Wer in den Siebzigern nicht dabei war, kann sich kaum vorstellen, wie beliebt Bud Spencer war. Ob allein ob im Duo mit Terence Hill – er konnte mit fliegenden Fäusten Ordnung schaffen in einer unübersichtlichen Welt. Im Alter von 86 Jahren ist er nun gestorben. Wir werden ihn nicht vergessen.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)

Stuttgart - Wehrhafte Urviecher kann das Kino immer gebrauchen. Heizkesselbreite Kerle mit Dampfhammerfäusten, die das Komplizierte einfach machen, die robust sortieren, wo andere den Überblick verlieren. Wer ist gut, wer ist böse, das war nie eine quälend unbeantwortbare Frage, wenn Bud Spencer vor die Kamera trat. Eine Folge von Prügeleien rüttelte die Weltordnung zurecht. Die Guten standen am Ende feixend aufrecht, die Bösen lagen besinnungslos im Staub.

Aber die sechziger und siebziger Jahre brauchten solch einen Champion der alten proletarischen Tugend des Hinlangens ganz besonders. Die Regeln kippten damals, die Werte bröselten. Überall herrschte Jugendrevolte, die Haare wuchsen, der Respekt schwand. In Arbeiterhaushalten pfiffen die Jugendlichen auf den ausgebeuteten Malocherstolz der Väter, in intellektuellen Milieus wurde alles in Frage gestellt und jede Antwort verworfen.

Aus Mord wird Klopperei

Auch im Kino war das angekommen, sogar im einst wertefesten Winkel des Western. Im Spätwestern gab es nicht mehr die Guten und die Bösen, sondern nur die Bösen, die noch Böseren und ihre Opfer. Im Italowestern tauchten Abschlachter als schreckliche Helden auf, die man nur deshalb nicht Psychopathen nannte, weil die Filme deren Django-Treiben fast esoterische Züge gaben. Die Killer waren als alttestamentarische Racheengel des Herrn unterwegs, um die menschengemachte Hölle auszumisten. Bud Spencer und sein Lieblingskumpel Terence Hill kippten in ihren Western diesen Ernst und machten aus dem Morden wieder eine Klopperei und aus dem Horror eine Kinderparty.

Wer damals nicht dabei war, kann sich heute kaum noch vorstellen, wie die jungen Kinogänger und die einfacheren Gemüter, die dem Autorenfilm nichts abgewinnen konnten, dieses Duo einst liebten. Hau-drauf-Klamauk wie „Vier Fäuste für ein Halleluja“ (1972), „Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle“ (1972) oder „Auch die Engel essen Bohnen“ (1973), von den deutschen Synchronisationen um zusätzliche flapsige Sprüche bereichert, holten etwas vom befreiend schlichten Spaß des frühen Stummfilm-Slapsticks zurück in eine Zeit, in der zornige junge Filmemacher dem Kino das Träumen und Blödeln austreiben wollten.

Das massige Schutzpolster

Klassischerweise hätte der schlanke, smarte, blauäugig-hellhaarige Mario Girotti alias Terence Hill der anziehende Held sein müssen und der als Carlo Pedersoli geborene, vollbärtig-dunkle Bud Spencer bloß den komischen Sidekick abgeben dürfen, den brauchbaren dicken Mitläufer. Aber der massige Spencer, das lebende Schutzpolster gegen die ungemütliche Moderne, war derjenige, dem die Herzen zuflogen. Darum bekam auch er nebenher eine große Soloreihe, die „Plattfuß“-Filme. In denen spielte er den Polizisten Manuele Rizzo, dem seine Fäuste immer wieder Ermittlungsarbeit, Gesetzeskenntnis und Dienstwege ersparten.

Schwimmer, Erfinder und Pilot

Im wirklichen Leben war Pedersoli vielleicht ein Schlitzohr, aber gewiss kein tumber Haudrauf. Vor, während und nach seiner Schauspielkarriere füllte er viele Rollen mal ernsthaft, mal probehalber aus. Er war ein vorzüglicher Wettschwimmer, zweimaliger Olympiateilnehmer, trat als Sänger auf, komponierte Musik und Lieder für einige seiner Filme. Er versuchte sich als Erfinder, unter anderem tüftelte er ein dreiläufiges Gewehr aus, das aber nicht einmal seine Kinogegner brauchen konnten, machte den Pilotenschein für Strahlflugzeuge und Helikopter, gründete und verkaufte eine Fluglinie, brachte ordentliche Summen zusammen und ruinierte sich dann wieder vergnügt.

Ein kleiner Ausrutscher

Seine Autobiografie „Bud Spencer: Mein Leben, meine Filme“ erzählt davon und wurde 2011 so erfolgreich, dass er die Ghostwriter gleich zu zwei Fortsetzungen scheuchte. Dass Pedersoli, weil er auch die Politik einmal ausprobieren wollte, bei Regionalwahlen 2005 ausgerechnet für Berlusconis Partei Forza Italia kandidierte, mag man für die Stilunsicherheit eines alten Mannes halten. Oder für die stilsichere Erkenntnis, dass Berlusconis Reden und Versprechungen so wenig mit der Wahrheit zu tun hatten wie Bud Spencers Filmwelten mit der Realität.

Filme können mitreißen, ihre Figuren können elektrisieren. Aber manchmal verfliegt der Zauber, kaum, dass man aus dem Kinosaal wieder auf die Straße tritt. Bud Spencers Wirkung war eine andere. Als die Gemeinde Schwäbisch Gmünd die Bürger 2011 online über den Namen für einen neuen Straßentunnel abstimmen ließ, tauchte auch der Vorschlag Bud Spencer auf. Ein paar Facebook-Aktivisten mochten das anfangs als Scherz gemeint haben, aber der Name rührte echte Emotionen auf. Er lag am Ende vorn, war den Stadtvätern jedoch nicht geheuer. Einfach kneifen konnten die aber auch nicht mehr.

Geborgen im Bud-Bad

Da war etwas in Gang gekommen, Erinnerungen an andere Zeiten, Helden und Aussichten waren geweckt. Also wurde das örtliche Schwimmbad, in dem Pedersoli Jahrzehnte zuvor als Sportler tatsächlich einmal zu Gast gewesen war, auf Bud Spencers Namen getauft. Wer seine Filme kennt, wird nun immer ein Gefühl von Geborgenheit empfinden, das anderswo auch zehn Rettungsschwimmer und Bademeister nicht vermitteln könnten.

Am Montag, dem 27. Juni, ist der gebürtige Neapolitaner Carlo Pedersoli in Rom im Alter von 86 Jahren gestorben. Und wer immer bei der Beerdigung dabei sein kann, wird beim Blick auf den Sarg wohl mindestens einmal vor seinem inneren Auge sehen, wie von innen eine Faust gegen den Deckel poltert und ein massiger Kerl durchs zersplitterte Holz steigt, fluchend, er habe doch bloß ein Nickerchen gehalten, was den anderen denn einfiele, ihn so wegzupacken. Das wird dann nicht pietätlos sein, sondern ein aufrichtiger Tribut an die Langzeitwirkung von Bud Spencers Verheißung, eine gute Faust könne jedes Problem wegbügeln. Dass er da geflunkert hatte, dass wir das wussten, und dass wir es trotzdem vergnügt glauben mochten, das war ein Pakt, den auch das Kino so unschuldig nicht alle Tage schließen kann.

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