American Football Wo Tom Brady spielt, ist der Erfolg

Seit dieser Saison zeigt Tom Brady bei den Tampa Bay Buccaneers, wo es langgeht. Foto: dpa/Brynn Anderson
Seit dieser Saison zeigt Tom Brady bei den Tampa Bay Buccaneers, wo es langgeht. Foto: dpa/Brynn Anderson

20 Jahre spielte der Quarterback in New England, nun für die Tampa Bay Buccaneers. Den Erfolg hat er offenbar mitgenommen. Warum ist das bezeichnend für Tom Brady?

Sport: Jürgen Kemmner (jük)

Stuttgart - Tom Brady war Nummer 199. Als der 22 Jahre alte Bursche, der Quarterback der Wolverines von der University of Michigan, im April 2000 in der sechsten von sieben Draftrunden ausgewählt wurde, ging kein Raunen durchs Theater am Madison Square Garden in New York. Brady wurde von den New England Patriots als Spielmacher Nummer vier geholt, als Ersatzmann des Ersatzmannes des Ersatzmannes. Tom Brady wurde unterschätzt. Mit einem unbeugsamen Willen wie Boxer Rocky Balboa (alias Sylvester Stallone) kämpfte er sich gleich in der Rookiesaison auf Position zwei hinter Quarterback Drew Bledsoe vor.

Brady gewann mit den Patriots neun Mal den Superbowl

Die weitere Geschichte ist bei Footballfans so bekannt wie das Neue Testament bei Christen. Brady begründete mit Headcoach Bill Belichick eine Ära – neunmal zog er mit den Patriots in den Superbowl ein, sechsmal gewann er dort die Vince-Lombardy-Trophy, viermal wurde er zum wertvollsten Spieler des NFL-Finales gewählt. Als der Vertrag des erfolgreichsten Spielmachers der Liga Anfang 2020 auslief und Brady zu den Tampa Bay Buccaneers aufbrach, lästerten manche, der Oldie ziehe sich wie viele Rentner aufs Altenteil ins warme Florida zurück.

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Brady wurde erneut unterschätzt. Nach dem 30:20 über die New Orleans Saints steht der 43-Jährige zum 14. Mal im Play-off-Halbfinale, wo die Bucs am Sonntag (21 Uhr/Pro Sieben) auf die Green Bay Packers treffen. Die Piraten hatten seit ihrem Beutezug, als sie im Superbowl im Januar 2003 die Oakland Raiders enterten, nur zweimal die Play-offs erreicht, waren aber gleich in Runde eins gescheitert. Viele hatten daran gezweifelt, dass Brady, der zwei Jahrzehnte nur für New England Bälle auf dem Feld verteilt hat, ein neues Team zum Erfolg führen kann. Antwort: Ja, Brady kann nicht nur Patriots.

Der Angriff

Der gebürtige Kalifornier hat in Tampa auf Geld verzichtet, er hätte mehr verlangen können als jährlich 12,5 Millionen Euro, Quarterbackjungstar Patrick Mahomes kassiert bei Titelverteidiger Kansas City Chiefs gut 37 Millionen Euro – Brady gibt sich mit weniger zufrieden. Denn weniger ist mehr. In der NFL gilt für jeden Club ein Gehaltslimit, so hatten die Buccaneers mehr finanziellen Spielraum, um qualifiziertes Personal für den Star im Angriff zu verpflichten. Kaum hatte Brady bei den Bucs angeheuert, folgte Runningback Leonard Fournette aus Jacksonville, Tight End Rob Gronkowski, einst kongenialer Partner von Brady bei den Patriots, erklärte den Rücktritt vom Rücktritt, und selbst der nicht pflegeleichte Wide Receiver Antonio Brown ordnete sich brav in die Offense ein. Alle passten ins Gehaltsgefüge, ohne dass ein wichtiger Akteur abgegeben wurde. In Mike Evans und Chris Godwin hatte Tampa bereits zwei überdurchschnittlich begabte Passfänger. „Ich liebe die Teamkollegen, die ich habe“, sagt Brady, der Star, „ich möchte sie deshalb nie im Stich lassen.“

Das System

Es ist kein Widerspruch, dass die Bucs exzellente Ballfänger beschäftigen, obwohl Brady nicht als Quarterback mit dem besten Wurfarm gilt und er kurze Pässe bis 20 Yards bevorzugt. Die Option, den weiten Pass aber jederzeit anbringen zu können, macht die Offense weniger berechenbar. Zudem hat der Club die Offensive Line verstärkt, die den Quarterback vor Attacken schützt – mit Erfolg: Die Abwehrmauer um Brady belegt im NFL-Ranking Platz fünf, der Chef bekommt meist genügend Zeit für seine Würfe. Und dann ist da noch Headcoach Bruce Arians, der als Quarterbackflüsterer gilt, der Peyton Manning, Ben Roethlisberger, Andrew Luck und Carson Palmer ausgebildet und veredelt hat. Selbst der erfahrene Brady konnte noch etwas lernen.

Die Mentalität

Brady zeichnet sich durch seinen unbedingten Siegeswillen aus, den hat er mit nach Tampa gebracht, den lebt er in der Kabine wie auf dem Feld vor – und das Team folgt ihm. „Tom verhält sich wie ein Trainer“, sagt Headcoach Arians, „es ist eine nie enden wollende Sache bei ihm, er ist ein Perfektionist, er möchte immer alles richtig machen.“ Der 43-Jährige hat nie vergessen, dass er häufig um seinen Stammplatz kämpfen musste. Er musste sich im College durchsetzen, später bei den Patriots. Immer wieder musste er beweisen, dass er Großes vollbringen kann. Nun fehlen Brady zu seinem siebten Titel noch zwei Siege – nicht mit den Patriots, sondern den Buccaneers. Und auch das hatten ihm viele nicht zugetraut.

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