Bachs „Johannespassion“ in Stuttgart-Möhringen Das „Kreuzige“ scheint aktueller denn je

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Kantor Leonhard Völlm bereitet sich mit der Martinskantorei, der Capella Sancti Martini und Solisten auf die Aufführung der „Johannespassion“ in der Martinskirche vor.

Vertraut mit Bachs „Johannespassion“:  der Kantor Leonhard Völlm. Foto: Sabine Schwieder
Vertraut mit Bachs „Johannespassion“: der Kantor Leonhard Völlm. Foto: Sabine Schwieder

Möhringen - Die „Johannespassion“ von Johann Sebastian Bach ist kurzweilig und zugleich dramatisch. Eine Einstiegsdroge in die Beschäftigung mit Passionsmusiken. So sieht es zumindest Leonhard Völlm, der Kantor an der Möhringer Martinskirche. Er bereitet derzeit mit der Martinskantorei, der Capella Sancti Martini und Solisten eine Aufführung der Bach’schen Komposition (BWV 245) vor. Das Resultat intensiver Proben ist am Sonntag, 2. April, um 19 Uhr zu erleben.

110 Sängerinnen und Sänger

Die Martinskantorei, ein Chor mit einer mehr als 125-jährigen Tradition, besteht momentan aus 110 Sängerinnen und Sängern im Alter von Mitte 20 bis Anfang 80. Es gibt keine Zugangsvoraussetzungen und demzufolge sehr unterschiedliches sängerisches Niveau, doch die Mitglieder eint das Bestreben, musikalisch hohen Ansprüchen zu genügen. Er sei absolut begeistert vom Musizierwillen des Chores, lobt dessen Leiter. Das schwäbische Motto „Laut ist gut“ gelte in Möhringen nicht: „Es gibt jenseits der Lautstärke so viele Möglichkeiten, sich musikalisch auszudrücken.“

Aggressivität und Unerbittlichkeit

Völlm hat sich in den vergangenen Monaten intensiv mit der Partitur der „Johannespassion“ beschäftigt und viele spannende Aspekte entdeckt. „Der Tatort im Fernsehen ist ein Witz dagegen“, meint er. Als Beispiel nennt er das „Kreuzige, kreuzige“ im zweiten Teil. Der Chor vertritt an dieser Stelle die tobende, sich aufschaukelnde Menschenmenge. „Es ist wie in einem antiken Drama, und doch geht es um einen sehr aktuellen Stoff“, erläutert der Kantor: Das Thema Volksverhetzung, der Auftritt eines wütenden Mobs, die Aggressivität und Unerbittlichkeit seien auch in der Gegenwart zu beobachten. Ob die Menge „Kreuzige“ oder „Wir sind das Volk“ schreie, das empfände er beides als beängstigend.

Völlm sieht sich nicht vorrangig als Chorleiter, sondern ebenso als Regisseur. Während die Choräle als Kommentar zum Geschehen zu verstehen sind, geht es bei den Chören auch darum, die erzählte Geschichte dramaturgisch zu veranschaulichen. Er versuche dabei, Bilder für die Sänger zu finden. Wenn der Chor beispielsweise singt „Wir haben ein Gesetz“, dann habe er ein Foto vor Augen, das einen Bahnbeamten in historischer Uniform zeigt: „Der hängt seine Gesetzestexte im übertragenen Sinn auf die Wäscheleine.“

Zeitgenössische Instrumente

Die Musiker der Capella Sancti Martini spielen auf zeitgenössischen Instrumenten. Die Historische Aufführungspraxis, so Völlm, passe nicht recht zu einem so großen Chor. „Man kann Bach natürlich nicht neu erfinden“, sagt der Kirchenmusiker, „aber ich erinnere mich mit Grausen an die Schallplatten meiner Kindheit. In der Harmonik der Komposition steht so viel drin, und auch die Rezitative und Arien dürfen nicht zu brav gesungen werden.“

Spenden erbeten Das Konzert am Sonntag, 2. April, in der Martinskirche am Oberdorfplatz beginnt um 19 Uhr; Einlass ist ab 18.15 Uhr. Neben der Martinskantorei und der Capella Sancti Martini wirken mit: Sabine Fock, Sopran, Anneka Ulmer, Alt, Marcus Elsässer, Tenor, Bernhard Hartmann, Bariton. Der Eintritt ist frei; Spenden in Höhe von 15 bis 20 Euro sind willkommen.

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