Annette Humpe wird 70 Das Gesicht der Neuen Deutschen Welle

Von Bernd Haasis 

Annette Humpe hat als Sängerin und Musikerin von Ideal die Neue Deutsche Welle mit angeschoben. Als Produzentin prägt sie die deutschsprachige Popmusik. Nun wird sie 70 Jahre alt.

Annette Humpe  1981 bei einem Auftritt mit der  Band Ideal. Foto: imago/Future Image Foto:   36 Bilder
Annette Humpe 1981 bei einem Auftritt mit der Band Ideal. Foto: imago/Future Image

Stuttgart - „Da bleib ich kühl / kein Gefühl“, sang Annette Humpe 1980 in „Blaue Augen“. Sie fing da mit ihrer Band Ideal den Westberliner Zeitgeist ein: jene abgeklärte, rebellische und oft ziellose Weltläufigkeit, die zugereiste Flüchtlinge aus der Enge der westdeutschen Provinz im Kreuzberger Kiez pflegten. Auf die unterkühlte New-Wave-Atmosphäre in der Strophe folgt der emotionale Aufruhr. Ein Augenpaar versetzt die scheinbar über allem stehende Protagonistin in heftige Punkrock-Wallung.

Im nervös zappelnden „Berlin“ brachten Ideal das Szenegefühl in der Mauerstadt vollends auf den Punkt, das der Bremer Musiker Sven Regener später in seinem Roman „Herr Lehmann“ (2001) beschrieben hat.

Eine Initialzündung

Die Stücke waren Teil der Initialzündung, die die Neue Deutsche Welle (NDW) aus dem Untergrund ins Licht der Öffentlichkeit katapultierte. Ideal waren eine deutsche Antwort auf The Cure und Siouxsie and the Banshees, ihre blonde Vorsteherin am Keyboard mit der weißen Kapitänsmütze die Mutter der Bewegung. Relevante deutschsprachige Popmusik schien plötzlich auf breiter Basis möglich.

Sechs Semester Klavier- und Kompositionsstudium brachte die gebürtige Hagenerin mit, als sie 1974 nach Berlin kam. Erste Aufmerksamkeit erregte sie 1979 mit den Neonbabies, die sie mit ihrer jüngeren Schwester Inga gründete. Zum Repertoire gehörte „Blaue Augen“, das Annette mit Ideal noch einmal aufnahm. Auf deren zweitem Album „Der Ernst des Lebens“ besang sie in „Eiszeit“ eine emotionale Vergletscherung zur Zeit des Kalten Kriegs und in „Monotonie“ den deutschen Urlaubseskapismus und die „Melancholie bei 30 Grad“.

1983 waren Ideal Geschichte. Humpe aber war längst nicht mehr nur Sängerin, Musikerin und Komponistin, sondern Produzentin – in einer männerdominierten Branche. „Ich fand das immer einen Vorteil, eine Frau zu sein“, hat sie 2016 im Deutschlandfunk gesagt, „Ich war ja gut ausgebildet, und ich dachte: Ein Typ kann mir so schnell nix erzählen.“ Mit den österreichischen „Watzmann“-Komponisten Manfred Tauchen und Joesi Prokopetz konzipierte sie 1983 das Debüt der Band DÖF (Deutsch-Österreichisches Feingefühl). Auf der Single „Codo . . . düse im Sauseschritt“ sang ihre Schwester Inga, mit der sie 1985 das Duo Humpe & Humpe gründete und harmonischen 80er-Elektropop machte. 1984 unterstütze Annette Humpe den Ton-Steine-Scherben-Sänger Rio Reiser beim Einstieg in seine Solokarriere. 1990 nahm sie die ostdeutschen Prinzen unter ihre Fittiche, deren erste Alben sie produzierte und mitverfasste, darunter die Hits „Küssen verboten“ (1992) und „Du musst ein Schwein sein“.

Rio Reiser und die Prinzen

Wie schon bei Ideal behielt die Produzentin ihr starkes Gespür dafür, was in der Luft lag. Selbst auf die Bühne wollte sie nicht mehr. „Ich kann gut Songs schreiben und arrangieren und Konzepte machen. Aber ich war nie glücklich mit meiner Stimme“, hat sie im Deutschlandfunk gesagt. „Ich bin wirklich keine Rampensau, sondern möchte am liebsten mit dem Rücken zum Publikum stehen.“

Udo Lindenberg und Nena

Annette Humpe produzierte Musik mit Udo Lindenberg („Ein Herz kann man nicht reparieren“, 1991), Lucilectric („Mädchen“, 1994) und Nena („Jamma nich“, 1997). 2004 gründete sie mit dem Sänger Adel Tawil das Popduo Ich + Ich. Es wurde ihr publikumsträchtigstes eigenes Projekt mit Hits wie „Vom selben Stern“ (2007) und „Pflaster“ (2009). Zuletzt verhalf Annette Humpe, die am 28. Oktober 70 Jahre alt wird, dem Sänger Max Raabe zu einer Solokarriere jenseits seiner 20er-Jahre-Masche.

Was das Geheimnis ihres Erfolges ist? „Ich langweile mich ganz schnell, ich mag auch keine Routine, zumindest nicht in der Musik“, sagte sie im Deutschlandfunk.




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