Zum Finale der Serie Twin Peaks Traumreisen durch David Lynchs Kopf

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Mit Douglas-Tannen, Kirschkuchen und verdammt gutem Kaffee fing es 1990 an. Jetzt ist die Serie „Twin Peaks“ als surreale Reise in die Finsternis zu Ende gegangen. Schon damals wagten sich David Lynch und Mark Frost an die Grenzen dessen, was im Fernsehen möglich ist. Bei ihrer Fortsetzung haben sie es wieder getan. Eine Bilanz.

David Lynch als FBI Deputy Director  Gordon Cole in der dritten Staffel seiner Serie „Twin Peaks“ Foto: Suzanne Tenner/Showtime 12 Bilder
David Lynch als FBI Deputy Director Gordon Cole in der dritten Staffel seiner Serie „Twin Peaks“ Foto: Suzanne Tenner/Showtime

Stuttgart - Die Serie „Twin Peaks“ ist eines der größten Missverständnisse in der Geschichte des Fernsehens. Diesen bizarren Mix aus Seifenoper, Thriller, Mystery, Sitcom und Experimentalfilm, mit dem David Lynch und Mark Frost in den 1990er Jahren die TV-Welt auf den Kopf stellten, auf eine einzige Frage zu reduzieren, war und ist ungerecht und falsch. In „Twin Peaks“ ging es nie wirklich darum, wer die Schülerin Laura Palmer ermordet hat, ja, es ging eigentlich nicht einmal um das Städtchen Twin Peaks, das irgendwo im Norden Amerikas seine dunklen Geheimnisse in ebenso dunklen Wäldern versteckt. Mit so einfachen Geschichten, so eindeutigen Wahrheiten, so überschaubaren Spielräumen gibt sich David Lynch nicht ab. Und wer das bisher noch nicht bemerkt hatte, den hat jetzt das Finale der dritten und mit ziemlicher Sicherheit letzten „Twin Peaks“-Staffel eines besseren belehrt.

Zwar werden am Ende der mit einem Vierteljahrhundert Verspätung entstandenen Fortsetzung, die vom US-Bezahlsender Showtime in Auftrag gegeben und in Deutschland von Sky ausgestrahlt wurde, alle Spuren wieder nach Twin Peaks führen. Man wird wieder diesem schrullig-exzentrischen FBI-Agenten Dale Cooper (Kyle MacLachlan) begegnen, der so unnachahmlich von Kirschkuchen und verdammt gutem Kaffee schwärmen kann. Es wird ein Wiedersehen mit der somnambulen Audrey Horne, dem tölpelhaften Sheriff Andy Brennan, mit Lucy, Hawk und auch mit David Lynch geben, der als schwerhöriger FBI Deputy Director Gordon Cole in einem Büro zwischen einem Franz-Kafka-Plakat und dem Bild einer explodierenden Atombombe sitzt.

Achtung, bissiges Serienungetüm!

Doch „Twin Peaks“ ist trotzdem nicht wieder zu erkennen. Die Rückkehr gleicht einer Irrfahrt, die von New York nach South Dakota, von Las Vegas, nach Twin Peaks führt. Mittendrin Dougie Jones, der einst Versicherungskaufmann war, jetzt aber eine hohle Hülle ist, in der Dale Cooper gefangen ist. 16 der 18 Episoden braucht er, um aus diesem Gefängnis zwischen Infantilität und Lethargie zu entkommen. Und während dessen tun sich überall in der Welt Risse auf.

Es ist nicht ratsam, all die Doppelgänger, die grotesken Gestalten, die auftauchen und wieder verschwinden, all den Irrsinn und all die übernatürlichen Phänomene mit Logik einzufangen zu versuchen. Wer sich diesem gewaltigen TV-Serien-Ungetüm namens „Twin Peaks“ nähern will, ohne von ihm verschlungen und orientierungslos wieder ausgespuckt zu werden, sollte wissen: David Lynch ist kein Filmemacher, sondern ein Künstler, er erzählt in Bildern, will ein bisschen Edward Hopper und ein bisschen Francis Bacon sein, erschafft Imaginationsräume, in denen er seine dunklen Fantasien austobt.

Zwischen „Eraserhead“ und „Inland Empire“

Als Lynch in der ersten „Twin Peaks“-Staffel Dale Cooper durch einen roten Raum irren, einen kleinwüchsigen Mann rückwärts sprechen und das Stroboskoplicht flackern ließ, kam das „US“-Magazin zum Ergebnis, das seien „die bizarrsten fünf Minuten in der Geschichte des amerikanischen Fernsehens gewesen“. Und genau auf solche Reaktionen war Lynch erneut aus: Er wollte nicht einfach nach Twin Peaks zurückkehren, sondern sicher stellen, dass er auch dem TV-Publikum von 2017, das hochwertige, komplexe Serienerzählungen gewöhnt ist, nicht nur fünf bizarreste Minuten, sondern 18 bizarre Episoden bescheren, ihm Dinge zeigen kann, die es so noch nie zuvor in einer Fernseheserie gesehen hat. Das ist ihm gelungen – auch indem er einem die Sinne verwirrt mit all dem Wahnwitz, der sich in seinem fantastischen Ideenfundus zwischen „Eraserhead“ und „Inland Empire“ angesammelt hat – von altmodischen Stop-Motion-Tricks über Mehrfachbelichtungen bis zu digitalen Effektspielereien).

David Lynch ist aber nicht nur mehr Künstler als Filmemacher, er ist auch mehr Träumer als Erzähler. Dass die Arbeitsweise der beiden Autoren (Lynch liegt auf der Couch und fantasiert, Frost sitzt am Schreibtisch, hört zu und schreibt auf) das Setting einer psychoanalytischen Therapiesitzung widerspiegelt, hat Methode. Die Reise nach Twin Peaks ist eine Reise ins Unbewusste, die Geschichte ergibt nur als ein großer Traum Sinn, der die Grenzen von Zeit und Raum nach Lust und Laune überschreiten kann.

„Twin Peaks“ als Labyrinth der Fantasie

In der ersten „Twin Peaks“-Staffel legten Lynch und Frost Donna Hayward den Satz in den Mund: „Es ist so, als ob ich den schönsten aller Träume und den schlimmsten aller Albträume auf einmal hätte.“ Und genau das schafft auch diese dritte „Twin Peaks“-Staffel wieder. Sie erweist sich als eine grandiose verstörende, betörende Traumerzählung, in der das Unbewusste Bilder und Szenen erschafft, surreale Welten entstehen lässt, ein herrliches Labyrinth der Imagination formt.




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