Barmer-Report offenbart Probleme Vor allem junge Pflegebedürftige vernachlässigt

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Insgesamt sei die Pflege auf einem guten Weg, sagt die Barmer-Krankenversicherung. Nur eine Gruppe werde stiefmütterlich behandelt: Junge Pflegefälle, die teils wie 80-Jährige leben müssten.

Barmer-Chef Christoph Straub sieht handlungsbedarf. Foto: dpa
Barmer-Chef Christoph Straub sieht handlungsbedarf. Foto: dpa

Berlin - Von der letzten Pflegereform profitieren nicht alle. Die Krankenkasse Barmer hat am Donnerstag bei der Vorstellung ihres aktuellen Pflegereports in Berlin bemängelt, dass besonders junge Pflegebedürftige nicht altersgerecht versorgt würden. „Es fehlen tausende geeignete Betreuungsplätze“, sagte Christoph Straub, der Vorstandsvorsitzende der Barmer. Für die unter 60-Jährigen gibt es laut der Studie fast 7500 teilstationäre und Kurzzeitpflegeplätze zu wenig. „Für junge Pflegebedürftige geht das Angebot an geeigneten Pflegeplätzen vorbei. Wunsch und Wirklichkeit klaffen häufig auseinander“, so Straub weiter.

Der Pflegereport zählt in Deutschland 386 000 Pflegebedürftige, die das sechszigste Lebensjahr noch nicht erreicht haben – was 13,5 Prozent aller 2,86 Millionen pflegebedürftigen Menschen bundesweit entspricht. „Dieser Gruppe müssen Pflegeeinrichtungen künftig verstärkt Rechnung tragen“, sagte Heinz Rothgang, Professor an der Uni Bremen und Autor der Studie; man könne jungen Menschen nicht zumuten, wie 80-Jährige zu leben: „Die wollen ins Fußballstadion und ausgehen.“

Wohngruppen sollen ausgebaut werden

Dabei ist es nicht so, dass die meisten des jüngeren Teils der Pflegebedürftigen an der 60-Jahres-Grenze kratzten. „Der Bedarf verhält sich demografisch wie ein ,U’“, sagte Rothgang. Sprich: Betroffen sind vor allem viele sehr junge Menschen, ab etwa 25 Jahren kommen viele von ihnen – etwa, wenn sie eine Behinderung haben – wieder weitestgehend alleine klar. Und erst Richtung Rentenalter steigt die Zahl der Bedürftigen wieder stark an.

Die Lösung für die jungen Betroffenen sieht die Barmer im Ausbau von Wohngruppen. „Die unerfüllten Wünsche nach einem selbstbestimmten Wohnen vieler junger Pflegebedürftiger müssen für Politik, Bauwirtschaft und Interessenverbände ein Ansporn sein, gemeinsam nach Lösungen zu suchen“, sagte Straub.

Dabei sei das Problem weniger rein finanzieller denn struktureller Natur. Die Umsetzung der Pflegereform der scheidenden schwarz-roten Bundesregierung gilt als die umfangreichste in der Geschichte der Bundesrepublik, die Umsetzung des neuen, „faireren“ Schlüssels der Pflegestufen sei nach einem leicht holprigen Start gut geglückt. Probleme sieht die Krankenkasse dagegen beim Finden von Pflegepersonal. „Je besser die Konjunktur ist, desto schwieriger ist es, Fachkräfte zu finden“, sagte Straub.