Betrugsprozess Schumacher erhebt konkrete Vorwürfe

Von Jürgen Löhle 

Im Betrugsprozess belastet der Profi Schumacher einen Arzt von Gerolsteiner, der Dopingmittel verabreicht haben soll. Die Fronten stehen auch nach dem dritten Verhandlungstag fest, es gibt weiter zwei Versionen.

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Stuttgart - Ist Stefan Schumacher ein „fremdgesteuerter Chaot“, wie Hans-Michael Holczer am Dienstag erregt im Saal 1 des Stuttgarter Landgerichts polterte? Oder ist er, der einst so engagierte Antidoping-kämpfer, jahrelang Mitwisser oder zumindest Wegschauer bei den Dopingpraktiken in seinem Radteam Gerolsteiner gewesen?

Die Fronten stehen auch nach dem dritten Verhandlungstag fest, es gibt weiter zwei Versionen: hier der angeklagte Radprofi Schumacher, der sich, weil vertragswidrig gedopt, etwa 150 000 Euro Gehalt erschlichen haben soll; da sein ehemaliger Arbeitgeber Hans-Michael Holczer, der von Schumachers Doping nichts gewusst haben will, also laut Staatsanwaltschaft Betrugsopfer ist. Stunde um Stunde versuchten auch gestern die drei Berufsrichter der  Großen Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts Licht in den düsteren pharmakologischen Alltag des Profiradsports zu bekommen. Aber auch am Ende des dritten Tages bleibt die Sache nebulös und schwer zu greifen, da Aussage gegen Aussage steht.

Aber wer kann Licht ins Dunkel bringen? Je länger der Prozess dauert, desto klarer wird zumindest eines – den Schlüssel zur Wahrheit haben die ehemaligen Teamärzte in der Hand. Mehr als zehn verschiedene Mediziner arbeiteten von 1999 bis 2008 beim Team Gerolsteiner, für Holczer ein Akt normaler gesundheitlicher Vorsorge, aber auch zur Überwachung der Anwendung legaler Pharmazeutika. Schumacher schildert die Weißkittel dagegen als überwiegend von Holczer installierte Doping-Erfüllungsgehilfen, die nicht nur sagten, wie es geht, sondern die Medikamente teils auch besorgten. Und gestern wurde er konkret: Der Nürtinger schilderte eine Szene, wie ein Arzt des Teams vor seinen Augen einem Kollegen das Dopingmittel Synacthen spritzte. Und das will Schumacher Holczer auch erzählt haben, was der gestern postwendend verneinte. Schumacher nannte dabei sowohl den Namen des Arztes als auch den des Profis. Bei dem Mediziner lief gestern nur der Anrufbeantworter.

Fünf Mal Einblicke in den Sumpf des Profiradsports

Die Ärzte rücken also immer mehr in den Mittelpunkt. Und sie sind es wohl auch, die die Fragen nach offenen Medikamentenkoffern, Bluttransfusionen im Hotel und Epo-Handel im Team am ehesten beantworten können – und ob Holczer das wusste oder nicht. Mark Schmidt, auch einer der Mannschaftsärzte, war bereits als Zeuge geladen, will aber nicht kommen. Dem nun gestern von Schumacher genannten Internisten könnte eine Schlüsselrolle zukommen – wenn er denn als Zeuge geladen wird. Da er sich allerdings selbst nicht belasten muss, ist das eher unwahrscheinlich.

Zumal das Nichtssagen und Nichtssehen ja offenbar Programm ist im Profiradsport. Bereits am Vormittag hatte Christian Henn, einer von Holczers Sportlichen Leitern bei Gerolsteiner, einen Einblick in die Realitäten aus seiner Sicht gegeben. Einen erschreckenden und manchmal fast rotzig-trotzigen Einblick. Henn, selbst geständiger Doper in seiner Zeit als Profi beim Team Telekom, will sich in seinem neuen Job bei Gerolsteiner sicher gewesen sein, dass Doping kein Thema mehr sei. Epo, so Henn, sei ja seit Anfang des Jahrtausends nachweisbar. Deshalb habe er sich auch nie gefragt, wie die Fahrer wohl in Form kommen, was Zentrifugen zur Blutanalyse beim Team zu suchen hätten oder was denn so in den Medizinkoffern alles lagere. Sein Kredo: nicht mein Job. Henn fühlte sich zuständig für die Nominierung der Fahrer und die Taktik. Ansonsten vermittelte er vor Gericht eine Haltung, die wohl üblich ist im Radsport. Wer nicht fragt, muss auch nicht mit der Antwort leben. „Wie die Leute in Form kamen, war deren Sache“, sagte Henn.

Während der Befragung durch Schumachers Anwälte räumte Henn aber ein, sich selbst aus Eigenerfahrung gut mit Doping auszukennen, sein ganzes Wissen aber mit dem Wechsel zum Team Gerolsteiner sozusagen an der Garderobe abgegeben zu haben. Vor allem will Henn nie den Verdacht gehabt haben, dass einer seiner Fahrer dope. Fünf Verhandlungstage gibt es noch gratis Einblicke in den Sumpf des Profiradsports. Außer einem „in dubio pro reo“ für Schumacher kann eigentlich nichts rauskommen. Oder es gibt doch noch einen Weißkittel mit Courage, der sich über Doping konkret äußert?