am Hut – und wissen daher nicht, was so mancher Name bedeutet, den sie den Vollblütern da mehrmals täglich hinterherrufen.

Auf Pizarros Ranch sind Pferde namens Oktoberfest, Marienplatz, Allianz-Arena – und, passend zur Schlusspointe in Bremen – Klassenerhalt zu Hause.

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