Der Mythos der JVA Stammheim Vom Vorzeigeknast zur „Terroristen-WG“

Von George Stavrakis 

Im Herbst jährt sich der sogenannte deutsche Herbst zum 40. Mal. 1977 hatten sich Terroristen der Roten Armee Fraktion in Stammheim umgebracht.

Das Gefängnis in Stuttgart-Stammheim, wie es 1977 ausgesehen hat Foto: Horst Rudel
Das Gefängnis in Stuttgart-Stammheim, wie es 1977 ausgesehen hat Foto: Horst Rudel

Stuttgart - Im Oktober wird es 40 Jahre her sein, dass sich die Führungsriege der Roten Armee Fraktion (RAF) umgebracht hat. Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe hatten in ihren Zellen im berühmt-berüchtigten 7. Stock der Justizvollzugsanstalt (JVA) Stuttgart-Stammheim Suizid begangen. Irmgard Möller, ebenfalls in Stammheim inhaftiert, überlebte schwer verletzt. Ulrike Meinhof hatte sich bereits im Mai 1976 erhängt. Spätestens seit den Suiziden der RAF-Terroristen gilt Stammheim weltweit als Mythos. „Es ist in Vergessenheit geraten, dass Stammheim ursprünglich als moderne und humane Justizvollzugsanstalt mit Vorbildcharakter konzipiert worden war“, sagt Sabine Bergstermann.

Die Historikerin hat im Rahmen ihrer Dissertation das Buch „Mythos Stammheim“ geschrieben, in dem sie die Geschichte der JVA Stammheim erstmals quellengestützt darstellt. Dabei legt sie den Fokus auf die Entstehung des Gefängnisses, kommt aber natürlich nicht an der RAF-Zeit vorbei.

Die erste Haftanstalt der Bundesrepublik Deutschland

Bereits 1930 war der Plan gefasst worden, für den Raum Stuttgart eine neue Vollzugsanstalt zu bauen – als Untersuchungsgefängnis. 1938 kaufte das Land Baden-Württemberg dafür ein knapp sieben Hektar großes Gelände im nördlichsten Stadtteil der Landeshauptstadt: Stammheim. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstand dort allerdings eine Flüchtlingssiedlung, die zeitweise bis zu 2500 Menschen beherbergte. 1959 begann schließlich der Bau der Haftanstalt für 800 Insassen. „Der Neubau bedeutete in zweierlei Hinsicht eine Premiere“, so Bergstermann. Stammheim sei nicht nur die erste Haftanstalt gewesen, die in der Bundesrepublik überhaupt geplant wurde, sondern auch die erste in Hochbauweise.

Der im Herbst 1963 für 20,5 Millionen Mark erstellte Neubau umfasste den achtstöckigen Zellentrakt für Männer mit 650 Plätzen und den fünfstöckigen Trakt für 150 Frauenplätze. Die Anordnung und Ausstattung der Gefängniszellen orientierte sich an den Prinzipien „absoluter Einfachheit, bei größtmöglicher Sicherheit und unbedingter Hygiene“. Der 7. Stock des Männerhochhauses, der zur RAF-Zeit Berühmtheit erlangen sollte, war für minderjährige Häftlinge konzipiert worden. „Die jungen Gefangenen sollten von den alten Hasen getrennt werden“, sagt Bergstermann. Die Möglichkeit, die hier untergebrachten Insassen räumlich vollständig trennen zu können, sei dann zwölf Jahre später ausschlaggebend gewesen für die Entscheidung, die RAF-Mitglieder im sogenannten kurzen Flügel des 7. Stocks zu inhaftieren, führt die Historikerin aus.

Bau fast so teuer wie der Wiederaufbau des Neuen Schlosses

Schon vor Fertigstellung fand der „Vorzeigeknast“ Niederschlag in der Presse. So schrieb die Stuttgarter Zeitung 1961, es bestehe keine Hoffnung auf Besserung der bis dato teilweise haarsträubenden Verhältnisse in deutschen Gefängnissen, „bis der Tag anbricht, da sich Stammheims Tor zur Premiere“ öffne. Die Stuttgarter Haftanstalten wurden als „Elendsquartiere“ abqualifiziert, in denen die Häftlinge auf „engstem Raum bei unerträglichem Mief“ zusammengepfercht seien, zitiert Bergstermann die Stuttgarter Zeitung.

