Coronavirus Warum viele Pflegekräfte die Impfung scheuen

Manche gehen davon aus, dass das Interesse an der Impfung nach und nach steigen wird. Foto: dpa/Marijan Murat
Manche gehen davon aus, dass das Interesse an der Impfung nach und nach steigen wird. Foto: dpa/Marijan Murat

Seit bald drei Wochen wird gegen Corona geimpft, doch nicht jeder, der darf, will. In Pflegeheimen ist die Bereitschaft unter den Mitarbeitern teils gering, das gilt auch für die Filderebene. Eine Spurensuche nach den Gründen.

Filder - Nach Weihnachten gab es im Seniorenzentrum in Schönberg noch einmal Geschenke. Das mobile Impfteam brachte den von vielen ersehnten Corona-Impfstoff für die Senioren sowie die Pfleger. Doch viele zögerten. Nur ein Fünftel der 60 Mitarbeiter machte mit. Gut zwei Wochen später ist die Skepsis kaum gewichen.

Vier, fünf weitere Personen hätten sich in der Zwischenzeit gemeldet, „aber das ist nicht die Masse, die es braucht“, sagt Markus Bartl, der Fachbereichsleiter Altenhilfe. Er gibt sich betont neutral. Er befürworte, dass jeder selbst entscheiden könne, gleichwohl sagt er: „Ich glaube, die Impfung ist der einzige Weg aus der Pandemie.“ Dennoch tut sich im Team wenig. Viele hätten Angst vor Langzeitfolgen, glaubt er, „das Vertrauen ist noch nicht hergestellt“.

Markus Söder ist ungeduldig geworden

Nicht nur Markus Bartl wünscht sich, dass sich rasch mehr Pfleger impfen lassen. Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder ist ungeduldig geworden und hat jüngst eine Impfpflicht für diese Berufsgruppe ins Spiel gebracht und Druck aufgebaut, denn es gebe „unter Pflegekräften in Alten- und Pflegeheimen eine zu hohe Impfverweigerung“. Auf der anderen Seite aber spricht Filomena Nigro, die stellvertretende Leiterin des Pflegeheims St. Barbara in Möhringen, von großem Druck, der ohnehin schon auf den Fachkräften lastet. „Das ganze letzte Jahr war sehr anstrengend und belastend“, die Entscheidung, ob sie sich impfen lassen wollen oder nicht, habe viele in dieser Situation überfordert. „Wir mussten das innerhalb einer Woche erfragen“, sagt Filomena Nigro.

Sie ist eine Impfbefürworterin und hat sich längst piksen lassen. Nur ein kleiner Teil der Belegschaft, etwa 20 Personen, sei ihrem Beispiel gefolgt. Auch, weil im Internet angsteinflößende Meldungen kursierten. Nigro erzählt von Contergan-Vergleichen und der Sorge, unfruchtbar zu werden. Oftmals übe das soziale Umfeld großen Druck aus. „Ich hatte schon eine Mitarbeiterin, die weinend vor mir saß.“

Hassbotschaften auf der Facebook-Seite

Ähnliche Erfahrungen macht Frank Ulrich. Er ist der Geschäftsführer der Paritätischen Sozialdienste (Pasodi), die neun Pflegeeinrichtungen betreiben, darunter zwei in Hoffeld und Vaihingen, und auch er berichtet von „abstrusen Gedanken“ und Hassbotschaften, die Impfgegner und Verschwörungstheoretiker auf der Pasodi-Facebookseite hinterlassen. Ob so etwas Pflegekräfte beeinflusst? Frank Ulrich weiß es nicht. Was er aber weiß: In einem seiner Häuser im Schwarzwald wollen sich nur fünf Prozent der Mitarbeiter impfen lassen.

Es gibt aber auch Pflegekräfte, die den Piks kaum erwarten können. Kirsten Alber aus Plattenhardt hat ihre Impfung am 3. Januar an ihrem Arbeitsplatz erhalten. „Ich fand das eine ganz tolle Chance“, weil es so bequem gewesen sei und weil sie wegen einer Vorerkrankung selbst Risikopatientin sei, ihr Ehemann ebenfalls. „Ich habe meine Ärztin gefragt, ob ich mich impfen lassen kann, und mich dann gleich angemeldet“, sagt die 57-Jährige. Die Zögerlichkeit anderer kann sie nicht nachvollziehen. Für sie ist die Spritze der Weg zurück ins normale Leben. Das Risiko, schwer an Covid zu erkranken, hält sie zudem für weit größer als das von Nebenwirkungen. Kirsten Alber jedenfalls hat keine gehabt. Lediglich der Arm habe ihr einen Tag lang wehgetan.

124 Mitarbeiter haben sich pro Impfung positioniert

Der Pasodi-Chef Frank Ulrich kann ebenfalls von positiven Beispielen berichten. Im Lothar-Christmann-Haus in Hoffeld hätten sich 124 Mitarbeiter pro Impfung positioniert; etwa 80 Prozent der Belegschaft. Er glaubt, dass das Personal dort die Hoffnung auf ein normales Leben eint. Zudem habe es in Pasodi-Häusern auch Tote gegeben. Das habe manchen womöglich beeinflusst. „Wir haben das öffentlich gemacht, damit die Mitarbeiter wissen: Das kann uns passieren“, sagt er.

Auch beim Träger des Heims in Stuttgart-Schönberg, der Bruderhaus-Diakonie, will man weiter aufklären und werben. Derzeit wird eine neue Impfkampagne vorbereitet. Filomena Nigro aus Möhringen glaubt, dass die Bereitschaft ohnehin noch steigen wird, je mehr die Impfung gut vertragen haben. „Das hört man jetzt schon raus. Ich denke, das Interesse wird größer.“




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