Die latino-us-amerikanische Fotografin Thalía Gochez aus Los Angeles dokumentiert ihre Nachbarschaft. Dabei rückt sie Frauen aus ihrer migrantisch geprägten Lebenswelt in den Mittelpunkt. Manchen dürften die Fotos in der Galerie Kernweine bekannt vorkommen.

Kultur: Kathrin Waldow (kaw)

Bunt, gestylt, teils offenherzig und ernst sind die Protagonistinnen auf den Fotos in den Straßen von Los Angeles. Sie stehen in Schmuckläden, Supermärkten, Küchen, laufen spazieren, posieren vor ihren Arbeitsstellen oder in ihren Häusern. Manchmal zu zweit, manchmal mit Hund oder Huhn, oft alleine und immer mit bedeutungsvollem Blick.

 

Eingefangen hat die Szenen die latino-us-amerikanische Fotografin Thalía Gochez in einem hauptsächlich von Latinos bewohnten Viertel in San Francisco. Die Autodidaktin lebt in Los Angeles, hat mexikanisch-salvadorianische Eltern und will ihrer Community mit ihren Arbeiten Tribut zollen. Der Titel der Schau, die die Galerie Kernweine in Stuttgart-Süd derzeit zeigt, lautet „¿De dónde eres?“ (deutsch: Woher kommst du?). Gochez geht es laut dem begleitenden Text zur Ausstellung um nichts weniger als um die Fragen von Heimat und Identität. Sie wolle die Verbundenheit der Bewohnerinnen mit ihrem Wohnviertel vermitteln und zeigen, wie sehr das Umfeld, die Menschen prägt und andersherum.

Gemeinsame Herkunft und Gemeinschaft

Gentrifizierung ist mitunter der Anstoß für die Arbeiten. Denn eine immer größere werdende Anzahl von Bewohnern sei aus dem Viertel bereits vertrieben worden. Was Gochez und ihre Porträtierten eint, sind ihre lateinamerikanischen Wurzeln und ein kollektives Verständnis von Gemeinschaft und Herkunft, schreibt sie. Und so stellt Gochez mit ihren selbstsicher posierenden Frauen klar, wer hierher kam, von ganz woanders, und sich was aufgebaut, Fuß gefasst oder Heimat gefunden hat, vielleicht in zweiter oder dritter Generation zuhause ist, ist fest verwurzelt.

Was die Stimmung der Bilder angeht, bekommt vor diesem Hintergrund vielleicht weniger das Gefühl von Trostlosigkeit, Einöde oder Perspektivlosigkeit, sondern vielmehr die mitschwingende Angst nun wieder weichen zu müssen präsentiert.

Die Künstlerin war bereits in der Staatsgalerie zu sehen

Der einzige fotografierte Mann in der Schau ist übrigens seitlich von hinten zusehen, wie er ein Kleinkind mit Schleife im Haar auf den Schultern trägt. Wie dieses Kind wohl in Zukunft die Gegend erleben wird? Die Fotografin ist jedenfalls darum bemüht, eine Art kulturelles Erbe ihrer Gemeinschaft bewahren. Ein Teil davon hängt an den Wänden in Stuttgart-Süd. Viele der knapp 40 Fotos kommt in kleinen Formaten daher, ein paar wenige sind in Postergröße aufgehängt, was ihre Aussage und Wirkung unterstreicht. Das war vor allem in noch größeren Formaten letzten Herbst in Stuttgart zu erleben. Gezeigt wird ihre Fotoserie nicht zum ersten Mal hier. Bereits im letzten Jahr wurde Oliver Kröning von der Galerie-Kernweine auf Gochez aufmerksam, als er die Schau „Who am I? - I am“ in der Staatsgalerie kuratierte. Dort waren einige der Porträts sehr großformatig an den hohen Wänden der Staatsgalerie zu sehen – flankiert von Arbeiten rund um das Thema, Identität, Sexualität und Gesellschaft der Kunstschaffenden Carlota Guerrero aus Spanien, Lin Zhipeng aus China und Slava Mogutin (USA/Russland). Nun gehört die Galerie bis Ende Juni allein der Künstlerin Thalía Gochez und ihrer Nachbarschaft.

Thalía Gochez „¿De dónde eres?“: bis 25. Juni, Galerie Kernweine, Cottastraße 4-6, Stuttgart, Di+ Mi 10-22, Do- Sa ab 10, So 10-18 Uhr, https://www.galerie-kernweine.com/