Es habe aber auch Kritik gegeben, so die Autorin. So titelte die Deutsche Zeitung im April 1963: „Hotel für Gangster und Ganoven – Stuttgart baut das modernste Gefängnis der Bundesrepublik“. Der Rheinische Merkur ätzte, der Bau des „Ganoven-Silos“ sei fast genauso teuer wie der Wiederaufbau des Neuen Schlosses. Aus dem Ausland wurden die Knast-Erbauer dagegen von Interessierten fast überrannt. Schon 1960, so berichtet Bergstermann, sei ein Modell der JVA auf dem Internationalen Kongress zur Verhütung von Verbrechen in London gezeigt worden. Noch vor Fertigstellung besuchte eine französische Delegation aus Juristen und Politikern den Rohbau.

Die Stuttgarter Zeitung berichtete, die französischen Gäste seien begeistert gewesen und hätten Stammheim als „bedeutenden Fortschritt auf dem Weg zur Humanisierung des Strafvollzugs“ gelobt. Auch die USA interessierten sich für die neuartigen Sicherheitstechnologien auf dem einstigen Rübenacker. Die Stuttgarter Nachrichten schrieben von „einer Art New Look im deutschen Strafvollzug“ und von einer „Musteranstalt“. Stuttgart-Stammheim komme in mehrfacher Hinsicht ein „Vorbildcharakter“ zu. Es wurde gar geschwärmt von einem „Gefängnis der Superlative“, Stammheim sei die „höchste, die modernste, die sicherste und gewiss auch die schönste Strafanstalt“.

Anfang der 1970er Jahre sei die Stimmung umgeschlagen, schreibt Bergstermann. Überbelegung, fehlende Arbeitskräfte, mangelhafte Ernährung und schlechte medizinische Versorgung wurden kritisiert.

Und dann kam die Rote Armee Fraktion. 1974 wurden Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe nach Stammheim in den ominösen 7. Stock verlegt. Fortan war das Bild zweigeteilt. RAF-Unterstützer geißelten die Vorzeige-JVA als Anstalt für Vernichtungshaft und Isolationsfolter. Der journalistische Boulevard schrieb von „Terroristen-WG“ und bezeichnete die Bundesrepublik als „schwachen Staat“. Die CSU nannte Stammheim einen „Rückzugsort für Terrorplanungen“.

RAF-Suizide begründen den Mythos Stammheim

Der Tod der RAF-Terroristen zementierte schließlich den Ruf der JVA Stuttgart-Stammheim als Mythos. Plötzlich standen Sicherheitsdefizite zur Debatte. Sabine Bergstermann fragt sich beispielsweise, wie Schusswaffen zu den RAF-Leuten in die Zellen gelangen konnten. Den Selbstmord zieht die Autorin nicht in Zweifel, aber sie sagt, man habe es wissentlich zugelassen, dass sich die RAF-Leute umbrachten. Man habe weggesehen. So sei die Videoüberwachungsanlage just in der Nacht zum 18. Oktober 1977, in der sich Baader, Ensslin und Raspe selbst töteten, angeblich ausgefallen. Auch sei der damalige Wachhabende ausgerechnet in jener Nacht abberufen worden, um in einem anderen Zellentrakt auszuhelfen. „Es gibt zahlreiche ungeklärte Fragen und viele Widersprüche“, sagt Bergstermann – auch 40 Jahre nach dem sogenannten Deutschen Herbst.

Dr. Sabine Bergstermann: „Mythos Stammheim. Von der modernen Haftanstalt zum Symbol der Auseinandersetzung zwischen Staat und RAF“. Verlag De Gruyter Oldenbourg. Berlin 2016. Preis: 44,95 Euro. ISBN: 978-3-11-040482-1

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