50 Jahre Lebenshilfe Stuttgart Kampf um Selbständigkeit

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Die Lebenshilfe Stuttgart ist vor 50 Jahren gegründet worden. Sie bietet Arbeit für Behinderte und verhilft zur Selbständigkeit.

Berufsalltag mit Handicap: in den Vaihinger Werkstätten der Lebenshilfe arbeiten Behinderte in der Gärtnerei und in der Bäckerei. Foto: factum/Granville 2 Bilder
Berufsalltag mit Handicap: in den Vaihinger Werkstätten der Lebenshilfe arbeiten Behinderte in der Gärtnerei und in der Bäckerei. Foto: factum/Granville
Stuttgart - Als Kind hat Andrea Grieb kein einziges verständliches Wort gesprochen. Sie hatte ständig Wutanfälle und keiner wusste so genau, was mit dem Mädchen los war. "Erst mit acht wurde meine geistige Behinderung festgestellt", erzählt die heute 48-Jährige, "die Folge einer Schluckimpfung gegen Pocken."

Lebenshilfe ermöglicht vieles


Wenn Andrea Grieb erzählt, dass sie nur mühsam mit Hilfe von Logopäden das Sprechen gelernt hat und erst im Alter von zehn Jahren "Mama" sagen konnte, kann man das kaum glauben. Sie spricht trotz ihrer Hirnschädigung flüssig, jongliert mit Fremdwörtern und ist das beste Beispiel dafür, wie effektiv Menschen mit Behinderungen gefördert werden können.

Dank der Lebenshilfe Stuttgart hat Andrea Grieb ihren Weg in die Selbstständigkeit fortgesetzt. Erst arbeitete sie in der Kantine der Werkstatt am Löwentor, dann wechselte sie in eine Tagesfördergruppe, wo sie andere Menschen mit stärkeren Behinderungen betreut. Gemeinsam wird gebacken, geht es zum Spaziergang ins Freie - immer in Begleitung eines Heilerziehungspflegers.

"Ohne die Lebenshilfe würde ich immer noch zuhause bei meiner Mutter wohnen", erzählt Grieb und ist stolz darauf, den "Kampf" gewonnen zu haben. Ihre Mutter wollte sie nur ungern gehen lassen. Seit einigen Jahren lebt die Werkstattbeschäftigte in einer eigenen Wohnung. Mitarbeiter der Lebenshilfe kommen regelmäßig vorbei, um etwa die Post mit ihr durchzugehen oder kleinere Alltagsprobleme zu lösen. Und demnächst will sie mit ihrem Partner in eine gemeinsame Wohnung umziehen. Für Grieb ist es das richtige Maß an Begleitung im beruflichen und privaten Bereich. "Ich könnte mir nicht vorstellen ganz allein in der freien Wirtschaft zu arbeiten, das würde ich mir nicht zutrauen."

Die Förderung von Menschen wie Andrea Grieb hat sich die Lebenshilfe Stuttgart zur Aufgabe gemacht. Der gemeinnützige Verein ist vor 50 Jahren gegründet worden und beschäftigt mittlerweile rund 190 hauptamtliche Mitarbeiter sowie 100 Ehrenamtliche. Andrea Grieb ist eine von knapp 400 geistig und zum Teil auch körperlich Behinderten, denen auf ganz unterschiedliche Weise geholfen wird.

Auch hier schlug die Wirtschaftskrise zu


In den beiden Werkstätten in Vaihingen und am Löwentor gibt es eine Schreinerei und eine Gärtnerei. Es werden Kerzen hergestellt und mit den Brezeln der hauseigenen Bäckerei wird sogar die Kantine des Regierungspräsidiums beliefert. Vom Dörrobst bis zur Nudelpackung reicht die Produktion und wer einmal, die schönen Räumlichkeiten in der Vaihingen Jurastraße besucht hat, will nur noch dort einkaufen.

Die Wirtschaftskrise hat auch die Behindertwerkstätten der Lebenshilfe getroffen. Die Industrieaufträge, die neben den Dienstleistungen und den Eigenproduktionen etwa ein Drittel des Geschäftes ausmachen, sind zurückgegangen.

"Im Herbst ist uns über Nacht ein Bosch-Auftrag, den wir seit Jahren hatten, einfach weggebrochen", erinnert sich Geschäftsführer Reinhard Bratzel. Er zog daraus seine Lehren:. "Wir müssen uns mehr und mehr von der Wirtschaft abnabeln", sagt er und setzt auf den Ausbau von Dienstleistungen. Die Mitarbeiter der Werkstätten übernehmen Reinigungs- und Wäschearbeiten, pflegen den Außenbereich von Kindergärten oder stellen Brennholz her.

Lebenshilfe bietet auch Wohnmöglichkeiten


Nicht nur Arbeit, auch Wohnmöglichkeiten bietet die Lebenshilfe an. Ihre neun Häuser sind auf die ganze Stadt verteilt. Es werden Wohnungen angemietet und in den nächsten Wochen ist Baubeginn für ein Großprojekt in Zuffenhausen. Sechseinhalb Millionen Euro investiert die Lebenshilfe in vier Gebäude, die von Behinderten und Nicht-Behinderten bezogen werden sollen. Es ist das Miteinander, das Geschäftsführer Reinhard Bratzel besonders am Herzen liegt. "Menschen mit Behinderungen sollten in allen Bereichen des Lebens als Partner gesehen werden", wünscht er sich und setzt auf einen integrativen Kurs in der Gesellschaft.

Informationen über den Verein unter http://www.lebenshilfe-stuttgart.de ».

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