Das Dokudrama „Nazijäger“ im Ersten erzählt, wie britische Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg deutsche Kriegsverbrecher suchten: eine öffentlich-rechtliche Sternstunde.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)

Stuttgart - Hanns Alexander, Jahrgang 1917, Sohn einer jüdischen Arztfamilie aus Berlin, fand Zuflucht vor den Nazis im englischen Exil. In Uniform kehrte er zurück und stieß zum War Crimes Investigation Team, das Kriegsverbrecher aufspüren sollte. Spätabends am 11. März 1946 klopfte Alexander, begleitet von Angehörigen des Militärgeheimdienstes, viele von ihnen jüdische Exilanten wie er oder in England geborene Juden, an die Tür eines Bauernhofs im Dorf Gottrupel in der Gegend von Flensburg. Der Mann, der öffnete, behauptete, der Landarbeiter Fritz Lang zu sein. Alexander aber wusste, wen er vor sich hatte: den abgetauchten SS-Obersturmbannführer Rudolf Höß, den ehemaligen Kommandanten des Vernichtungslagers Auschwitz.

Die Wut der Greifer

Das Greiferkommando verprügelte Höß, bis Alexander den Gewaltexzess abbrach. Ihm war klar, dass Höß als Zeuge und Angeklagter viel zu wichtig war, um ihn vorab Rachegelüsten ausliefern zu dürfen. Die Misshandlung zeigt Raymond Leys TV-Film „Nazijäger – Reise in die Finsternis“ im Ersten ziemlich ungeschminkt. Das mag erstaunen in Zeiten, in denen Marschgemeinschaften dumpfer Krakeeler und kühl kalkulierender Demokratiezersetzer historische Wahrheiten verdrehen und die Nazihistorie zu bereinigen versuchen.

Verquere Aufrechnungen der Marke „Die anderen haben doch auch ...“ bis hin zur Behauptung, Geständnisse von Höß und Konsorten seien unter Folter erpresste Lügengespinste, sind dabei ein gefährliches Mittel der neubraunen Propaganda. Aber „Nazijäger“ geht ganz und gar nicht unvorsichtig mit dem Thema um, nur ehrlich. Leys außergewöhnlich konstruierter Film zeigt mit einem Mix aus Spielszenen, Dokumentaraufnahmen und Interviews mit Überlebenden noch einmal, woher die Wut des Greifkommandos kommt, macht sie nachvollziehbar. Und lässt die Leistung umso größer erscheinen, die Verbrechen der Nazis für die Nachwelt mit den Werkzeugen der Justiz – Beweissammlung, Zeugenbefragung, Angeklagtenverhöre, Glaubhaftigkeitswägung – aufgearbeitet zu haben.

Zyklon B und Menschenversuche

Alexander (Robin Sondermann) ist von seinen Eindrücken nach der Befreiung des KZs Bergen-Belsen traumatisiert. Sein Kollege Anton Walter Freud (Franz Hartwig), auch er eine historische Figur, der ins Exil geflohene Enkel von Sigmund Freud, geht ruhiger, beherrschter an die Aufklärung heran. Der von Ley klar betonte Kontrast verdeckt aber nie, was im Inneren von Freud vorgeht.

Wir erleben ein paar aus dramaturgischen Gründen ineinander geschobene Tage des Jahres 1946, in denen das britische Fahndungsteam wichtige Erfolge erringt. Neben Höß kommen sie Bruno Tesch auf die Spur, dessen Firma Tesch & Stabenow das Mordgas Zyklon B nach Auschwitz geliefert hatte. Und sie finden den SS-Arzt Alfred Trzebinski, der an Menschenversuchen in Neuengamme beteiligt war sowie an der Ermordung von 20 Kindern im Nebenlager Bullenhuser Damm, die solche Versuche überlebt hatten. Der Kindermord nimmt in „Nazijäger“ den breitesten Raum ein.

Die Überlebenden mahnen

Ley macht uns mit den Schwestern Andra und Tatiana Bucci bekannt, die als Kinder Auschwitz überlebt haben. Ihr kleiner Cousin Sergio wurde nach Neuengamme weiterverschleppt, er gehört zu den Ermordeten vom Bullenhuser Damm. Ley schneidet aber nicht einfach Interviews mit den Buccis zwischen die Spielszenen, sein Film ist viel feiner gesponnen. Es geht nicht so sehr darum, was die Buccis sagen könnten, ihre Berichte sind ja schon in Drehbuch und Spielszenen eingeflossen. Es geht um ihre Präsenz, ihre Lebendigkeit, um die Erinnerung an all die Jahre, die anderen genommen wurden. Aber auch um den Hinweis darauf, dass das Geschehene noch nicht völlig historisch ist, was immer das sein mag. Die Opfer könnten heute noch immer unter uns leben, wären sie nicht ermordet worden.

Diese Verknüpfung betont Ley noch, indem er seine Kinderdarsteller den Buccis begegnen lässt, ein Brückenschlag zwischen damals und heute, zwischen Realität und Fiktion. Damit das nicht als Anspruch der absoluten Austauschbarkeit von Erzählung und Wirklichkeit missdeutet wird, fügt Ley eine ungewöhnliche Brechung ein. Manche Verhörszene findet vor heutigem Publikum statt, das Filmset wird eine Art Theaterbühne, und eine Kamera zeigt andere Kameras bei der Filmarbeit.

Der Sinn der Methode

Das beugt einerseits jedem anmaßenden Dokumentenanspruch vor. Wir sehen bei aller Dichte keine Realität, sondern eine Inszenierung, eine, die mit exzellenten Schauspielern anschaulich macht, wie die Nazis davonzukommen versuchten, mit Anmaßung und Lügen, dann mit Trotz, dann mit Weinerlichkeit – sie selbst seien die Opfer, hätten nur Befehle ausgeführt und dabei viel Elend aushalten müssen. Wir werden von „Nazijäger“ daran erinnert, dass dies nicht Geschichte selbst, sondern Geschichtserkundung ist – zu der wir alle aufgefordert sind.

Zum anderen birgt das Filmen des Filmens vor Publikum eine Hoffnung – die, dass wirklich jemand hinschaut. Die kann man nur teilen. Wenn am Jahresende Bilanz gezogen wird, was das öffentlich-rechtliche System denn Wichtiges und Sehenswertes produziert hat, wird „Nazijäger“- Reise in die Finsternis“ ziemlich weit oben auf der Liste stehen.

Die Nazijäger – Reise in die Finsternis. ARD, 16. Januar 2022, 21.45 Uhr. Bereits hier in der Mediathek abrufbar, in drei halbstündige Segmente unterteilt.

Der Filmemacher Raymond Ley

Person
Raymond Ley wurde 1958 in Kassel geboren. Er ist Mitbegründer des Kasseler Dokumentarfilm- und Videofestes. Er gilt seit langem als Spezialist für Dokudramen.

Werk
Ley ist für seine Arbeiten vielfach ausgezeichnet worden. Unter anderem hat er gedreht: „Die Nacht der großen Flut“ (2005“) über die Hamburger Flutkatastrophe von 1962; „Eschede Zug 884“ (2007/2008); „Eichmanns Ende: Liebe, Verrat, Tod“ (2010); „Die Kinder von Blankenese“ (2010); „Meine Tochter Anne Frank“ (2014);

„Eine mörderische Entscheidung“; „Schuss in der Nacht – Die Ermordung Walter Lübckes“ (2020); „Der große Fake – Die Wirecard-Story“ (2021).