Antifa-Demo in Herrenberg Die Großstadt hallt ins Hinterland

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Antifa-Aktivisten protestieren gegen die Dorf-AfD. Eine schweigende Mehrheit steht ihnen gegenüber.

Die Antifa-Aktivisten sind bei der Polizei wie im Dorf unbeliebt. Foto: factum/Jürgen Bach
Die Antifa-Aktivisten sind bei der Polizei wie im Dorf unbeliebt. Foto: factum/Jürgen Bach

Herrenberg - Das Demo-Banner behält Recht. „Gültstein bleibt friedlich“ ist auf ihm gedruckt. Für diesen Abend gilt der Satz trotz des Antifa-Aufmarsches. Vor einem Monat hatte die Polizei am gleichen Ort aus gleichem Anlass Pfefferspray eingesetzt. Bei Rangeleien mit linken Aktivisten waren zwei Beamte verletzt worden. Diesmal räumt die Polizei zwar robust die Straße, von Gewalt kann aber keine Rede sein, von keiner Seite.

Der Anlass ist ein AfD-Stammtisch mit Vorträgen zum Klimawandel, genauer: einer „Klimahysterie.“ So ist die Versammlung überschrieben. Was gesprochen wird, bleibt im Zirkel der Rechtsaußen. Zutritt zum Veranstaltungslokal, dem Gasthaus Zom Kronawirt, haben nur „Mitglieder, Förderer und Freunde“. Die Rollläden sind heruntergelassen. Dahinter wird nicht nur verbal Deftiges serviert. Die Krone ist hoch gelobt für ihre Schlachtplatte.

Beim Kronenwirt trifft sich Dunkelherrenberg

Um den Duktus des ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck zu zitieren, trifft sich hier Dunkelherrenberg. Gültstein ist ein vorgelagerter Stadtteil von Herrenberg, damit einer Stadt, in der die politisch dunklen Flecken nur Sprenkel sind. Die AfD hatte bei der Kommunalwahl 3,8 Prozent der Stimmen bekommen, 6,4 Prozent waren es bei der Böblinger Kreistagswahl. Schon Letzteres entspricht dem Großstadt-Niveau und der Hälfte des bundesweiten Durchschnitts.

Dafür, dass es so bleibt, stehen gut 100 Herrenberger gegenüber dem Lokal unter dem Gültsteiner Weihnachtsbaum, mehr als zwei Stunden lang, mit Kerzen und Windlichtern. Mütter haben ihre Kinder dabei. Die Initiative „Herrenberg bleibt bunt“ ist vertreten, ein paar Grüne werben mit einem Plakat für ihre Partei.

Der Flecken hat 3500 Einwohner, von denen sich zumindest die Älteren nicht als Herrenberger, sondern als Gültsteiner verstehen. Zuoberst gilt dies für den Kronenwirt. An der Scheune neben seinem Lokal ist ein Klagegedicht zu lesen darüber, dass die Herrenberger die Gültsteiner verraten und der Staatsgerichtshof sie beschissen habe. Es schließt mit einer Frage: „Was bleibt uns?“ Der Ingrimm, mit dem die Gäste des AfD-Abends an Demonstranten und Polizisten vorbeistapfen.

Mit Sprechchören bricht die Großstadt ins Dorfidyll

Mit Sprechchören bricht die Großstadt ins Dorfidyll. Um die 40 Antifa-Aktivisten marschieren aus einer Anliegergasse, der Cranachstraße, auf das Lokal zu. Die Mehrheit ist um die 20 Jahre alt. Unter dem Weihnachtsbaum halten sie Plakate wie „AfD nee“ hoch. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wollen sie wahlweise „Nazis von der Straße fegen“ oder „vermosten“ und rufen „Polizisten schützen die Faschisten“. Die Polizei, in der Tat, setzt das Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit durch. Nach zwei freundlichen Aufforderungen, den Weg zum Lokal freizuhalten, drängen die Beamten die Demonstranten beiseite. Das Zahlenverhältnis von Linksaktivisten zu Polizisten ist etwa eins zu eins.

Die Antifa ist keineswegs beliebt bei der Polizei, auch nicht beim Verfassungsschutz, was wenig verwundert. Der Sprechgesang „BRD, Bullenstaat, wir haben Dich zum Kotzen satt“ zählt zum Standardrepertoire auf Demos wie dieser. Die Linksaktivisten sind auch nicht beliebt auf dem Land. Sie gelten als Besserwisser, die mit dem Zug anreisen und ins Dorf einfallen, um denjenigen, die auf dem Traktor ihre Felder pflügen, vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Auch dafür haben sie einen eigenen Kampfspruch: „Kein ruhiges Hinterland“.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat ein Zelt mit einer Lautsprecheranlage für die Redner aufgestellt, aber die Technik versagt. Ein altersschwach quäkendes Megafon dient als Ersatz. Aufrufe an die schweigende Mehrheit gegenüber, die Straßenseite zu wechseln, schließlich eine die politische Meinung, verhallen. Niemand bewegt sich. Nach einer Stunde ist der letzte antifaschistische Spruch verhallt. Gegenüber ist es leer geworden. Geblieben sind nur noch diejenigen, die die Kerzen in den Windlichtern ausblasen. Gültstein ist nicht nur friedlich, auch wieder still, bis zum Januar-Stammtisch.