Degeto-Chefin Reitz im Interview „Sparen schreckt mich jetzt nicht mehr“

Krisenfest: Bettina Reitz, die Geschäftsführerin der ARD-Filmtochter Degeto. Foto: dpa
Krisenfest: Bettina Reitz, die Geschäftsführerin der ARD-Filmtochter Degeto. Foto: dpa

Die Degeto-Chefin Bettina Reitz sieht bei den ARD-Fernsehfilmen noch Spielraum. Zudem blickt sie auf ihre bald endende Zeit bei der Produktionsfirma zurück.

Stuttgart - Gerade hat die ARD Christine Strobl zu ihrer Nachfolgerin gewählt. Doch noch ist Bettina Reitz bei der skandalerschütterten ARD-Produktionsfirma Degeto als Geschäftsführerin am ­Ruder – Zeit für eine vorläufige Bilanz.


Frau Reitz, erst kürzlich hat die ARD Ihre Nachfolgerin als Degeto-Chefin gekürt. Gibt es etwas, dass Sie Christine Strobl mit auf den Weg geben wollen?
Ich schätze Christine Strobl als ARD-Kollegin und bin mir sicher, dass sie die vielfältigen Aufgaben der Degeto engagiert und stets lösungsorientiert angehen wird.

Konnten Sie selbst in Ihrer kurzen Degeto-Zeit überhaupt etwas bewegen?
In München sagt man gerne: „Ein bisschen was geht immer.“ Ich habe das Glück, dass ich noch vom Bayerischen Rundfunk aus interessante Produktionen mit der Degeto anschieben konnte, darunter den Film „Türkisch für Anfänger“, der gerade in den Kinos läuft. Auch auf Herbert Knaup als „Kluftinger“ darf man gespannt sein. Außerdem gibt es wichtige Beteiligungen an großen Produktionen wie „Der Turm“ vom MDR oder „Ludwig II.“ vom BR.

Standen Sie beim BR als neue Fernsehdirektorin im Wort?
Ich stand nicht im Wort. Der BR-Intendant Ulrich Wilhelm hat mich im Spätsommer 2011 gefragt. Nach intensiver Überlegung habe ich mich entschieden, mich der Wahl zur Direktorin zu stellen. Ich kenne den BR und seine Mitarbeiter; mich erwartet dort eine überaus interessante Aufgabe. Andererseits fällt es mir nicht leicht, die Degeto zu verlassen, da ich mich auf diese Herausforderung gefreut hatte. Aber aktuell sieht meine Arbeit hier ganz anders aus als ursprünglich gedacht.

Haben die Degeto-Missstände Ihre Entscheidung für den BR erleichtert?
Auch wenn ich mit großem Einsatz versuche, die Krise bei der Degeto zu bewältigen, bleibe ich die Überbringerin schlechter Nachrichten. Ein kraftvoller Beginn wäre so nur schwer möglich. Deshalb erscheint es mir richtig, den Weg für einen unbelasteten optimaleren Neustart frei zu räumen.

Waren Sie schockiert, als Sie kurz nach Ihrem Antritt erkennen mussten, dass Sie für längere Zeit aufgrund finanzieller Altlasten kaum Gestaltungsspielraum haben?
Die Missstände haben sich früh abgezeichnet, aber das ganze Ausmaß konnten wir erst nach etwa drei Monaten erkennen. Daraufhin haben die Aufsichtsgremien sehr schnell und effektiv reagiert. Seither ist viel passiert.

Glauben Sie, dass die Kompetenzen ihrer Nachfolgerin eingeschränkt werden?
Nein, aber dass mehr Transparenz und Kontrolle nötig sein werden, liegt auf der Hand. Inhaltliche Entscheidungen und Produktionsvergabe müssen nachvollziehbar und überprüfbar sein.

Wird der Einfluss der Degeto vielleicht sogar wachsen, weil ARD-Sender wegen des Sparzwangs weniger eigene Filme herstellen?
Für mich liegt die Zukunft in Kooperationen, vor allem für größere und finanziell aufwendigere Vorhaben. Es wird sicher nicht einfacher, die vielfältigen Aufgaben und Wünsche auch zu erfüllen.

Die Degeto ist ja enorm effizient: wenig Personal, viele Produktionen. Trotzdem fordern Sie, die Organisation müsse sich ändern. In welcher Hinsicht?
Das bezieht sich vor allem auf unsere in­terne Struktur. Abläufe, Kommunikation, Entscheidungstransparenz et cetera werden aktuell optimiert. Hier stehen für die Zukunft wichtige Weichenstellungen an. Gerade diese schlanke Struktur benötigt aber eine besondere Ausstattung, um die großen Anforderungen für die ARD bewältigen zu können.

Die ARD hat sich zwar mit Ihrem früheren Co-Geschäftsführer Hans-Wolfgang Jurgan geeinigt, aber er steht trotzdem als böser Bube da. Hat er mit seiner Arbeit nicht auch dazu beigetragen, das Süßstoffimage der Degeto abzubauen?
Jurgan hat sicherlich qualitativ herausragende Produktionen unterstützt, aber aus meiner Sicht ging die Qualitätsoffensive doch sehr stark von den Landesrundfunkanstalten und den dortigen Fernsehfilm­abteilungen aus. An ihrem Image muss die Degeto trotz qualitativ auffallender Produktionen weiter arbeiten. Dennoch ist und war sie nie so schlecht wie ihr Ruf.

Von den derzeitigen Querelen mal abgesehen: Ist die Degeto mit ihrem riesigen Etat nicht das letzte Paradies in der ARD?
Das Paradies ist eine schöne Idee, die sich leider – wie fast alle schönen Ideen – an der Realität messen lassen muss.

Die Branche kennt und schätzt Sie als Pro­duzentin und Redakteurin herausragender Fernsehfilme. Als Fernsehdirektorin werden Sie viel stärker mit Verwaltungsaufgaben befasst sein. Werden Sie es nicht vermissen, fiktionale Projekte auf den Weg zu bringen und zu begleiten?
Das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beantworten. Aber ich empfinde es in jedem Fall als spannende Herausforderung, mit Programmerfahrung und Kreativität meine neue Aufgabe anzugehen. Ich kenne das große Potenzial der Programmverantwortlichen beim Bayerischen Rundfunk und freue mich auf eine engagierte Zusammenarbeit.

Zumal die Gebühren nicht erhöht werden, Sie müssen also faktisch mit weniger Geld auskommen. Das schreckt Sie nicht?
Ehrlich gesagt: nach meinen jüngsten Erfahrungen kann mich die Aussicht zu sparen nicht mehr erschrecken.
Das Gespräch führte Tilmann Gangloff.



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